Kultur-Revolution

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Deutsche Bank kämpft gegen ihren miesen Ruf „Vertrauen ist der Anfang von allem“: Mit diesem Slogan warb die Deutsche Bank einst um die Gunst ihrer Kunden, ehe sie sich in der Ära des Vorstandschefs Josef Ackermann der „Leistung aus Leidenschaft“ und einem waghalsigen 20%-Renditeziel verschrieb.

Ein Jahr nach Ackermanns Abgang wird das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar, in die der Schweizer Deutschlands größtes und angesehenstes Geldhaus geführt hat: Immer gewaltigere Rückstellungen für Prozessrisiken lasten zentnerschwer auf der Ertragskraft des Konzerns. Und, noch fataler: Nur noch jeder fünfte Deutsche vertraut einer aktuellen Umfrage zufolge der Bank, die unter Alfred Herrhausen für Glanz und Gloria des deutschen Kreditwesens stand.

Immer länger wurde zuletzt die Liste der Vorwürfe gegen den Marktführer. Dazu zählen die Manipulationen mit dem Referenzzinssatz Libor ebenso wie die faulen Papiere vom US-Immobilienmarkt, die den Kommunen aufgeschwatzten irren Zinswetten und der groß angelegte mögliche Umsatzsteuerbetrug zu Lasten des Fiskus, dem die Staatsanwälte derzeit nachgehen. Im Klima eines Denkens, das Rendite über alles stellte, verlotterten die Sitten. Folge: Der Börsenwert der Deutschen Bank ist heute kaum höher als vor 20 Jahren, während sich das Börsenbarometer Dax im Kurs vervierfachte. Der von Ackermanns Nachfolger-Duo Jain/Fitschen hastig verkündete „Kulturwandel“ war, wie sich nun zeigt, weniger die großherzige Geste eines reumütigen Managements als vielmehr eine Notoperation zur Rettung eines schwerkranken Patienten.

In einem druckfrischen Wertekatalog müssen sich die rund 100 000 Deutschbanker neuerdings zu „Integrität, nachhaltiger Leistung, Kundenorientierung, Disziplin und Partnerschaft“ verpflichten – zum Unmut des Betriebsrates übrigens, der Abmahnungen im Fall des Zuwiderhandelns ebenso fürchtet wie geschmälerte Boni, weil bestimmte lukrative Geschäfte unterbleiben. In ihrer neuen Magna Charta beteuert die Deutsche Bank nun: „Wir tun das, was nicht nur rechtlich erlaubt, sondern auch richtig ist.“ Dass es mit Anshu Jain ausgerechnet der langjährige Verantwortliche für das besonders betrugsanfällige Investmentbanking ist, der die „Deutsche“ vom Kopf zurück auf die Füße stellen soll, mag mancher bedauern. Immerhin: Keiner weiß besser als Jain, wo er die Axt anzusetzen hat. Wandel reicht nicht. Die Deutsche Bank braucht eine Kultur-Revolution.

Georg Anastasiadis

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