„Ich sterbe bis zur Rente“

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Spätere Rente? Nein, danke! Zehntausende Russen haben in Moskau gegen ein höheres Rentenalter demonstriert. epa

Viele Russen haben auf eine Rentenerhöhung gehofft. Stattdessen hat der Kreml im Schatten der WM ein höheres Rentenalter durchgewunken. Am Wochenende gingen Tausende auf die Straße – und Putins Umfragewerte sinken.

Proteste in Russland 

von Thomas Körbel

Moskau – Zehntausende Russen haben gegen eine umstrittene Erhöhung des Rentenalters demonstriert und den Rücktritt von Regierungschef Dmitri Medwedew gefordert. Gewerkschaften, die Kommunistische Partei und linke Gruppen mobilisierten ihre Anhänger am Wochenende in dutzenden Städten, darunter St. Petersburg, Jekaterinburg, Nowosibirsk und Wladiwostok. In Moskau gingen am Samstag zwischen 6500 und 12 000 Menschen auf die Straße. Auch am Sonntag waren Kundgebungen gegen die Rentenreform geplant.

Die Regierung will das Rentenalter bis 2034 schrittweise anheben. Männer sollen statt wie bisher mit 60 künftig mit 65 Jahren in Rente gehen, Frauen sollen 8 Jahre länger arbeiten – bis 63.

Stand Januar 2018 leben in Russland rund 46 Millionen Rentner, das entspricht etwa 32 Prozent der Bevölkerung. Die Durchschnittsrente beträgt umgerechnet rund 200 Euro. „Man kann von der Rente leben, wenn man das Geld nur für Essen und die Wohnung ausgibt und einmal im halben Jahr etwas zum Anziehen kauft. Für mehr reicht es nicht“, sagte die Rentnerin Nadeschda (59) bei der Kundgebung in Moskau.

Die Pläne hatten landesweit einen Schock ausgelöst. Viele hatten auf eine Rentenerhöhung gehofft, nun sollen sie länger arbeiten. Den unabhängigen Meinungsforschern vom Lewada-Zentrum zufolge lehnen rund 90 Prozent der Russen die Reform ab. Unmut hatte auch der Zeitpunkt gebracht: Die Regierung hatte die Pläne am 14. Juni im Schatten der Eröffnung der Fußball-WM mitgeteilt, als das ganze Land in Vorfreude schwelgte. Kritiker sahen darin eine „Respektlosigkeit des Staates gegenüber dem Volk“.

Gewerkschaftler brachten eine Online-Petition auf den Weg, die rund 2,9 Millionen Menschen (Stand Sonntag) unterzeichnet haben. Darin argumentieren sie, dass in dutzenden Gebieten Russlands die Lebenserwartung für Männer unter 65 Jahren liege. „Eine Umsetzung der vorgeschlagenen Erhöhung des Rentenalters heißt, dass ein großer Teil der Bürger nicht bis zur Rente überleben wird.“ Beim Protest in Moskau gab es Plakate, auf denen stand: „Ich sterbe bis zur Rente.“

Im russischen Durchschnitt beträgt die Lebenserwartung für Männer etwa 67 und für Frauen rund 77 Jahre. In Deutschland, wo die Rente ab 2031 mit 67 Jahren beginnen soll, liegt die Lebenserwartung für Männer bei rund 78 und für Frauen bei rund 83 Jahren.

Welch soziale Sprengkraft das Projekt in Russland birgt, zeigen auch Auseinandersetzungen im Parlament. Während die Regierungspartei Geeintes Russland das Gesetz in erster Lesung fast geschlossen durchwinkte, formierte sich in der systemnahen Opposition Widerstand. „Es ist schwierig, sich andere Entscheidungen der Staatsmacht vorzustellen, die eine derart einhellige Ablehnung auslösen“, kommentiert Soziologe Denis Wolkow.

Einer hielt sich lange bedeckt: Gut einen Monat dauerte es, bis sich Präsident Wladimir Putin äußerte. Ihm gefalle die Erhöhung des Eintrittsalters nicht, doch sie sei notwendig, sagte er. 1970 seien auf einen Rentner noch 3,7 Arbeiter gekommen, heute kämen „auf 5 Pensionäre 6 Arbeitnehmer, und deren Zahl wird sinken. Dann wird das System platzen.“ Was ihm gar nicht gefallen dürfte: Das unpopuläre Projekt schlägt sich auf die Umfragewerte nieder. Das Moskauer FOM-Institut, das wöchentlich fragt, wem die Russen ihre Stimme bei einer Präsidentschaftswahl geben würden, sieht große Verluste für Putin. Nur 48 Prozent sprachen sich zuletzt für ihn aus – vor zwei Monaten waren es noch 65 Prozent.

Experten verweisen indes darauf, dass das Pensionsalter ohnehin für viele nur Theorie ist. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat arbeiten rund 40 Prozent der Männer zwischen 60 und 65 sowie der Frauen zwischen 55 und 63 Jahren trotz ihrer Pension weiter. So sei die Rente für Geringverdiener ein zweites Einkommen für einen würdigen Lebensstil, kommentiert die Zeitung „Wedomosti“.

Für den Herbst, wenn weitere Abstimmungen über die Reform anstehen, erwarten Experten neue Proteste. Doch nur wenige trauen dem Thema bei aller Brisanz zu, langfristig Massen zu mobilisieren.

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