Herr Latein und die Liebe zum Leib Christi

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Es ist der katholischste aller Feiertage. An Fronleichnam verehren die Bayern den lebendigen Leib des Herrn mit prunkvollen Prozessionen. Auch in Gmund am Tegernsee. Dort richtet Mesner Hans Latein die Feierlichkeiten aus. Seit 55 Jahren. Zusammen mit seiner Familie.

fronleichnam

von magdalena Kratzer

Gmund – Es ist sechs Uhr, in aller Herrgottsfrüh, als Regina Killer, 44, zum dritten Mal mit der Nadel in den weißen Leinenspitzwollstoff sticht. Schon wieder klingelt das Telefon.

„Und? Is’ heid draußn?“– „Griasdi, ja, die Prozession ist draußen.“ – „Guad nachad, bis spada.“– „Pfiati“.

Wieder setzt sie mit der Sicherheitsnadel an, um das Schmieserl – ein Spitzenkragen, der beim Miedergwand am Rücken und am Dekolleté rausblitzt – ans Unterleiberl ihrer ältesten Tochter Josefa, 19, festzumachen. Wieder klingelt’s. Wieder dieselbe Frage. Wieder dieselbe Antwort. Noch viele Male an diesem frühen Morgen hebt Regina Killer den Hörer ab. So war es vergangenes Jahr und so wird es auch dieses Jahr sein.

Irgendwann hat Regina Killer ihre Tochter in alle Schichten des Tegernseer Trachtenmieders gehüllt, gewickelt und gezurrt. Nadeln, Tücher und Ketten sitzen da, wo sie hingehören. Nur die Rosen und das Grün am Dekolleté fehlen noch. Dann kann Josefa mitgehen, bei der Fronleichnamsprozession in Gmund am Tegernsee. Die jüngeren Töchter Maria, 18, und Regina, 15, werden an diesem Donnerstag ebenfalls „ausrucken“. So heißt das in Bayern. Bei den Killers ruckt die ganze Familie an Fronleichnam aus. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist das so.

Im Januar 1963 war es, als Hans Latein, Regina Killers Vater, mit dem Gmunder Pfarrer ein Gespräch unter vier Augen führte. Ob er nicht das Amt des Mesners übernehmen wolle. Quasi als Übergangslösung. „Derweil hoid. Bis ma oan griang.“ Der alte Mesner hörte am 31. Dezember auf. So stand die Gmunder Pfarrei am 1. Januar 1963 ohne Mesner da. Hans Latein, der eigentlich Zimmerer gelernt hat, sagte „Ja“. Gewusst hat er schon so ungefähr, was auf ihn zukommt. Dem alten Mesner hat er bei den Gottesdiensten geholfen. Ministrant war er sowieso. Und der Nachname passte auch irgendwie.

Neben seiner Arbeit in der Werkstatt arbeitete er jahrzehntelang in der Kirche. Seine Mutter und der Bruder halfen ihm. Heute ist Regina Killer die Mesnerin von Gmund. Als ihre jüngste Tochter drei war, hat sie die Aufgabe übernommen. In die Fußstapfen des Vaters ist sie nicht getreten, betont sie. „Ich bin in die Aufgaben hineingeboren.“ Immer schon war sie mit ihren Eltern in der Kirche und hat mitgeholfen. Mit viereinhalb Jahren ruckte sie zu ihrer ersten Fronleichnamsprozession aus. Damals im Dirndlgwand und einem Blumenkörberl. Später im Miedergwand wie ihre Töchter heute.

Für sie ist das nichts Besonderes, sondern eine Selbstverständlichkeit. „Ich kenn es nicht anders.“ Eigentlich ist sie gelernte Floristin. Praktisch, wenn man in der Kirche arbeitet, wo es immer einen frischen Blumenschmuck braucht. „Vielleicht hab ich den Beruf gerade deshalb gelernt“, sagt Regina Killer. „Unbewusst.“ Sie schmunzelt.

In die Fußstapfen von jemanden zu treten, kann auch bedeuten, dass man ihn ersetzt. Das möchte Regina Killer nicht. Und braucht es auch nicht. Denn ihr Vater ist immer an ihrer Seite. Und werkelt mit seinen 80 Jahren wie eh und je. Bei jeder Beerdigung, bei jeder Hochzeit, bei jedem Gottesdienst ist er mit seiner Tochter in der Gmunder Pfarrkirche St Ägidius. Und sorgt mit ihr dafür, dass die Hostien da sind, wo sie hingehören, verteilt Sterbebilder oder schaut, dass die Gewänder der Ministranten ordentlich im Schrank hängen.

