Himmel, Herrgott, Sakrament

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Volles Haus hat Rainer Maria Schießler meistens bei seinen Gottesdiensten. Der Münchner Stadtpfarrer ist bekannt für seine unkonventionelle Seelsorge. Hat er die passenden Rezepte für eine lebendige Kirche? In einem Buch erklärt er seine Strategie „Auftreten statt austreten“.

Wie ein Pfarrer die Kirche retten will

Volles Haus hat Rainer Maria Schießler meistens bei seinen Gottesdiensten. Der Münchner Stadtpfarrer ist bekannt für seine unkonventionelle Seelsorge. Hat er die passenden Rezepte für eine lebendige Kirche? In einem Buch erklärt er seine Strategie „Auftreten statt austreten“.

Von Claudia Möllers

München – Wahrscheinlich wird man sich im Erzbischöflichen Ordinariat wieder einmal die Haare raufen über den Schießler Rainer. Nicht nur, dass der Pfarrer von St. Maximilian im Münchner Glockenbachviertel und von Heilig Geist direkt am Viktualienmarkt seit jeher ein bunter Hund ist. Der auf dem Oktoberfest als Bedienung Masskrüge schleppt, mit dem Motorrad zur Krankensalbung braust, auf dem Bobbycar die Fahrzeugsegnung abhält oder Waldi und Miezi samt Frauchen und Herrchen zur Viecherlmesse in seine Kirche einlädt. Jetzt hat dieses enfant terrible der Münchner Erzdiözese auch noch ein Buch geschrieben, in dem es seiner Kirche tüchtig die Leviten liest. Und welchen Titel hat der Filou ausgewählt? „Himmel, Herrgott, Sakrament“.

Alles steckt darin, in diesen 255 Seiten. Das deftige Fluchen über hierarchischen Struktur-Unsinn ebenso wie die Liebe zum Herrgott und den Menschen. Die Begeisterung für die Sakramente. Der heilige Zorn über den Zustand der Kirche. Die Verzweiflung über die Einsamkeit als Pfarrer. Das Alleinsein in der ungeliebten Dienstwohnung, die niemals ein Zuhause wurde. Aber auch die Kraft zum Widerstand, zum Anders-Sein, zum Verändern. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Und die Begeisterung für die Aufgabe. Selbst noch 28 Jahre nach der Weihe.

„Meine Kirche ist alt und unbeweglich geworden. Die Jugend flieht vor dieser erstarrten und mit sich selbst beschäftigten Kirche. Ich schaue auf diesen Zerfall seit ich vor 28 Jahren Priester geworden bin. Es ist eine Kirche, an der ich oft verzweifle, die mich in vielem scheitern lässt und zu der ich immer wieder Ja sage, selbst wenn ich besonders hart über sie schimpfe“, schreibt der 55-Jährige. Und er erklärt: „Denn das bin ich selbst, den ich da anklage. Ich bin diese Kirche. Mit jeder Faser meines Herzens. Nicht nur ein Teil von mir.“

Jetzt schnappt er über, denkt sich der Leser. So, so, er will seine Kirche bewahren und retten. Ganz schön anmaßend. Aber genau diese Leidenschaft fürs Pfarrersein, diese totale Identifikation mit der Aufgabe macht diesen unkonventionellen Seelsorger aus. Dieser Schießler, der ist im wahrsten Sinne des Wortes begeistert.

„Der Pfarrer.“ So meldet sich Rainer Maria Schießler, wenn man ihn am Handy anruft. Dass er das einmal werden würde, war dem gebürtigen Münchner nicht in die Wiege gelegt. Freilich, seine Eltern sind fromme Leute. Und er wird auch schon früh auf eigenen Wunsch Messdiener. Doch sein erster Dienst am Altar sollte im Desaster enden.

Zehn Jahre alt ist der kleine Rainer, als er das erste Mal ministrieren soll. Geprobt worden war zuvor schon oft, aber plötzlich an einem Sonntag, völlig unerwartet, zischt der Mesner dem Kleinen zu: „Ziag di o – da fehlt oaner!“ Die Aufregung und das Lampenfieber packen den Buben. Angst, Euphorie und Stolz sind zu viel für den Zehnjährigen. Noch nie war er so nah am Altar gewesen. Als der Pfarrer die Wandlungsworte spricht und Rainer Maria hätte läuten müssen, passiert das Drama: Er geht einen kleinen Schritt nach vorne, „habe mich leicht verbeugt wie im Theater und im hohen Bogen unaufhaltsam alles herausgekotzt, was in meinem kleinen, vor Aufregung und Angst durchwalkten Magen vorhanden war...“

Der Bub schleicht niedergeschmettert heim. „Ich habe gewusst, das war die kürzeste Karriere eines Ministrantenlebens in der ganzen Kirchengeschichte.“ Doch das Schlüsselerlebnis sollte erst folgen. Nach der Messe ruft der Pfarrer an. Spricht mit der Mutter. Der kleine Rainer hört die Mama leise lachen. „Ich soll Dir ausrichten, er ist stolz auf Dich... Weil Du der Einzige in der gesamten Messe gewesen bist, der wirklich, aber auch wirklich alles gegeben hat.“ Dass der Pfarrer alles wieder heil gemacht hat, wird Schießler nie vergessen. Und dass dieser Pfarrer Elmar Gruber 16 Jahre später einer seiner wichtigsten Lehrer im Priesterseminar werden sollte, gehört zu den zahlreichen Anekdoten des Buches.

