Kaufen Sie noch – oder leihen Sie schon?

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Oldtimer, Gemälde, Handtaschen: Leihen liegt im Trend. Seit einiger Zeit wollen Menschen viele Dinge nicht mehr kaufen, sondern lieber mieten. Das nutzen viele Branchen für sich – jetzt auch eine bekannte deutsche Handelskette.

Aktueller Trend

von Magdalena Höcherl

München/Hamburg – Die Jacke gibt es für vier, das T-Shirt für zwei Euro im Monat: Seit Dienstag können Eltern bei der Kaffee- und Handelskette Tchibo Kleidung für die Kleinsten nicht nur kaufen, sondern auch online mieten. Wenn die Kleidungsstücke nicht mehr gebraucht werden, werden sie zurückgeschickt, gereinigt und weiterverliehen. „Je länger und häufiger ein Produkt genutzt wird, umso besser für die Umwelt“, erklärt Tchibo-Direktorin Nanda Bergstein das Konzept.

Das Mietmodell boomt – und es gibt längst nicht nur Kinderkleidung. Immer mehr Branchen erkennen, dass Dinge, die früher klassischerweise gekauft wurden, heute lieber ausgeliehen werden. Ein Überblick über Leihmodelle in der Region.

Musikinstrumente – alles außer Blockflöte

Zwischen 50 und 500 Euro kostet ein geliehenes Musikinstrument im Monat – je nach Typ und Modell. „Am beliebtesten sind Saxofon, Querflöte und das elektrische Klavier“, sagt Ludwig Bittermann vom Musikgeschäft Lienhard in Pasing-Obermenzing. „Fast die Hälfte unserer Kunden leiht sich mittlerweile lieber ein Instrument, als es zu kaufen.“ Nur wer Blockflöte oder Mundharmonika spielen will, muss sie kaufen – aus hygienischen Gründen.

Gemälde – Kunst für Kleingeld

Drei Euro für einen echten Joseph Beuys? Das gibt’s wohl nur in der Münchner Artothek. Dort verleiht die städtische Galerie seit 1986 Bilder. Kunden können aus rund 1900 originalen Kunstwerken wählen und zahlen – egal, ob Tischskulptur oder Großleinwand – nur drei Euro im Monat. Ist die Leihfrist von einem, zwei oder vier Monaten um, kann man bis zu einem Jahr verlängern. „Etwa 3000 Kunden sind registriert – von Studenten über Paare bis zu Senioren“, sagt Ausstellungsleiterin Alix Stadtbäumer.

Oldtimer – Erlebnis für einen Tag

Das Münchner Carsharing-Portal „Drivenow“, das derzeit über eine Fusion mit Daimlers „Car2Go“ verhandelt, vermietet seit 2011 BMW und Minis im Stadtgebiet. Die Autovermietung von Markus Zawadke, 51, aus Pastetten (Kreis Erding) ist schon älter – und spezieller. „Ich schenke Erlebnisse“, sagt Zawadke. Er vermietet seit zwölf Jahren Oldtimer. 22 gehören zum Fuhrpark, von Chevrolet bis Porsche. „Erst war es schwer, den Leuten das Konzept des Leihens zu erklären“, sagt Zawadke. „Gerade bei Autos sind die Deutschen vorsichtig.“ Doch mittlerweile gehen bei „Mietoldtimer und mehr“ von Ostern bis Oktober zehn bis 30 Anfragen pro Woche aus ganz Deutschland ein, zunehmend von Frauen. Fünf Stunden kosten rund 155 Euro, ohne Kraftstoff. Beliebtestes Modell: ein Ford Mustang 289 Convertible, ein dunkelgrünes Cabrio, Baujahr 1965.

Fahrräder – Leihen, um zu kaufen

Was Bikesharing angeht, liegt München in Deutschland weit vorn. Die Deutsche Bahn hat dort über ihre Konzerntochter „Call a bike“ 1400 Räder stehen. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bietet 1200 Räder an, 2018 sollen noch 2000 Stück dazukommen. Über die Leihräder freuen sich nicht alle: Als die Firma „oBike“ aus Singapur vergangenen Sommer 4000 gelbe Räder in der Landeshauptstadt aufstellte, ärgerten sich viele Münchner über die Radlflut. Die Nachfrage nach Leihrädern steigt trotzdem, auch im Umland. David Mentel, 35, vom Radgeschäft Oswald in Wolfratshausen sagt: „Seit fünf Jahren sind E-Bikes extrem beliebt.“ Sie werden seltener für Kurzstrecken genutzt. Wer sich eines der Bikes für 40 Euro am Tag leiht, macht Urlaub in der Gegend – oder fährt Probe. „Rund 80 Prozent der Kunden kaufen es dann.“

Babyausstattung – Eltern entlasten

Wiege, Buggy oder Tragesitz: Die richtige Ausstattung brauchen alle Babys und Kleinkinder – aber nur kurzfristig. Früher mussten sich Eltern oft sämtliches Zubehör kaufen, um es nach ein paar Monaten, wenn das Kind herausgewachsen war, wieder einzumotten. Das ist jetzt einfacher: Im Netz gibt es zahlreiche regionale Portale wie die Seite „Für die Kinder“ von der Münchnerin Pia Siegmund. Dort können Eltern inserieren und mieten. Einen Autositz gibt es für 30 Euro, einen Kinderwagen für 50 Euro die Woche.

