Die hysterische Republik

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Der erfundene Flüchtlingstote. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang.

Ein Flüchtlingshelfer streut via Facebook eine frei erfundene Geschichte, wonach ein Syrer wegen tagelangen Wartens vor dem Berliner Lageso aus Erschöpfung gestorben ist. Der Autor macht sich die unrühmliche Lage des seit Monaten als hoffnungslos überfordert geltenden Landesamts für Gesundheit und Soziales zunutze, um die Glaubwürdigkeit seiner Story zu untermauern. In Windeseile verbreitet sich die Lügengeschichte im – in jeder Beziehung – entgrenzten world wide web. Die Entrüstungsmaschinerie läuft auf Hochtouren, empörte Bürger spülen ihre Wut in die „sozialen“ Medien, die Sensationsgier derjenigen, die eh schon immer alles gewusst haben, wird befriedigt. In Berlin werden Kerzen für einen Toten aufgestellt, den es gar nicht gibt.

Nur ein Tempo-Schaden der Digitalisierung? Nein, das wäre zu einfach. Das Internet hat mal wieder gezeigt, was es nicht kann: trotz Zweifel an der Story abwarten, nachfragen, sachlich bleiben. Der Fall des erfundenen Flüchtlingstoten zeigt exemplarisch, was leider zunehmend zu beobachten ist: Die vernetzte Republik verfällt auf dem Schlachtplatz der Moral immer enthemmter in Hysterie. Verdächtigungen, Lügen und Gerüchte werden für bare Münze genommen. Die qualitative Aufklärung erledigten Journalisten von – vorzugsweise im Netz als Lügenpresse verunglimpften – seriösen Medien.

Mit seiner fatalen Aktion hat der möglicherweise nur naive Berliner Helfer nicht nur die Öffentlichkeit für dumm verkauft, er hat auch das Engagement unzähliger Ehrenamtlichen in Verruf gebracht. Die Masche aber, bewusst zu täuschen, wird andernorts von Profis der Abteilung Desinformation längst zur Stimmungsmache genutzt. Die Skandalisierung vermeintlicher Missstände ist eine gefährliche Waffe politischer Einflussnahme. Ex-KGB-Oberstleutnant Putin testet dies aktuell in aggressiver Weise, um hierzulande anti-westliche Ressentiments zu schüren – wie in den dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges.

Bettina Bäumlisberger

Sie erreichen die Autorin unter

Bettina.Baeumlisberger@ovb.net

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