„Ich werde 100 Jahre weinen“

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Exil-Kubaner in Miami.

Viele Kubaner kennen kein Leben ohne ihren Revolutionsführer Fidel Castro. Nach seinem Tod ist die Trauer im Land groß. Dagegen feiern in Miami Exil-Kubaner das Ende des verhassten „Máximo Líder“.

Kuba nach Fidel Castros Tod

Von Denis Düttmann, Isaac Risco, Klaus Blume und Beatrix Juez

Havanna/Miami – Kurz vor Mitternacht geht am Freitagabend in der Diskothek an der Uferpromenade Malecón in Havanna die Musik aus. Die Nachricht, die nun verkündet wird, trifft die Feiernden ins Mark: Fidel Castro ist tot. Die jungen Leute stehen unter Schock, ein Kuba ohne Fidel ist für viele unvorstellbar. „Ich werde 100 Jahre weinen“, sagt später am Abend die Verwaltungsangestellte Digna Maritza. „Für mich ist Fidel alles, er hat eine Revolution für die Armen gemacht. Wir Armen schulden ihm alles.“

Im Staatsfernsehen erscheint schon vorher Präsident Raúl Castro, in olivgrüner Uniform an einem schlichten Schreibtisch. Mit gefasster Stimme gibt er den Tod seines großen Bruders bekannt. „Liebes kubanisches Volk. Mit tiefer Trauer informiere ich unser Volk und unsere Freunde in Amerika und aller Welt, dass heute – am 25. November 2016 – um 22.29 Uhr am Abend der Kommandeur der kubanischen Revolution, Fidel Castro Ruz, gestorben ist“, sagt der kubanische Präsident. „Auf seinen Wunsch wird seine Leiche verbrannt. Am Samstag wird das Organisationskomitee für seine Beerdigung das Volk über die Veranstaltung zu Ehren des Gründers der kubanischen Revolution informieren. Immer bis zum Sieg.“

Seit dem Sieg der Revolution 1959 hat Fidel Castro die Geschicke der Karibikinsel gelenkt. Während seiner Amtszeit trotzte er zehn US-Präsidenten. Angeblich überlebte er über 600 Mordanschläge. Ihn umgab die Aura eines Unsterblichen. Andererseits waren die Kubaner eigentlich seit zehn Jahren auf diesen Tag vorbereitet. Bereits im Juli 2006 musste Fidel Castro nach einer schweren Darmerkrankung die Macht an seinen jüngeren Bruder Raúl abgeben. Schon damals sei er am Rande des Todes gewesen, räumte er später ein. Beim Kongress der Kommunistischen Partei im April verabschiedete sich Castro von den Delegierten mit den Worten: „Vielleicht ist es das letzte Mal, dass ich in diesem Saal spreche. Wir alle kommen an die Reihe.“

Die Ende 2014 eingeleitete historische Versöhnung Kubas mit den USA begrüßte Castro zwar. Sein Bruder Raúl habe als Staatschef im Sinne der ihm vom Parlament und der Kommunistischen Partei übertragenen Verantwortung gehandelt, ließ er mitteilen. Zugleich bekräftigte er aber sein Misstrauen gegenüber dem alten ideologischen Feind. Nach dem Besuch von US-Präsident Barack Obama in Havanna im März 2015 spottete er im Parteiblatt „Granma“ über dessen „honigsüße Worte“. Castro zeigte sich unversöhnlich: „Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns was schenkt.“

Für die einen ist Fidel Castro ein Held, für die anderen ein brutaler Diktator. Mit eiserner Faust regierte er die sozialistische Karibikinsel. Regierungskritiker ließ er ins Gefängnis werfen, die Kommunistische Partei regelt jeden Aspekt des öffentlichen und privaten Lebens auf Kuba.

In Little Havanna in Miami feiern die Exil-Kubaner den Tod des ihnen verhassten Revolutionsführers. Sie schwenken kubanische Flaggen, skandieren „Er ist gestorben, er ist gestorben“ und fahren in hupenden Autokorsos durch die Straßen. Nirgendwo sonst war Fidel Castro so verhasst wie in der kubanischen Exil-Gemeinde in Florida. Es sind Menschen, die die Karibikinsel wegen der Repressalien der sozialistischen Regierung verlassen haben. Sie haben ihre Heimat, Hab und Gut, ihre Verwandten zurückgelassen. „Ich feiere mit Champagner. Den habe ich schon kalt gestellt“, sagt Silvia Napoles. 1961 ist sie vor den Castros geflohen und in die USA gekommen. „Ich bin Christin. Ich freue mich nicht über den Tod eines Menschen, aber ich freue mich über den Tod des Teufels. Und dieser Mann war ein Teufel.“

Die Exil-Kubaner haben die US-Regierung stets zu einer harten Linie gegen Havanna gedrängt. Während des Kalten Krieges wurden dort auch immer wieder Anschlagspläne gegen den Revolutionsführer geschmiedet. Welche Haltung der künftige US-Präsident Donald Trump gegenüber Kuba hat, ist noch unklar. Zunächst unterstützte Trump den Aussöhnungsprozess seines Vorgängers Barack Obama, später sprach er von einem „schwachen Abkommen“ und kritisierte Kubas Reformen als wenig überzeugend. Nun sprach Trump in seiner ersten Reaktion vom „Tod eines brutalen Diktators“.

In Kuba haben die Hardliner mit Castro ihre Galionsfigur verloren. Allerdings ist auch sein Bruder Raúl keineswegs ein Liberaler, sondern lediglich in ökonomischen Fragen pragmatischer als sein Bruder. Und selbst die zögerliche Öffnung wird wohl nur so weit gehen, dass sie nicht die Privilegien des Parteiapparats und der Streitkräfte infrage stellt. Nach Einschätzung von Experten ist Kuba längst eine Militärdiktatur, in der die Offiziere auch in den Staatsunternehmen das Sagen haben.

Auch in Havanna selbst gibt es durchaus Leute, die sich über den Tod des Revolutionsführers freuen. „Gut, dass er tot ist. Jetzt fehlt nur noch der Bruder“, erklärt Jorge Gonzalez vor einer Schwulen-Disco in Havanna. Der 22-Jährige sagt, er sei eigentlich Friseur, müsse sich aber prostituieren, um über die Runden zu kommen. „Was wir brauchen, sind Jobs“, sagt der junge Mann.

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