Der Herr Pfarrer und seine Gipfelkreuze

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Ein Pfarrer auf 2606 Metern: Hans Ekkehard Purrer am Gipfelkreuz des Hochkalter in den Berchtesgadener Alpen. foto: Privat

Das Glück liegt auf dem Gipfel: Pfarrer Purrer aus dem Chiemgau hat zwei große Leidenschaften – der Glaube und die Berge. Beides verbindet er aufs Allerschönste: Er fotografiert und erforscht Gipfelkreuze. Eine Geschichte über kleine Wunder und die Kraft der Kreuze – pünktlich zum Karfreitag.

Christlicher Glaube auf dem berg

Von Stefan Sessler

Schleching – Mein lieber Herr Gesangsverein, das war vielleicht eine Enttäuschung, ein Superflop. Sechs Stunden hat er gebraucht, der Herr Pfarrer, bis er oben war auf 2606 Metern Höhe. Dort, wo man dem Herrgott so nah ist wie sonst fast nirgends. Hans Ekkehard Purrer, 68, war durchgeschwitzt und ein bisschen fix und foxi, als er das hölzerne Gipfelkreuz des Hochkalter in den Berchtesgadener Alpen endlich vor Augen hatte. Darauf steht heute noch die Inschrift: „Gib uns Frieden“.

Aber Frieden hat der evangelische Pfarrer an diesem sonnigen Tag keinen gefunden. Purrer hat wie immer seine Foto-Kamera dabeigehabt. Er hat Fotos geschossen vom Gipfelkreuz und vom Bergpanorama. Er hat aber auch lustige Fotos schießen lassen, wie er gut gelaunt und mit kurzen Hosen vorm Kreuz steht. Quasi zu Beweiszwecken. Denn dieser Mann, der in Schleching im Chiemgau lebt, ist kein normaler Wanderer: Pfarrer Purrer sammelt Gipfelkreuze. Sie können gar nicht hoch genug stehen, Purrer findet sie. Er dokumentiert sie und er hat auch schon ein Büchlein mit 44 Gipfelkreuzen aus dem Alpenraum veröffentlicht. Eigenverlag, zweite Auflage, weil die erste so schnell vergriffen war. Titel: „Die Botschaft der Gipfelkreuze“.

Der evangelische Pfarrer, der lange Jahre in Marquartstein und auch in München-Fürstenried gearbeitet hat, sagt: „Der Gipfel des Glaubens ist das Kreuz.“ Und sein liebstes Hobby sind: Bergtouren. Hochkönig, Hochstaufen, Kilimandscharo, Watzmann-Übersteigung, er war überall schon – und auf vielen Dutzend Bergen mehr. Das passt ja prima, hat er sich gedacht, Berge, Glaube, Kreuze – mach ich doch ein Buch.

Manchmal widmet er den Gipfelkreuzen, die er erklettert hat, unten im Tal ein Gedicht, das er mitabdruckt. Das hört sich dann so an: „Von unten bring ich meine Sorgen/ Hier oben werd ich frohgemut/ Und sehe weit an diesem Morgen/ wie tun die Berge meiner Seele gut.“

Kreuze beruhigen ihn, Gipfelkreuze geben Hoffnung, sie erinnern die Gläubigen an die Leiden und das Sterben Jesu. Nicht nur an Ostern, sondern ganzjährig. Das ist die Botschaft des Kreuzes. Auf dem Hochkalter war die Botschaft des Kreuzes allerdings eine andere, auch das kommt vor, nämlich diese: „Pfarrer, dein Weg war umsonst.“

Denn irgendwann auf dem Rückweg hat Purrer gemerkt: Die Kamera ist noch auf dem Gipfel. Er hat sie liegen lassen, vielleicht beim Brotzeit machen. Alles umsonst. Er hat ein bisschen geflucht, aber nur ein klitzekleines bisschen – soviel, wie es einem Pfarrer gerade noch geziemt. Seine Wanderbegleitung hat vorgeschlagen, umzukehren und am Gipfel nach der Kamera zu suchen. Aber das war Purrer viel zu gefährlich, sie wären in die Dunkelheit gekommen. Der Pfarrer sagt nämlich und da hat er natürlich recht: „Der Berg fordert einem genau wie Gott Respekt ab.“

Denn das ist es, was die Gipfel und den Glauben verbinden – beide sind nicht einfach zu haben. Ein Faulenzer findet weder zu Gott noch zum Gipfelkreuz. Für beides muss man sich anstrengen, trotzdem gibt es auch immer wieder Momente des Zweifels („Sollen wir nicht lieber umkehren und ins Wirtshaus gehen?“) .

