Was der Koran rechtfertigt – und was nicht

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Eine Frau beim Studium des Korans: Für Muslime enthält er die wörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed

Seit Jahren morden IS-Terroristen im Irak und in Syrien. In ihrem Kalifat gelten Gesetze, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind.

Gerechtfertigt werden die Massentötungen, Enthauptungen und Verstümmelungen mit Hinweisen auf den Koran – und der lässt Spielraum für Interpretationen.

dschihad und selbstmordattentate

Seit Jahren morden IS-Terroristen im Irak und in Syrien. In ihrem Kalifat gelten Gesetze, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Gerechtfertigt werden die Massentötungen, Enthauptungen und Verstümmelungen mit Hinweisen auf den Koran – und der lässt Spielraum für Interpretationen.

von werner menner

München – Die Feststellung, die der Theologe Hans Küng, der auch als Verfasser eines Standardwerks über den Islam brillierte, einst traf, ist nüchtern: „Seit es Menschen gibt, gibt es Religion und Gewalt. Eine gewaltfreie Paradiesgesellschaft hat es nie gegeben“. Also auch nicht im Islam. Aber – und das ist die entscheidende Frage – rechtfertigen der Koran und der Islam tatsächlich das Töten?

Der türkische Schriftsteller Zafer Senocak spricht für viele, wenn er behauptet: „Auch wenn es die meisten Muslime nicht wahrhaben wollen, der Terror kommt aus dem Herzen des Islam, er kommt direkt aus dem Koran. Und er richtet sich gegen alle, die nicht nach den Regeln des Korans leben und handeln.“

In der Tat heißt es dort: „Aufgepasst, ihr Ungläubigen, ihr werdet im Diesseits und Jenseits bestraft“ und „Tötet für eure Religion und kämpft gegen die Ungläubigen und vertreibt die Ungläubigen.“ Als juristische Begründung für den Dschihad, den „heiligen Krieg“, dient Islamisten und Fundamentalisten bevorzugt der „Schwertvers“ aus der 9. Sure des Korans: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.“ Es sei denn, sie bekehren sich, verrichten das Gebet und geben die Almosensteuer. Mit anderen Worten: Sie dürfen ihrer Wege ziehen, wenn sie sich unterwerfen.

Islamische Gelehrte sind sich einig, dass am Koran – der ja göttlichen Ursprungs sei – nicht gezweifelt werden darf. Inhaltliche Kritik ist verboten, eine Auslegung darf nur durch muslimische Gelehrte erfolgen. Dem Koran-Experten Joachim Wildeis zufolge ist aber eine Interpretation der Koranverse „im Sinne unserer demokratischen Grundordnung und unter Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten der Menschen in den Informationsgesellschaften des 21. Jahrhunderts immer möglich“. Islamisten vermeiden dies tunlichst. Bedacht werden muss auch, dass sich – so Wildeis – „mit den Varianten der Übersetzung, der Ungenauigkeit jeder Sprache, dem Verweis auf historische Erzählungen und der Kunst der Verknüpfung sich widersprechender und ergänzender Aussagen des Korans alles erklären und widerlegen lässt“.

Ein Musterbeispiel ist der 92. Vers aus der 4. Sure des Korans: „Ein Gläubiger darf keinen Gläubigen töten, es sei denn aus Versehen.“ Es ist eine zweigleisige moralische Logik, hinter der eine Aufteilung der Menschen in zwei Klassen steckt. Sie verhindert eine definitive Aussage oder Festlegung, weil zwei logisch oder moralisch sich widersprechende Anweisungen problemlos nebeneinander stehen. Beide können – je nach Sachlage oder Auslegung – für sich Gültigkeit beanspruchen. Die Zerrissenheit der islamischen Welt liegt auch in diesen Fakten begründet.

Stichwort Dschihad: Das Wort bedeutet soviel wie Anstrengung oder Bemühen – gemeint ist der persönliche Kampf, ein gottgefälliges Leben gegen alle Versuchungen zu führen. Der Prophet Mohammed bezeichnete dies als „großen Dschihad“. Daneben gibt es den „kleinen Dschihad“, den Kampf mit Waffen. Und der ist für Schiiten nur im Verteidigungsfall erlaubt, für Sunniten hingegen auch als Präventiv-Maßnahme, wenn friedliche Mittel versagen. Militante Islamisten sehen dies anders: Sie interpretieren ihn sogar als Rechtfertigung für Morde. Laut Muhammed Sayyid Tantawi, bis 2010 Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, der anerkanntesten sunnitischen Institution, „widerspricht dies klar dem, was vom Propheten überliefert ist“.

Der ägyptische Islam-Experte und katholische Theologe Samir Khalil Samir, der weltweit an Universitäten unterrichtet und in Beirut Imame ausbildet, weist zudem darauf hin, dass „ein Krieg zwischen Glaubensbrüdern in den juristischen Begriffen des Islams unzulässig und undenkbar ist“. Allerdings lässt sich das Verbot leicht umgehen, was sowohl die IS als auch El Kaida und andere selbsternannte Gotteskrieger weidlich ausnutzen: Der Gegner, es kann auch ein ganzes Land sein, wird für ungläubig (arabisch: kãfir) erklärt – und damit ist für sie der Kampf rechtmäßig, da er gegen Feinde des Glaubens geführt wird.

Stichwort Selbstmordattentäter: Im Koran gibt es nur einen kleinen Hinweis auf das Thema Selbstmord, und auch der findet sich in der 4. Sure: „Tötet euch nicht selber, denn Gott ist euch barmherzig.“ Der Selbstmord wird hier und in allen Hadit (gesammelte Aussprüche und Taten Mohammeds) ausnahmslos verurteilt. Auch Ex-Al-Azhar-Rektor Tantawi ließ nie einen Zweifel daran, dass Selbstmord zu verurteilen ist.

Fundamentalisten sehen dies anders. Ebenso der Dekan der Universität von Kuwait, Mohamed Al-Tabatabai, und das Oberhaupt der schiitischen Gemeinde im Libanon, Scheich Nabulst. Für sie sind Selbstmordattentäter Helden, die ins Paradies eingehen werden, weil sie „einen echten Dschihad geführt“ haben. Sie sind Märtyrer – auch hierfür findet sich die Begründung im Koran: „Und wenn ihr für Allahs Sache erschlagen werdet oder sterbet, so ist Barmherzigkeit von Gott und Gnade besser als alles, was ihr häuft“, heißt es in der 3. Sure.

Neu definiert wurde das Märtyrertum durch Ayatollah Komeini, der daraus ein Instrument der Revolution gemacht hat. Unter der diktatorischen Regentschaft des schiitischen Mullahs galt es nicht nur im Iran als Pflicht, die Unterdrücker zu bekämpfen, wobei Khomeini keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen machte. Er – wie später El-Kaida-Chef Osama bin Laden und heute die IS-Ideologen – war dabei sofort mit dem Koran bei der Hand: „Kämpft gegen die Ungläubigen, bis es nur noch den Islam gibt“ (Sure 2, Vers 193), „Zögert nicht, in den heiligen Krieg zu ziehen“ (Sure 9, Vers 38) oder „Wenn ihr nicht für Gott kämpft, wird Gott euch bestrafen“ (Sure 9, Vers 39). Entsprechend interpretiert, lassen sich damit auch die perversesten Gräueltaten rechtfertigen. Radikal-Islamisten beweisen es uns täglich.

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