Rainer Maria ist nicht der behütete, brave Theologiestudent. Zuerst tritt er bei den Kapuzinern in Laufen im Berchtesgadener Land ein, will Klosterbruder werden. Kurz vor seinem ersten Ordensgelübde stirbt seine Mutter. Ein Schock, der ihn aus der Bahn wirft. Schießler verlässt die Kapuziner, geht zurück nach München und arbeitet als Taxifahrer.

Doch die Kirche lässt ihn nicht los. Er tritt ins Priesterseminar ein. Aber auch als Theologiestudent fährt er weiter nachts Taxi. Ein Job, der ihn erdet, der ihn in Kontakt bringt mit den Menschen. Wie Speeddating sei das, ein Crashkurs in Sachen Menschenkenntnis, manchmal eine Art rollender Beichtstuhl. Er fährt die Nachtschwärmer, die Betrunkenen, die Verliebten, die Kranken und Verzweifelten. „Da war die Welt da draußen – die Wirklichkeit, von der ich nichts höre und sehe, wenn ich nur im Priesterseminar in Filzpantöffelchen, Cordhose und blauem Clubpulli über Eichenparkett zum Frühgottesdienst gleite und vier warme Mahlzeiten am Tag serviert bekomme.“

Den Taxischein, den erneuert Schießler übrigens alle fünf Jahre. Seine „Überlebensversicherung“, wie er es formuliert. „Ich könnte jederzeit wieder einsteigen und weiterfahren... Ich bin damit unabhängig – falls mal einer im Ordinariat auf die Idee käme, mich wegen Unbotmäßigkeit rauszuschmeißen!“, schreibt er mit einem Augenzwinkern.

Manchem Kirchenoberen und Mitbruder im Priesteramt dürfte indes das Schmunzeln vergehen, wenn er in Schießlers Buch blättert. Er wettert gegen langweilige Prediger, seelen- und ideenlos gespendete Sakramente. Er fordert Leidenschaft. „Ich bin ein scharfer Kritiker jener ,Schlafwandler‘ vorne am Altar, die auf ,heilig‘ und ,entrückt‘ machen, tatsächlich aber emotionslos wie auf Autopilot geschaltet Sonntag für Sonntag über die Köpfe der Gläubigen hinweg ihr Predigt-Soll runterspulen – bis das ganze Gemeindeleben selig entschlafen ist.“

Bei Schießlers Gottesdiensten indes darf man sich auf einiges gefasst machen. Da stehen in der Christmette schon mal zehn mit Stroh gefüllte Mülltonnen im Mittelgang, in denen die Gottesdienstbesucher ihren Gedankenmüll entsorgen sollen. Er kontrolliert die Teilnahme seiner Firmlinge an der Vorbereitung nicht. Er stellt es ihnen frei. Mit „Mami“ und „Papi“ will er bis zur Firmung nichts zu tun haben. Er sagt den Jugendlichen: „Ihr meldet euch an, ihr regelt das. Termine, Stunden, Inhalt.“ Sie organisieren sich selbst, die Jugendlichen kommen freiwillig. Wenn es Fragen gibt, sollen sie sich an den Pfarrer wenden. Und das Ergebnis? Seit er auf Freiwilligkeit setzt, ist Schwänzen kein Problem mehr. So einfach kann das sein.

Nicht jedem gefallen die verrückten Ideen des Pfarrers. Viele Jahre verdrehte man im Ordinariat die Augen, wenn der Pfarrer von Sankt Max mal wieder ein munteres Interview gab. Er ist ja auch nicht gerade uneitel. „Warum redet Ihr schon wieder mit dem?“, wurden Journalisten gefragt. Mit diesem Verrückten, der doch nur Show mache. Den man am liebsten ans letzte Ende des Erzbistums versetzt hätte. Doch weil Kardinal Friedrich Wetter, der Vorgänger von Kardinal Reinhard Marx, Schießler 1995 zum „Pfarrer auf Lebenszeit“ von St. Maximilian installiert hat, ist der aufmüpfige Priester auf seinem Posten so gut wie unkündbar. Seit der vor drei Jahren gewählte Papst Franziskus durch seine unkonventionelle Amtsführung das alte Macht- und Hierarchieverständnis in Mutter Kirche in Frage stellt, hat sich Rainer Maria Schießlers Position ohnehin deutlich verbessert. In der Münchner Kirchenzeitung darf er auf einmal seine Kommentare abgeben.

