Lehrmeister contra Schnorrer

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„Ein Wirtschaftsminister, der den Deutschen passt? Nein, danke!“: Lega-Chef Matteo Salvini. Foto: Reuters

Die Stimmung zwischen Deutschland und Italien sinkt noch vor der Vereidigung der neuen populistischen Regierung auf einen Tiefpunkt. Vor allem eine Personalie bringt die sowieso schon erhitzten Gemüter in Wallung.

deutsch-italienisches Verhältnis

Von Annette Reuther

Rom – Deutschland gegen Italien – zumindest bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wird es diesen Klassiker in diesem Jahr nicht geben. Dafür gibt es einen umso härteren Schlagabtausch auf dem politischen Parkett. In Italien fühlt man sich belehrt vom deutschen Zeigefinger, der schneller gehoben wird, als die neue Regierung überhaupt beginnen kann. In Deutschland sorgt man sich wegen geplanter Mehrausgaben der populistischen Koalitionspartner Fünf-Sterne-Bewegung und Lega und befürchtet schon eine neue Euro-Krise.

Eine heikle Personalie brachte da nur das Fass zum Überlaufen: die des künftigen Finanzministers. Die rechtspopulistische Lega beharrt auf dem ausgemachten Euro- und Deutschland-Kritiker Paolo Savona. Und weil Italien hochverschuldet ist und unter der neuen Regierung noch mehr Schulden machen will, ist das eines der wichtigsten Ämter der künftigen Regierung aus Lega und Fünf Sternen.

Der gebürtige Sarde lässt die Emotionen hochkochen, obwohl er noch gar nicht ernannt ist. Seine Thesen sind in der Tat nicht sehr schmeichelhaft für die Deutschen. So sagt er den „tedeschi“ immer noch Kolonialmachts- und Nazi-Fantasien nach. In seiner Autobiografie heißt es: „Deutschland hat seine Vision für seine Rolle in Europa nach dem Nationalsozialismus nicht geändert, obwohl es sich von der Vorstellung verabschiedet hat, dies mit Waffengewalt durchzusetzen.“ Italien müsse deshalb einen „Plan B“ ausarbeiten und sich so auf einen Ausstieg aus dem Euro gefasst machen. Wenn die Italiener diesen Plan hätten, würden sie von den Deutschen auch besser behandelt. Die Personalie birgt also einiges an Zündstoff. Der ehemalige italienische Finanzminister Vincenzo Visco sprach von einer radikalen und selbstmörderischen anti-deutschen Haltung, die Savona habe und die dem ganzen Land schaden könne.

Die Kritik an der Koalition aus Fünf Sternen und Lega aus Deutschland reißt nicht ab. Der frühere EZB-Chefökonom Otmar Issing kritisierte in der „Welt am Sonntag“ den Anti-Euro-Kurs. „In Italien läuft fast nichts richtig“, sagte Issing. „Wenn man bedenkt, welches Potenzial in diesem Land steckt, ist die Entwicklung wirklich ein Jammer.“ Erschreckend sei, mit welcher Vehemenz in den Medien verbreitet werde, dass Deutschland und der Euro Schuld an der „Misere“ seien. „Und nun stellen sich die Italiener hin und tun so, als habe man sie gegen ihren Willen in den Euro gezwungen, damit Deutschland ihnen die eigenen Exporte aufdrücken kann. Das ist wirklich absurd.“ Doch ein Finanzminister nach deutschem Geschmack ist so ungefähr das letzte, worauf sich Lega-Chef Matteo Salvini einlassen will. Er hat schon lange die Nase voll vom deutschen Lehrmeister – überhaupt: von europäischen Nachbarn, die sich seiner Meinung nach besser um ihre eigenen Angelegenheiten scheren sollten.

Jede Warnung deutscher Politiker in Richtung Rom wird als Einmischung gewertet. Und auf Kommentare deutscher Medien, in denen die Italiener als undankbare „Schnorrer“ bezeichnet werden, die nichts tun, außer die Hand aufzuhalten, reagiert nicht nur Salvini empfindlich. Doch er spricht es aus: „Deutsche Zeitungen und Politiker beschimpfen (uns) als italienische Bettler, Nichtstuer, Steuervermeider, Schnorrer und Undankbare“, twitterte Salvini. „Und wir sollen einen Wirtschaftsminister auswählen, der ihnen passt? Nein, danke!“

Mit Savona als Finanzminister könnte sich die Lega vor ihren Wählern weiter als europakritisch profilieren. Schließlich haben sie ihren Anti-EU-Anstrich mit der Besetzung des Ministerpräsidenten, des gemäßigteren Giuseppe Conte, ein wenig eingebüßt. Nun soll aber auch Staatspräsident Sergio Mattarella etwas gegen die Ernennung Savonas haben und hat dies angeblich dem designierten Ministerpräsidenten Conte klargemacht.

Zu wichtig ist Deutschland für Italien – und umgekehrt.

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