An Fronleichnam sind die Aufgaben in der Familie aufgeteilt. Hans Latein und sein Schwiegersohn Bernhard, Regina Killers Mann, sind im Morgengrauen unterwegs, um die Altäre für die Prozession aufzubauen und herzurichten. Birkenstämme haben sie bereits in der Kirche aufgestellt – so wie es Brauch ist. Regina Killer schmückt die Kirche. Beim Fronleichnams-Umzug schaut sie auf die Buam und Mädln, die beim Prozessionszug vorne mitgehen.

Anneliese Latein, Regina Killers Mutter und Hans Lateins Frau, schmückt unter anderem das Vortragskreuz an der Prozessionsspitze. Während der Prozession bleibt sie in der Kirche. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Kirchenglocken zur richtigen Zeit läuten. Nämlich dann, wenn der Prozessionszug – mit Kindern, Miederdirndln, Schalkweibern, Veteranen, Trachtlern, den Feuerwehren, den Gebirgsschützen, dem Frauenbund, der Blasmusik, dem Spielmannszug und den anderen Einheimischen – von Altar zu Altar wandert.

Vier Altäre sind es insgesamt, an denen der Zug haltmacht und zu den Evangelien betet. Am Schluss kehrt er für den Schlusssegen in die Kirche zurück. Alle folgen dem Pfarrer, der das Allerheiligste in den Händen hält: die Monstranz. Ein prunkvolles Gefäß, in dem sich eine geweihte Hostie befindet.

Der Pfarrer trägt nicht nur die Monstranz in den Händen. In Begleitung von Kommunionskindern und Gebirgsschützen wandelt er auch unter dem „Himmi“. Der ist nicht weiß-blau, sondern golden. Ein sogenannter Tragehimmel. Er erinnert an einen Baldachin. Eine rechteckige Damastdecke, mit christlichen Symbolen. Das göttliche Dreieck, ein Kelch oder ein Pelikan. Ein Symbol für Jesus, der seine Kinder mit seinem eigenen Blut ernährt. Damit der Himmel schwebt, müssen die vier Holzbeine, die an ihm befestigt sind, getragen werden. Getragen werden müssen auch die vielen bunten Fahnen und Figuren, die zur Prozession dazugehören.

In Gmund sind die Fahnen zum Teil über hundert Jahre alt. Der heilige Georg und der heilige Antonius zum Beispiel. Sie werden traditionell von den hinteren Fahnenträgern hochgehalten. Auch darum kümmert sich Hans Latein.

Es ist Brauch, dass der Gmunder Mesner vor Fronleichnam einsagt. Das heißt so viel wie anfragen. An den Sonntagen vor der Prozession steht Hans Latein nach dem Gottesdienst am Kirchenausgang. „Griasdi. Konnst du heier vielleicht wieder die Fahna tragen?“ – „Ja, gern. Mach i.“ – „Vergelt’s Gott. Pfiati.“ – „Sengs Gott.“

Manchmal klopft Hans Latein auch an der Haustüre, manchmal nimmt er den Hörer in die Hand. Er kennt sie alle in der Pfarrgemeinde. Viele schon seit ihrer Taufe.

Früher war manches noch anders, sagt Hans Latein. „Gewisse Sachen waren Ehrensache.“ Eben die Fahnen zu tragen. Heute ist es schwieriger. „Vui mengen si ned so binden“, sagt er. Er ist froh um jeden, der bei der Prozession mithilft. „Ich bin sehr dankbar. Ohne die Helfer würde es nicht gehen.“ Mit den Kindern ist es ähnlich. „Früher haben sie sich drum gestritten, ausrucken zu derfn.“ Anders als früher sind an Fronleichnam aber heutzutage Ferien. Und wie es an Pfingsten eben so ist, fahren viele Familien an den Strand von Rimini oder an den Gardasee und sitzen nicht in der Kirche. „Des is hoid so. Kann man auch verstehen“, sagt Regina Killer. Ihr Vater spricht von einer „gewissen Event-Verrücktheit“.

Heuer haben sich genügend gefunden, die „Ja“ gesagt haben. Jetzt bleibt nur eines zu hoffen: dass das Wetter mitspielt. „Bei Regen ist die Prozession in der Kirche“, sagt Regina Killer. Entschieden wird das am Donnerstag um sechs Uhr. Zwei weitere Prozessionen folgen kurz nach Fronleichnam. Eine ist am Sonntag, 3. Juni, vom See zur Kirche. Das Skapulierfest mit den Gebirgsschützen findet im Juli statt. Wenn das Wetter an Fronleichnam schön ist, soll es auch an den folgenden Umzügen passen. Heißt es. „Meistens stimmt’s“, sagt Regina Killer. Sie ist gespannt, was sie den Anrufern dieses Mal in aller Herrgottsfrüh sagen wird.

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