„Ich wollte ihn retten – vergebens“

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Ein psychisch kranker Waffennarr stürmt die Polizeiinspektion Dorfen. Redakteur Anton Renner ist damals einer der ersten Helfer am Tatort. Er sieht an diesem 4. März 1988 drei Polizisten sterben. Hier erzählt er, wie er den Tag erlebt hat – und warum er ihn bis heute nicht loslässt.

Vor 30 Jahren: Der Polizistenmord von Dorfen

Von Anton Renner

Dorfen – Eine Zeit lang bleibt an diesem Freitag vor 30 Jahren für mich die Welt stehen. Vor ein paar Minuten ist ein Waffennarr in der Polizeiinspektion Dorfen Amok gelaufen. Drei Polizisten hat der 37-jährige Jugoslawe erschossen, zwei weitere schwer verletzt. Vergeblich habe ich zusammen mit Sanitätskollegen alles versucht, um das Leben eines der Beamten zu retten.

„Es geht zu Ende“, röchelt Alfred Maier noch, bevor er für immer die Augen schließt. Erst jetzt realisiere ich, was passiert ist. In Dorfen hat sich ein grauenvolles Blutbad ereignet. Überall im Schnee auf dem Hof, dem Treppenaufgang zur Inspektion und in der Polizeiwache sind Blutlachen und blutverschmierte Wände zu sehen, Patronenhülsen übersäen den Boden. Dazwischen liegen Kanülen vom Rettungsdienst. Sie zeugen davon, dass zahlreiche Sanitäter und Notärzte alles gegeben haben für das Leben der drei Polizeibeamten Alfred Maier (46), Karl-Heinz Loibl (45) und Robert Gebler (27).

Der Tag wird auch für mich zum Albtraum. Es ist kurz nach 10 Uhr, als ich frühstücke. Ich habe frei, ein Kollege vertritt mich in der Dorfener Redaktion. Ich genieße meinen Kaffee und mache mich fertig, weil ich in die Stadt zum Einkaufen fahren will. Plötzlich sind Schüsse zu hören. Ich eile vor die Haustüre, immer wieder knallt es. Ich blicke runter zur Polizeiinspektion, die nur 200 Meter entfernt von meinem Haus mitten im Wohngebiet liegt. Auf dem Boden scheint eine Person zu liegen. Ich schnappe mir meine Fototasche und laufe los. Als ich wenig später an der Inspektion bin, denke ich nicht mehr ans Fotografieren. Als ehrenamtliches Mitglied in der Sanitätskolonne Dorfen gilt jetzt nur eins: helfen!

Ich laufe sofort zum Nachbargebäude der Polizeiinspektion. Dort liegt Vize-Polizeichef Alfred Maier in seinem Blut. Der Amokläufer Slobodan Stefanovic hat ihm mehrere Kugeln in den Rücken gejagt. Später wird rekonstruiert: Maier schleppt sich schwerst verletzt mit letzter Kraft zum Nachbargebäude, läutet dort an der Türe Sturm. Als Kraftfahrer Erwin Frank öffnet, fleht ihn Maier an: „Hol’ Verstärkung, ruf’ schnell an!“ Dann bricht er zusammen.

Trotz intensiver Bemühungen kann Maier nicht mehr gerettet werden. Ich bin fassungslos, ich weine. Ich kenne Alfred Maier seit Kindheit an. Er wohnt in meiner Nachbarschaft, war mehr als nur ein guter Bekannter. Auch Karl-Heinz Loibl und Robert Gebler sterben. Stefanovic hat Loibl durch einen gezielten Kopfschuss getötet. Auch Gebler erliegt seinen schweren Kopf- und Bauchverletzungen.

Vor dem Eingang zur Polizeiinspektion liegt der Amokläufer Stefanovic schwer verletzt in seinem Blut. Er ist von eintreffenden Streifenwagenbesatzungen mit Salven aus einem Maschinengewehr niedergestreckt worden. Tage später wird er in einer Münchner Klinik sterben.

Am Tatort spielen sich erschütternde Szenen ab. Während die beiden beim Schusswechsel schwer verletzten Polizisten Franz Klarl und Helmut Holzner in Kliniken gebracht werden, weinen Familienmitglieder und Kollegen der erschossenen Beamten, aber auch Nachbarn am Tatort. „Warum? Warum?“ ist immer wieder zu hören.

Auch mir stellt sich diese Frage – eine Antwort darauf finde ich nicht. Am Nachmittag wird bei einer Pressekonferenz der Amoklauf rekonstruiert. Demnach haben Loibl und Gebler gegen 8.15 Uhr die Wohnung des späteren Täters auf Anordnung des Landratsamtes durchsucht und dabei ein ganzes Arsenal von Waffen und über 2000 Schuss Munition sichergestellt. Stefanovic lässt sich die Waffen ohne jeden Widerstand wegnehmen.

Der seit 15 Jahren in Dorfen lebende Arbeiter hat als Sportschütze eine Waffenbesitzkarte – aber er leidet, was lange Zeit unbemerkt bleibt, an schweren Psychosen und Verfolgungswahn. Stefanovic fühlt sich von Boxweltmeister Cassius Clay, der Polizei und von der Roten Armee Fraktion bedroht. Nach einer amtsärztlichen Untersuchung im Februar 1988 ordnet das Landratsamt auf richterlichen Beschluss die Aberkennung der Waffenbesitzkarte und die Einziehung der Waffen an. Knapp zwei Stunden nach der Beschlagnahmung der Waffen erscheint Stefanovic auf der Polizeiwache.

Loibl und Gebler sind gerade dabei, die auf den Schreibtischen ausgebreiteten Waffen zu registrieren. „Gebt mir meine Waffen zurück!“, schreit Stefanovic plötzlich. Dann greift er sich zwei geladene Revolver und schießt los. Ein grausames Gemetzel beginnt. Spätere Rekonstruktionen ergeben, dass Stefanovic 45 Schüsse in der Polizeiinspektion abgegeben hat; auch mit einer Schrotflinte soll er gefeuert haben. Insgesamt sollen weit mehr als 100 Schüsse gefallen sein. Das zeigen auch Einschläge in Garagen von Nachbaranwesen.

Wenige Tage nach dem Mord an den drei Polizeibeamten brandet in Dorfen blinder Ausländerhass auf. Der Tod der drei hochgeschätzten Beamten lässt bei vielen Dorfenern alle Schranken fallen. Mitbürger anderer Nationalitäten werden auf offener Straße bespuckt, als „Mörderschweine“ beschimpft. Viele der in Dorfen lebenden Jugoslawen, Türken, Italiener und Griechen trauen sich nicht mehr auf die Straße. Sowohl der damalige Dorfener Pfarrer Gottfried Wiesbeck als auch die Dorfener Rathausführung rufen zur Besonnenheit auf. Und der bayerische Innenminister August Lang mahnt beim Staatsakt für die erschossenen Polizisten, „nicht in Wut und Hass gegen ausländische Mitbürger zu verfallen“. Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Fraunhofen schließt im Gebet für die ermordeten Beamten den Täter nicht aus, „der vielleicht der Fürbitte besonders bedarf“, wie er sagt.

Alfred Maier, Karl-Heinz Loibl und Robert Gebler werden danach unter großer Anteilnahme von Kollegen und Polizei zur letzten Ruhe gebettet. Es gibt niemanden, der dabei nicht in Tränen ausbricht. Die Polizistenmorde gehen in die Geschichte Dorfens und der Polizei ein. Was bleibt, ist die Erinnerung an drei ermordete Menschen, die mit ganzem Herzen Polizisten waren.

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