Aber das gilt nicht, Glaube und Berge erlauben im Normalfall keine Abkürzungen. Hinzu kommt: Wenn man es richtig anpackt, dann wird man oft auch belohnt. Bei Pfarrer Purrer hat sich das Fiasko auf dem Hochkalter in ein kleines Wunder verwandelt. Kein Vergleich zu den biblischen Wundern, aber ein menschliches Wunder war es allemal. Ein Wanderer, der kurz nach Hans Ekkehard Purrer am Gipfelkreuz war, hat die herrenlose Kamera entdeckt. In der Kamerahülle lag ein Zettel mit einer Telefonnummer, die der Pfarrer zufällig reingetan hatte. Es war nicht Purrers Nummer. Nach vielen Telefonaten und über acht Ecken hat der Pfarrer seine Kamera kurz darauf zurückbekommen. Er ist mit zwei Flaschen Wein im Gepäck zum Finder nach Bad Reichenhall gefahren und hat sich aufs Herzlichste bedankt. Die Bilder vom Gipfelkreuz auf dem Hochkalter sind ihm so seine liebsten geworden. Weil das Kreuz jetzt eine Geschichte hat. Aber so ist es mit fast jedem seiner 44 Gipfelkreuze, die er in sein Büchlein aufgenommen hat. Jedes Kreuz hat eine andere Botschaft. Auf dem Ortler auf 3905 Metern ist das Gipfelkreuz 2012 aus der Verankerung gerissen und in die Tiefe gestürzt. Junge Menschen aus der Südtiroler Umgebung haben daraufhin ein neues Kreuz gefertigt – aus rostfreiem Edelstahl, 350 Kilo schwer.

Das alles steht in Purrers Buch, die Geschichte der Gipfelkreuze ist manchmal aber auch herrlich schräg. Das Gipfelkreuz auf dem Kleinen Gilfert in den Tuxer Alpen auf 2388 Meter haben Insassen der JVA Innsbruck geschaffen – samt Symbolen aller Weltreligionen. Das Alu-Kreuz auf der Hörndlwand in den Chiemgauer Alpen haben die Naturfreunde Töging gestiftet. Das eiserne Gipfelkreuz auf dem Hochfelln haben die Chiemgauer anno 1886 wiederum extra von der Maxhütte in Bergen fertigen lassen. Anlass: der 100. Geburtstag von König Ludwig I.

Oft sind es schöne Geschichten, die hinter dem Bau eines Gipfelkreuzes stecken, manchmal auch heroische. Das Kreuz auf dem nördlichsten Gipfel des Watzmann-stocks hat zum Beispiel eine Inschrift: „Zur Erinnerung der Besteigung des Watzmanns durch seine KK Hoheit Friedr. Wilhelm, Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen“. Datum des royalen Gipfelsturms war der 30. Juli 1872.

Aber manchmal verstecken sich hinter den Kreuzen auch tragische Begebenheiten, erzählt Pfarrer Purrer. 1942 warfen die Nazis das Kreuz auf dem Hochgern kurzerhand vom Gipfel in die Tiefe. Sie duldeten keinen gnädigen Gott, der von ganz oben über den Freistaat wacht. 1943 haben Unterwössener Bürger das kaputte Kreuz restauriert und wieder aufgestellt. Für Purrer ein wunderbares, starkes Zeichen: wider die Tyrannei und für den Zusammenhalt innerhalb einer Dorfgemeinschaft.

Das ist es sowieso, was er an seinen Gipfelkreuzen liebt. Sie sind Ausdruck eines tief in der Heimat verwurzelten Volksglaubens. „Die Kreuze werden auch nicht vom Bischof angeordnet“, sagt Pfarrer Purrer. Sie werden einfach aufgestellt – von den Menschen, die hier leben. Sie sind sozusagen: Glaube pur. Ohne Umwege. Dafür mit steilen Aufstiegen. Grad schön.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare