Keine deutsche Identität ohne Auschwitz

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Betroffenheit im Bundestag: (v.l.) Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Foto: dpa

Gedenkrede im Bundestag zur Befreiung des Konzentrationslagers . Vor 70 Jahren befreite die Sowjetarmee das NS-Vernichtungslager Auschwitz.

Mehr als eine Million Menschen wurden dort ermordet – die meisten von ihnen Juden. Bundespräsident Joachim Gauck verknüpft das Erinnern mit einem Auftrag. Wir veröffentlichen die wichtigsten Auszüge seiner Rede im Bundestag. „(...) Viele prominente Zeitzeugen haben hier vor dem Hohen Haus geredet – Überlebende aus den Konzentrationslagern, aus den Ghettos und dem Untergrund, auch Überlebende belagerter, ausgehungerter Städte. In bewegenden Worten haben sie uns teilhaben lassen an ihrem Schicksal. Und sie haben gesprochen über das Verhältnis zwischen ihren Völkern und den Deutschen, in dem nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts mehr so war wie zuvor.

Erlauben Sie mir, auch heute zunächst einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, einen Zeitzeugen allerdings, der den Holocaust selbst nicht überlebte. Seine Tagebücher aber sind überliefert und veröffentlicht, wenn auch erst 65 Jahre nach seinem Tod. Ich spreche von Willy Cohn. Er stammte aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie und unterrichtete an einem Breslauer Gymnasium. Er war ein orthodoxer Jude, tief verbunden mit deutscher Kultur und Geschichte, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Unter dem NS-Regime verlor Cohn seine Arbeit, er verlor Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise. Er ahnte das Ende, als ihn Nachrichten von der Errichtung der Ghettos im besetzten Polen erreichten und von Massenerschießungen in Lemberg. Doch obwohl er all dies wusste, bewahrte sich Cohn eine nahezu unerschütterliche Treue zu dem Land, das ihm das seine schien. „Ich liebe Deutschland so“, schrieb er, „dass diese Liebe auch durch alle Unannehmlichkeiten nicht erschüttert werden kann. […] Man muss loyal genug sein, um sich auch einer Regierung zu fügen, die aus einem ganz anderen Lager kommt.“

Cohns Loyalität, deren Unbedingtheit uns fast unbegreiflich erscheint, weil wir den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, Cohns Loyalität wurde auf das Bitterste enttäuscht. Am 25. November 1941 verluden willige Helfer seine Familie in einen der ersten Züge, die Juden aus Breslau in den Tod deportierten. Tamara, die jüngste Tochter von Willy Cohn, war gerade drei Jahre alt. Vier Tage später hielt der SS-Standartenführer Karl Jäger fest, dass 2000 Juden im litauischen Kaunas mit Maschinengewehren erschossen worden seien. (...)

Der Jude der Antisemiten war kein Wesen aus Fleisch und Blut. Er galt als das Böse schlechthin und diente als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern, sogar solchen, die einander ausschließen. Allerdings ist niemand in seinem Judenhass so weit gegangen wie die Nationalsozialisten. Mit ihrem Rassenwahn machten sie sich zu Herren über Leben und Tod.

Diese sogenannten „Herrenmenschen“ schreckten auch nicht davor zurück, angeblich „unwertes“ Leben zu vernichten, Menschen zu sterilisieren und den politischen Gegner auszuschalten. Sie alle wurden Opfer des nationalsozialistischen Säuberungswahns: Sinti und Roma, die slawischen Völker, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, widerständige Christen, Zeugen Jehovas und alle anderen, die sich dem staatlichen Terror widersetzten.

Was uns aber am meisten entsetzt: Nie zuvor hat ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch stigmatisiert, separiert und vernichtet: in so großer Zahl, mit eigens geschaffenen Todeslagern und einer präzise durchorganisierten, unerbittlichen und hocheffizient betriebenen Tötungsmaschinerie – so wie in Auschwitz, das zum Symbol für den Holocaust wurde. (...) Es waren die Truppen der Alliierten, die diesem Morden bei ihrem Vormarsch ein Ende bereiteten. Die Vernichtungslager im Osten wurden von den Sowjetsoldaten befreit. Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit. (...)

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lautet zweifellos, dass Verschweigen offenkundiges Verbrechen und offenkundige Schuld nicht tilgt. Das erlebten West- und Ostdeutsche in einem ganz unterschiedlichen Umfeld, im Kern jedoch auf ganz ähnliche Weise.

Gleich nach dem Krieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund. In den Jahren des Wirtschaftswunders schauten im Westen zu viele Menschen nur nach vorn, und zu wenige auch zurück. NS-Verbrechen verfolgte die Justiz nur schleppend und in Einzelfällen. Mochten einzelne Intellektuelle und Schriftsteller die NS-Zeit auch thematisieren, mochten einzelne Filme, Romane und Tagebücher auch auf jüdische Schicksale verweisen – etwa auf das von Anne Frank –, so blieb die Mehrheit davon doch unberührt. Sie schottete sich ab und schützte sich vor Schuld- und Schamgefühlen, indem sie die Erinnerung verweigerte.(...)

Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei, indem sie Schuld und Verantwortung einer kleinen Zahl von Fanatikern und Sadisten zuschoben – Hitler und seiner allernächsten Umgebung. Die übrigen galten als angeblich hilflose Rädchen in einem Getriebe, als reine Befehlsempfänger, die gezwungen waren, auszuführen, was ihnen im Grunde fremd gewesen sei. (...)

Anders hingegen verhielt es sich mit der selbstkritischen Reflexion. In den 1960er Jahren setzten Intellektuelle wie Alexander und Margarete Mitscherlich fort, was Hannah Arendt schon früher begonnen hatte. Sie fragten auch nach der Mitschuld des „kleinen Mannes“, der sich einem verbrecherischen Führer verschrieben hatte und für die Folgen keine Verantwortung übernehmen wollte. Erst da gewann die Auseinandersetzung mit den Verbrechen größere gesellschaftliche Bedeutung. (...) Mit der Fernsehserie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre erschloss sich einer wirklich breiten Öffentlichkeit schließlich die Perspektive der Opfer. Nie zuvor hatten sich – in West und Ost – so viele Deutsche dem Schicksal einer jüdischen Familie gestellt. Niemals zuvor hatten sich so viele davon so tief berühren lassen.

Seit jener Zeit ist das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem festen Bestandteil unseres Selbstverständnisses geworden. (...) Und im anderen Teil Deutschlands? Ich weiß zwar, dass die junge DDR viele Menschen an sich zu binden verstand, weil sie als der antifaschistische, also der bessere deutsche Staat erschien. Viele von denen, die belastet waren, wurden tatsächlich durch Kommunisten und Antifaschisten ersetzt. (...) Der staatliche Antifaschismus der DDR diente allerdings auch als Ersatz für fehlende demokratische Legitimation. Und indem er die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freisprach, beförderte auch er das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten „kleinen Mannes“. (...)

Die „zweite Schuld“, von der Ralph Giordano sprach, also der Unwille, sich der Aufarbeitung der Verbrechen zu stellen und die Opfer zu entschädigen, diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal – in der frühen Bundesrepublik wie auch in der DDR.

Im Laufe der Zeit hat die Bundesrepublik, auch die wiedervereinigte, die Konfrontation mit den Verbrechen der Vergangenheit zu einem Kernbestand ihrer Geschichtserzählung gemacht. Auch dadurch ist sie zum glaubwürdigen Partner für ein friedvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben von Bürgern und Nationen geworden, akzeptiert sogar von vielen Opfern und ihren Nachkommen. (...) Ohne den Blick zurück wäre uns dieses Geschenk nicht zuteil geworden.(...)

Gewiss werden nachfolgende Generationen neue Formen des Gedenkens suchen. Und mag der Holocaust auch nicht mehr für alle Bürger zu den Kernelementen deutscher Identität zählen, so gilt doch weiterhin: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes. Und es bleibt etwas Spezifisches: hier in Deutschland, wo wir täglich an Häusern vorbeigehen, aus denen Juden deportiert wurden; hier in Deutschland, wo die Vernichtung geplant und organisiert wurde; hier ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo. (...)

Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt. Wer „in der Wahrheit leben“ will, wird dies niemals leugnen. (...) Die moralische Pflicht erfüllt sich nicht nur im Erinnern. In uns existiert auch eine tiefe, unauslöschliche Gewissheit: Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.

Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen.

Das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird.“

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