„Krankenkosten steigen doppelt so schnell wie Gehälter“

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Kassen warnen die Bundesregierung vor Kostendynamik und mahnen eine zurückhaltende Ausgabenpolitik an Zur finanziellen Situation der Krankenkassen und einer optimalen Behandlung sprachen wir mit dem Vorsitzenden des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann.

-Experten sagen deutlich höhere Krankenkassenbeiträge für die nächsten Jahre voraus. Was kommt da auf die Versicherten zu?

An Spekulationen beteilige ich mich nicht. Natürlich gibt es noch eine Menge Effizienzreserven im Gesundheitswesen. Aber jeder weiß auch: Gesundheit wird nicht billiger – wegen der demografischen Veränderung und des medizinischen Fortschritts. Wichtig ist, dass die Menschen das sichere Gefühl haben, dass sie für das Geld eine gute Gegenleistung bekommen. Das Gefühl haben heute nicht alle.

-Was muss passieren?

Wir müssen definieren, worum sich der Wettbewerb drehen soll. Sollen die Krankenkassen vor allem um Junge und Gesunde werben, oder wollen wir alle miteinander die Versorgung verbessern? Die beste Versorgung ist der einzig sinnvolle Wettbewerbsparameter.

-Was erwartet die Krankenkassen finanziell?

Die Leistungsausgaben steigen doppelt so schnell wie die Löhne und Gehälter, die die Grundlage für die Beiträge sind. Die gesetzliche Krankenversicherung gibt im Schnitt jedes Jahr vier Milliarden Euro mehr aus, als sie an Beiträgen einnimmt. Wegen eines hohen Steuerzuschusses, der guten Konjunktur und des hohen Beitragssatzes von 15,5 Prozent fiel das eine Zeit lang nicht auf.

-Was soll die Politik machen?

Wichtig ist eine zurückhaltende Ausgabenpolitik. Noch haben wir Milliardenrücklagen. Die Koalition sollte einen Teil der Rücklage nutzen, um in bessere Strukturen zu investieren.

-Der Koalitionsvertrag sieht gutes Geld für gute Behandlungen vor, Abschläge bei Mängeln. Richtig?

Eine Kasse soll für gute Qualität gut zahlen können. Aber für schlechte Qualität will ich gar nicht bezahlen. Es darf nicht heißen: Die neue Hüfte ist nicht ganz in Ordnung, war aber billig.

-Viele Krankenhäuser könnten solche Eingriffe dann gar nicht mehr bieten. Hieße das nicht zu weite Wege für Patienten?

Nein. Wenn man etwa beim Einsatz künstlicher Hüftgelenke auf die 20 Prozent schlechtesten Kliniken verzichtet, verlängern sich die Fahrzeiten im Durchschnitt um zwei Minuten. 50 Kilometer um Essen herum kann ich in rund hundert Kliniken die Hüfte operieren lassen.

-Auf dem Land findet sich dann aber schnell gar kein Krankenhaus mehr, das solche Eingriffe macht. Wäre das nicht fatal?

Wenn mein Vater in Ostfriesland einen Schlaganfall hat, will ich sicher sein, dass er binnen weniger Minuten im Krankenhaus ist. Für die Notfallversorgung brauchen wir vor Ort Krankenhäuser. Aber bei planbaren Eingriffen, sage ich meinem Vater da nicht besser: Fahre zu einer guten Klinik in Oldenburg, Bremen oder Hannover?

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