Und so hält man notgedrungen auch seine Kritik aus. Seine scharfe Analyse, wonach sich die Kirche nach Missbrauchsskandal, Tebartz-Jahr, Finanzdebatten und Kirchenaustritts-Wellen „mitten im freien Fall“ befinde. „Ich habe erkannt, dass Rettung nicht aus Rom kommt, nicht im Vatikan beginnt, nicht in der Kurie, nicht bei den Kardinälen, Bischöfen – nicht in der erstarrten Struktur der Ordinariate – sondern ganz, ganz weit unten, bei den Menschen direkt vor der Haustür meiner Pfarrei“, stellt der Geistliche fest.

Vieles muss sich nach Überzeugung des Pfarrers ändern. Auch der Zölibat müsse auf den Prüfstand. Schießler lässt die Leser teilhaben an der Einsamkeit eines Priesterlebens. „Im Zölibat ist niemand da, der auf dich wartet. Da ist keine Wärme. Spätabends stehe ich manchmal einfach so im Zimmer und höre dem Rauschen des Verkehrs zu. Dann kommt diese Bitterkeit.“ Er berichtet von der Zeit nach dem Tod seiner Eltern, wo er die einsamsten Weihnachtsfeste erlebte, die man sich vorstelle könne. „Das Problem am Zölibat ist nicht, dass ich die Turnübungen im Bett nicht ausführen darf. Es besteht darin, dass ich sozial zu vereinsamen drohe – weil sich meine täglichen Kontakte mit Menschen immer auf Dienstliches und Seelsorgerisches reduzieren“, schreibt er in aller Offenheit.

Er selber lebt den Zölibat aus innerer Überzeugung, wie er sagt. Aber würde anderen niemals dazu raten. In der Kirche müsse offen darüber diskutiert werden, um endlich zu wissen, wie viele Priester den Zölibat nicht leben können. Schießler stellt fest: Angesichts des Priestermangels kann sich die Kirche das Festhalten am Zölibat eigentlich gar nicht leisten. Nicht nur, dass man die Kandidaten, die man gerne hätte, nicht mehr erreiche. Es drängten immer häufiger jene ins Priestertum, die von ihrer Persönlichkeit her ein hohes Risiko hätten, am Zölibat zu scheitern. „Wir brauchen den Priester ohne Zölibat als eine zusätzliche Möglichkeit.“ Dann wäre Schluss mit Doppelmoral und Lügen.

Und doch gibt es eine „Lovestory“ im Leben von Rainer Maria Schießler. „Sie“ ist eine BMW 1200 GS. Mit ihr fährt er – „ich rase nicht!“ – auch schon mal zu einem Sterbenden. Auf dem Motorrad spürt er die Freiheit. Und freilich genießt er das Staunen von Hochzeitsgesellschaften, wenn der Pfarrer in Lederkluft von seiner Maschine steigt. „Mein Motorrad ist eine meiner wenigen Leidenschaften im Zölibat“, verrät er. Und fügt frech hinzu: „Ehrlich, das hat etwas Erotisches.“ Wieder eine Passage, über die sich manche seiner Amtsbrüder aufregen werden.

Schießler ist das wurscht. Genauso wie er sich in der Seelsorge über kirchliche Bestimmungen hinwegsetzt, wenn er homosexuellen Paaren in der Kirche die Ringe segnet. „Ich kann nichts dagegen tun, wenn die beiden sich ohne meine Aufforderung gegenseitig ihre Liebe und Treue bekunden“, spielt er den Naiven. Er tauft Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen – egal ob adoptiert oder durch eine Samenspende auf die Welt gekommen. „Was kann das Kind für das Kirchenrecht und die Konflikte der Erwachsenen?“ Er ärgert sich darüber, dass seine Kirche wiederverheiratete Geschiedene ausgrenzt, indem sie sie von den Sakramenten ausschließt. Er beerdigt auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Gottes Liebe ist bedingungslos, „und deshalb darf die Kirche die Ausgabe von Sakramenten auch nicht an Bedingungen wie die Entrichtung der Kirchensteuer knüpfen“.

Nicht warten, dass die Gläubigen, die die Kirche verloren hat, wiederkommen, warnt der Pfarrer mit Leib und Seele. Sondern ausschwärmen und die Kirche dorthin bringen, wo die Menschen sind. Das ist Schießlers Credo. Neue Räume erobern. Sei es beim Oktoberfest, sei es mit der Viecherlmesse, sei es beim Gang durchs Viertel oder als freiwilliger Helfer bei der Fußball-WM 2006. Auftreten statt austreten. Und das darf auch unkonventionell sein. So, wie es der Pfarrer praktiziert. Davon darf es ruhig mehr geben. Himmel, Herrgott, Sakrament!

Buchvorstellung:

An diesem Freitag, 18. März, stellt Pfarrer Schießler sein Buch um 19.30 Uhr im Wirtshaus „Maximilian“, Westermühlstraße 31, zusammen mit Starkoch Alfons Schuhbeck in München vor.

Freier Einlass ist ab 18.30 Uhr

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