Der Irak steht vor seiner Dreiteilung

interview mit dem nahost-Experten Michael Lüders . München – Die Kämpfe gegen die sunnitische Isis im Irak weiten sich aus.

Die Terroristen sind auf dem Vormarsch, syrische Kampfjets greifen Isis-Stellungen im Irak an, ein gewaltiger Flächenbrand droht. Auch Europa rückt verstärkt in das Visier der Dschihadisten. Wir sprachen darüber mit dem Berliner Nahost-Experten Michael Lüders.

-Der Krieg in Syrien und im Irak ist außer Kontrolle. Nun haben „Isis“-Kämpfer auch Grenzposten zu Jordanien überrannt. Wie lange dauert es noch, bis auch dieses Land ins Chaos stürzt?

Das ist schwer zu ermessen. Jordanien verfügt im Gegensatz zum Irak über eine gut aufgestellte Regierung. Die Unzufriedenheit mit dem König hält sich in Grenzen. Insofern kann sich die Isis in Jordanien nicht bewegen wie ein Fisch im Wasser. Das tut sie im Irak und in Syrien, wo sie sich auf eine unzufriedene sunnitische Bevölkerung stützen kann. In Jordanien dagegen ist die Loyalität der Sunniten gegenüber dem Königshaus bisher groß. Das kann sich aber sehr schnell ändern. Niemand weiß, welche Dynamik die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen noch erreichen wird.

-Ist diese Loyalität die Erklärung dafür, dass das von palästinensischen und syrischen Flüchtlingen überfüllte Jordanien eine Art Insel bilden kann?

Jordanien ist in der Tat der Ruhepol im Nahen Osten. Das liegt daran, dass die eigenen Bürger kein Interesse daran haben, das Land in eine Entwicklung abgleiten zu lassen, wie das in Syrien und im Irak der Fall ist. Und alle Akteure von außen, also Israel, die USA, der Iran und Saudi-Arabien, haben kein Interesse an einer jordanischen Entwicklung in Richtung Krieg und Gewalt. Das ist zunächst eine Überlebensgarantie für König Abdullah. Aber der Druck auf dieses kleine Land mit nur zwei Millionen Einwohnern wächst. Man hat bereits Millionen Flüchtlinge aufgenommen, nun droht eine weitere Welle aus dem Irak.

-Welche Rolle spielen Saudis und Golf-Staaten im Syrien-Irak-Konflikt?

Eine sehr gespaltene. Offiziell unterstützen die Regierungen der Golfstaaten die Isis nicht, de facto tun sie es aber indirekt. Sehr viele vermögende Golfaraber unterstützen die Terroristen finanziell. Viele Golfaraber sehen in der Isis ein sunnitisches Bollwerk gegen den schiitischen Islam. Die Isis-Kämpfer sind für sie ein Mittel zum Zweck, um die verhassten Schiiten und den verhassten Iran zu bekämpfen. Die Regierungen am Golf dagegen haben große Angst vor der Isis, weil sie wissen, dass sich deren Waffen auch gegen sie selbst richten können.

-Welche Rolle spielt der irakische Präsident Al-Maliki? Er steht wegen seiner einseitig schiitischen Politik unter Druck. Wie lange kann er sich noch halten?

Schwer zu sagen. Der Druck auf ihn, zurückzutreten, ist groß. Die Amerikaner haben es ihm nahegelegt, aber er hat erst kürzlich Wahlen gewonnen und ist im Amt bestätigt worden. Er hat zudem die Unterstützung der Regierung in Teheran. Vor diesem Hintergrund ist nicht abzusehen, wie man ihn loswerden will. Erst wenn die Iraner ihn fallenlassen, hat er politisch keine Zukunft mehr.

-Was ist von den Milizen des radikalen schiitischen Predigers Muqtada al-Sadr zu erwarten, um den es zuletzt in Bagdad und im Irak doch etwas ruhig geworden ist?

Seine Milizen sind sehr ernst zu nehmen. Sie sind gut aufgestellt, gut bewaffnet und hochmotiviert. Die Rede ist von etwa 10 000 Mann unter Waffen, zu denen noch andere schiitische Milizen hinzu kommen. Das ist auch der Grund, warum die Isis nicht versuchen dürfte, die Sechs-Millionen-Stadt Bagdad mit überwiegend schiitischer Bevölkerung anzugreifen.

-Würde das ihre Kräfte überdehnen?

Definitiv. Die Isis kann nur im sunnitischen Umfeld funktionieren. Was Terroranschläge aber nicht ausschließt. Das gleiche gilt umgekehrt für die schiitische Miliz, die sich dauerhaft in einem sunnitischen Umfeld nicht halten kann. Das Ergebnis ist noch mehr Gewalt und Chaos, noch mehr Staatszerfall. Der Irak ist de facto bereits in drei Teile zerbrochen.

-Stichwort Iran: Präsident Rohani würde die USA gerne ins Boot holen, der oberste Führer Ayatollah Chamenei hingegen ist strikt gegen ein Eingreifen der USA im Irak. Gibt es einen Machtkampf im Iran?

