DIE KIEßLINGS AUS BRUCKMÜHL IM LANDKREIS ROSENHEIM WERFEN SEIT ZWEI JAHREN SO GUT WIE NICHTS WEG

Ein Leben ohne Müll – wie eine bayerische Familie Abfall vermeidet

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Eine Tasche aus Stoffresten: Stefanie Kießling und ihre Familie versuchen, ohne Müll zu leben. Im Internet schreibt sie über ihr Experiment: www.zerowastefamilie.de   Dpa

Von Tom Nebe. Bruckmühl – Fast eine halbe Tonne – so viel Abfall verursacht jeder Einwohner Deutschlands pro Jahr.

Das ist die aktuellste Zahl des Statistischen Bundesamtes. Geht es nach der amtlichen Statistik, dann müssten im Haushalt von Stefanie Kießling folglich rund zweieinhalb Tonnen Abfall pro Jahr anfallen. Sie wohnt mit ihrem Mann und den Kindern in Bruckmühl im Landkreis Rosenheim: Die Kießlings sind ein Fünf-Personen-Haushalt. Doch bei der Familie fällt kaum Abfall an. Seit rund zwei Jahren versuchen sie, möglichst ohne Müll zu leben.

Man spricht hier vom Leben mit „zero waste“. Grundidee ist, den Anteil von nicht-verwertbarem Restmüll auf nahezu null zu senken, erklärt Ralf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der effektivste Weg, Abfall zu vermeiden, ist naheliegend: Ihn gar nicht erst ins Haus holen. Das hört sich einfach an, ist in der Praxis aber eine ziemliche Herausforderung. „Am Anfang war es sehr aufwendig“, sagt Stefanie Kießling. Doch mit der Zeit und gewonnener Erfahrung halte sich der Aufwand in Grenzen. Die Devise lautet: Mit Köpfchen einkaufen. Eine detaillierte Einkaufsliste hilft dabei, sich vorher Gedanken über seine Ess-Gewohnheiten zu machen – und wer nach dieser Prämisse einkauft, schmeißt letztlich weniger Produkte weg, die er nicht verbraucht hat.

Aber viele Produkte gibt es im Supermarkt nur verpackt – Pizza, Müsli, Brot und selbst Obst. Kießling stört das. Denn das ist Abfall, den sie recyceln muss. Das mache sie nur zur Not. Sie fährt dann Plastik zum Wertstoffhof, Gläser zum Glascontainer. Denn dafür gibt es bei ihr zu Hause keine eigenen Tonnen. Immerhin: Papier muss sie nicht extra wegfahren, eine Tonne dafür steht vor ihrer Tür. Dennoch kauft sie am liebsten verpackungsfrei ein. Körner für Brot und Müsli holt sie zum Beispiel direkt von einer Mühle. Zum Metzger nimmt sie eigene Gefäße mit, auch an die Käsetheke. Es gibt aber auch Supermärkte, die mehrheitlich unverpacktes Obst und Gemüse haben.

Einzelne Geschäfte in Deutschland gehen noch weiter: In speziellen Läden wie dem verpackungsfreien Supermarkt „Ohne“ in München in der Schellingstraße kann man Kaffee oder Haferflocken abfüllen – ohne dass ein Gramm Müll entsteht. Doch solche verpackungsarmen Läden gibt es längst nicht überall. Um Abfall zu vermeiden, ist auch daheim Kreativität und Engagement gefragt. Bevor Stefanie Kießling, die über ihr Müll-Experiment bloggt, etwas wegwirft, versucht sie, es weiterzuverwenden. Essensreste kocht sie meist zu einem neuen leckeren Essen. Aus Gemüse-Resten macht sie zum Beispiel Gemüsebrühe, aus Apfelresten wird Essig.

Und viele Lebensmittel, die nicht verbraucht werden, können auf den Kompost. Das geht auch ohne Garten, etwa mit kleinen Kompostern, die auf dem Balkon Platz finden, sagt Experte Buschmann. „So wird aus den Essensresten Dünger für die Balkonpflanzen.“ Alles darf aber nicht auf den Kompost, Fleischprodukte zum Beispiel. „Die locken Ratten an“, erklärt Ralf Buschmann.

Stefanie Kießling hat im Laufe der Zeit eine Menge Ideen gesammelt, wie man vermeintlichen Abfall weiterverwenden kann. Sogar die abgetragenen Strumpfhosen der Kinder nutzt sie: Von den Hosenbeinen der Strümpfe schneidet sie Stücke ab, diese ein paar Mal eindrehen – so entstehen Haar-Gummis. Oder man fertigt einiges gleich selbst statt es verpackt zu kaufen: Kaffeesatz dient als Scheuermittel. Natron, Waschsoda und Zitronensäure ergeben richtig gemischt zum Beispiel einen Allzweckreiniger. Das Verwerten und Selber-Machen lässt sich sehr weit treiben, doch es gibt Grenzen: Manche Verpackung und manche Glasflasche lässt sich einfach nicht weiternutzen. In dem Fall sollte man seinen Abfall zumindest trennen. Denn der Prozess des Recyclings sei durch möglichst reine Stoffströme besser zu steuern, sagt Ralf Buschmann.

Auch Stefanie Kießling gelingt es nicht immer, Sachen neu zu nutzen oder zu verwerten. Trotzdem fällt bei ihr Restmüll für die Schwarze Tonne so gut wie gar nicht an. Während jeder Deutsche laut Statistik im Schnitt 162 Kilo Restmüll im Jahr verursacht, füllte der gesamte Restmüll der Familie Kießling im Jahr 2015 ein Einwegglas und den Beutel eines Staubsaugers. Ihre Schwarze Tonne hatten die Kießlings zwischenzeitlich an Freunde verliehen, sie brauchten sie nicht.

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