Hüpfburgen – Spielspaß mieten

Die blau-weiße Ritterburg oder lieber der pinke Dino mit Rutsche? 16 Modelle bietet der Münchner Hüfburgenverleih „Hüpfburg Frosch“ an. Mit Zubehör kostet eine Burg zwischen 99 und 145 Euro pro Tag. Außerdem vermietet Inhaber Andreas Fröschl Partyzubehör wie XXL-Bausteine (49 Euro) oder eine Zuckerwattemaschine (85 Euro).

Werkzeug – 13 Minuten bohren

Der Mensch benutzt eine Bohrmaschine im Schnitt 13 Minuten im Leben. Dass sich Werkzeug teilen lohnt, haben auch Baumärkte erkannt. „Die Nachfrage steigt“, sagt Hülya Jandt vom Obi-Markt in Schongau. Neben der Schlagbohrmaschine für 13 Euro hat sie den Elf-Kilo-Stemmhammer für 36 Euro pro Tag zuletzt am häufigsten vermietet. Ebenfalls beliebt: Teppichreiniger, Rüttelplatten oder Gartengeräte wie der Vertikutierer.

Fitnessgeräte – saisonal sporteln

Warum im Studio schwitzen, wenn das Studio auch ins eigene Zuhause kommen kann? Ein Crosstrainer kostet 88 Euro im Monat, vier Wochen auf dem Laufband oder Rudergerät 112 Euro. Sieben verschiedene Fitnessgeräte und Zubehör verleiht „Mietfit“ aus Buchbach (Kreis Mühldorf am Inn). Die Mindestmietdauer beträgt vier Wochen und kann auf bis zu sechs Monate ausgedehnt werden.

Designermode – ein Kleid für ein Fest?

„Die Leute haben verstanden, dass Leihen nicht heißt, dass ich mir etwas nicht leisten kann“, sagt Natascha Grün, 38, von „Dresscoded“ in München-Schwabing. 2012 gründete sie den Verleih für Abendkleider, Dirndl, Taschen und Schmuck. „Im Laufe der Zeit hat sich ein Sinneswandel vollzogen.“ Schauspielerinnen, Politikerinnen, Privatkundinnen: Grün kleidet sie alle für besondere Anlässe ein. Danach geben sie das Outfit wieder zurück. „Die Frauen fragen: Warum soll ich ein Kleid kaufen, das ich nur ein- oder zweimal im Jahr trage?“, sagt Grün. „Sie investieren lieber in andere Dinge.“ Nicht zuletzt des Geldes wegen: Ein Abendkleid zu leihen kostet nur etwa 15 Prozent des Kaufpreises.

Handtaschen – Schnäppchen auf Zeit

Eine dunkelbraune Birkin Bag der französischen Edelmarke Hermès kostet rund 10 000 Euro. Bei Evelyn Lynch in München, der Gründerin von „Runawaybag“, gibt es die Luxustasche vergleichsweise zum Schnäppchenpreis von knapp 1800 Euro im Monat. Seit 2006 verkauft Lynch die edlen Stücke von rund 25 Marken nicht nur, sondern verleiht sie auch via Internet. Das Geschäft läuft gut, denn wer ein bestimmtes Modell sucht, muss sich gedulden: Viele Taschen sind derzeit nicht verfügbar.

Möbel – ein Sofa für einen Monat

Couch, Bett, Schreibtisch: Das sind Möbel, die ziemlich umständlich zu transportieren sind. Weil heute viele Menschen – meist berufsbedingt – nur noch für begrenzte Zeit in Städte ziehen, haben sich auch Möbelhersteller dem Leih-Trend angeschlossen. Das hessische Unternehmen „Furniture Leasing“ bietet im Großraum München sowohl einzelne Stücke als auch die komplette Einrichtung von Räumen an. Der Preis errechnet sich über Mietdauer und Menge.

Technik – alles meins

In der Technikbranche geht der Trend eher in die andere Richtung. „Das war noch anders, als wir 1983 mit Präsentationstechnik wie Beamern angefangen haben“, sagt der Inhaber eines Elektronik-Verleihs im Südosten Münchens. Seinen Namen möchte er aus Sorge um seine Geschäftsstrategie nicht in der Zeitung lesen. Im Laufe der Jahre hat er sein Sortiment um Laptops, Kameras, Tablets und Drucker erweitert. Doch die Nachfrage ist weniger geworden.

Der Großteil seiner jetzigen Kunden sind Firmen, die technisches Equipment für Seminare und Messen brauchen. Privatpersonen mieten vor allem einen der Diascanner für 99 Euro am Tag, um alte Fotoaufnahmen zu digitalisieren. Smartphones und Notebooks werden auch von Firmen kaum noch geliehen. „Sie sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken“, sagt der Chef. „Diese Sachen wollen die Leute besitzen, nicht leihen.“

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