Nein, es ist Konsens im Iran, dass man im Irak keine amerikanische Einmischung will, nachdem sich der Sturz von Saddam Hussein 2003 als großes Desaster für die gesamte Region herausgestellt hat. Der große Gewinner war der Iran, denn er hat das durch den Sturz entstandene Macht-Vakuum gefüllt. Man darf auch das Wort von der Wiederannäherung zwischen den USA und dem Iran nicht überbewerten. Es gibt gemeinsame Interessen im Irak, und dazu gehört, die Isis zu schwächen. Mehr nicht.

-Wann würde der schiitische Iran in die Kämpfe gegen die sunnitische Isis eingreifen?

Nur dann, wenn die schiitischen Milizen ins Hintertreffen gerieten. Bis das geschieht, wird der Iran die Milizen im Hintergrund ausrüsten. Dass die Iraner aber eigene Truppen entsenden, kann man sich kaum vorstellen. Denn dann hätten die Amerikaner ihrerseits das Recht, Truppen zu schicken. Zudem ist davon auszugehen, dass die Golfaraber die Isis bei einem iranischen Einmarsch noch stärker unterstützen würden.

-Woher bekommt die Isis ihre Waffen?

Vor allem dadurch, dass sie in jüngster Zeit viele irakische Militärdepots erobert hat. Der Irak war stets ein Land, in dem es an Waffen nicht mangelte. Außerdem sind die mehr als 100 000 sunnitischen Soldaten und Geheimdienst-Mitarbeiter, die von den Amerikanern nach dem Sturz Saddams entlassen wurden, in den Untergrund gegangen. Mit ihren Waffen. Sie haben den Wiederstand gegen die USA über Jahre hinweg getragen, und aus diesem Widerstand ist die Isis als eine der mächtigsten Gruppen hervorgegangen.

-Was tun die USA?

Sie werden versuchen, möglichst wenig zu tun und die regionalen Akteure in eine Konfliktlösung einzubinden, was ihnen aber nicht gelingen wird. Das Chaos wird sich fortsetzen. Die Isis ist derzeit weder politisch noch militärisch aufzuhalten. Das ist eine sehr ernste sicherheitspolitische Herausforderung. In Europa und den USA glaubt man, das Problem aussitzen zu können. Das wird vermutlich nicht gelingen, da die Isis dabei ist, ihren Einfluss auch in Richtung Libanon und Jordanien auszuweiten.

-Wie werden sich die Kurden verhalten, die nach wie vor um einen eigenen Staat kämpfen?

Die Kurden sind die Gewinner dieser Krise. Im Norden des Irak haben sie mit Kurdistan schon de facto einen eigenen Staat gegründet. Die wichtige Erdöl-Stadt Kirkuk ist ihnen als Ergebnis der Kämpfe zwischen Isis und irakischer Armee in die Hände gefallen. Aus Sicht der Kurden läuft derzeit alles bestens. Der einzige Grund, warum sie sich nicht zu einem selbstständigen Staat ausrufen, ist, dass sie sich dann viel Ärger mit der Türkei einfangen würden. Das können sie sich nicht erlauben, denn die Türkei ist der wichtigste politische und Handels-Partner Kurdistans.

-Wie kann dieser viele Länder umfassende Konflikt gelöst werden?

Darauf kann im Moment wohl niemand eine schlüssige Antwort geben. Es gibt kein Patentrezept. Im Irak ist der Staatsverfall sehr weit fortgeschritten, in Syrien ist er im Gange. Und man kann wenig tun, außer die regionalen Kräfte im Iran, im Irak, in der Türkei und in Saudi-Arabien zu ermutigen, Lösungen zu finden und sich zu verständigen. Zur Vernunft muss man aber auch Israels Regierung rufen. Wenn Israel nun anfängt, Syrien zu bombardieren, so gießt dies zusätzlich Öl ins Feuer. Die Gefahr ist groß, dass irgendwann niemand mehr weiß, wo die eine Krise aufhört und die nächste anfängt.

-Welche Auswirkungen hat der Krieg auf Europa, wo die „Isis“ inzwischen verstärkt Kämpfer rekrutiert?

Ein großes Problem ist, dass die Isis aufgrund ihrer Erfolge auf Jugendliche mit islamistischer Gesinnung sehr attraktiv wirkt. Und zwar als eine Organisation, die nicht nur redet, sondern etwas tut. Das zieht Islamisten in Richtung Syrien und Irak an. Und wenn diese Leute militärisch und terroristisch ausgebildet nach Europa zurückkehren, dann müssen wir uns darauf einstellen, dass Isis-Extremisten auch hierzulande Terroranschläge planen. Das andere große Problem wird sein, dass die gewaltige Flüchtlingswelle, die aus Syrien auf Europa zurollt, noch um hunderttausende irakische Flüchtlinge erweitert wird.

Interview: Werner Menner

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