Die Heimkehr der Ammersee-Störche

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

In Raisting gibt es so viele Störche wie sonst fast nirgends in Oberbayern. Gerade kommen sie alle wieder angeflogen. Jedes Frühjahr steigt die Spannung, wie viele Junge diesmal durch den Sommer kommen. Im Nachbarort beobachten sie das Storchen-Paradies am Ammersee mit gewissem Neid. Ein Besuch.

Raisting und seine Berühmten Mitbewohner

von Aglaja Adam

Raisting/ Dießen – Die Störche sind da. Endlich wieder. Manche waren bis vor Kurzem in Spanien, aber jetzt staksen sie unbeeindruckt über die Straße von Raisting im Kreis Weilheim-Schongau. Sie sorgen bei Touristen für gefährliche Bremsaktionen. Das Klappern auf den Dächern ist weit zu hören. Eifrig bauen die Vögel momentan ihre Nester, ungeachtet der neugierigen Blicke.

Seit 15 Jahren gehören die imposanten Tiere zum Ortsbild – sie haben das 2300 Einwohner große Dorf berühmt gemacht. Ein bisschen zumindest. Damals begann alles mit einem verirrten Storchenmann. „Raisti“, wie er liebevoll genannt wurde, verschwand 2003 aus einem Zoo im Elsass und ließ sich zufällig in der Gemeinde am Südufer des Ammersees nieder.

Reinhard Grießmeyer kennt den Pionier der Storchenpopulation, der 2011 starb, noch persönlich. Der Vorsitzende des Vereins „Schutzgemeinschaft Ammersee“ beobachtet die Störche seit der ersten Stunde. 2005 fand „Raisti“ erstmals eine Storchendame, das Paar gründete eine Familie. Seitdem kommen Jahr für Jahr mehr Störche nach Raisting. „Das ist ein Automatismus, wo viele sind, kommen immer mehr“, sagt Grießmeyer. Ein Glücksfall für Raisting.

Der Bankkaufmann in Rente fährt jeden Tag eine Storchenrunde, meistens sogar zwei. „Alle bestehenden Horste sind schon besetzt“, sagt er. 15 Paare hat Grießmeyer dieser Tage gezählt – mehr als 2017. Er bleibt meist sachlich, wenn er von seiner Leidenschaft berichtet. Kennt sich aus mit Brutzeit, Nahrung, Lebensraum und dem Vogelzug. Notiert penibel, wann er welchen Storch gesehen hat und ob er beringt ist. Die Schutzgemeinschaft bewirtschaftet riesige Streuwiesenflächen am Südende des Ammersees, Lebensgrundlage für die Störche. „Hier finden sie ihre Nahrung, Würmer, Frösche und Mäuse.“ Raisting, das Storchen-Paradies: „Eigentlich schwieriges Terrain“, sagt er, „hier ist es schon fast zu kalt.“ Doch das gute Nahrungsangebot sorge für die stete Wiederkehr der Vögel. Und das ist das Wichtigste. Im Dorf sind sie stolz auf ihre Tiere. Sie sind so was wie das inoffizielle Wahrzeichen des Ortes.

Wenn Grießmeyer eine der vielen kuriosen Geschichten erzählt, die die Störche dem Ort schon beschert haben, breitet sich oft ein zaghaftes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Da ist die Geschichte mit den 14,5 Paaren. So viele waren es 2017. Eine ungerade Zahl, für die eine Storchendame im vergangenen Jahr verantwortlich war. Sie gründete mit zwei Männern eine Familie. Schachtelbrut nennt sich das. „War stressig“, schmunzelt Grießmeyer. Er hat sie heuer schon gesichtet, mit nur einem Mann.

Jüngst hat ein Storchenpaar einen richtigen Schildbürgerstreich ausgeheckt. Die beiden Vögel hatten ihren Horst auf einem Bauernhof gegenüber der Kirche. Weil der Landwirt den Gebäudeteil abreißen will, stellte er einen Antrag und wandte sich an Bürgermeister Martin Höck. Obwohl Störche seit vergangenem Jahr nicht mehr im Artenschutzprogramm sind, darf ein Nest nur mit Genehmigung der Regierung von Oberbayern entfernt werden.

Ein Ersatzplatz war schnell gefunden: Die Störche sollten 20 Meter weiter auf dem Schlauchturm der alten Feuerwehr einziehen. Problem: Der Umzug musste im Beisein der Störche stattfinden. „Die Störche haben hier überwintert“, sagt Höck. Ehrenamtliche der Schutzgemeinschaft nahmen den Horst herunter und kleideten ihn mit Zweigen aus. Ein Kran setzte ihn auf den Turm. „Das dauerte einige Tage“, sagt Grießmeyer. Zu lange für die Störche. Sie begannen kurzerhand, ein neues Nest auf genau der alten Stelle zu bauen. Zum Leidwesen des Landwirtes, der den Abriss nun erst im August vornehmen darf, wenn die Störche ihre Jungen durchgebracht haben. Der Bürgermeister kann dem Ganzen dennoch etwas Gutes abgewinnen: „Wir haben Platz für ein Paar mehr.“

Im Nachbarort Dießen im Kreis Landsberg beobachten sie den Storchensegen in Raisting schon lange mit einem gewissen Neid. Im vergangenen Jahr gelang dann die Sensation: Erstmals nach Jahrzehnten brütete wieder ein Vogelpaar in dem Dorf. An der verkehrsreichen Kreuzung gegenüber des Rathauses zog ein Storchenpaar drei Junge auf. Bei Franz Sanktjohanser, 67, nahm die Geschichte damals ihren Anfang und bei ihm soll sie heuer weitergehen.

Schon 2012 errichtete der Fuhrunternehmer mit einem Herz für Störche auf einem abgestorbenen Baum in seinem Garten einen Nistplatz. Doch nie wurde dort gebrütet. Bis im vergangenen Jahr endlich ein Paar mit dem Nestbau begann. Eines Morgens verschwand es aber plötzlich, um den Platz in der Dorfmitte zu beziehen.

Die Störche wurden die Attraktion des Sommers. Alle waren begeistert. Nur die Hausbesitzer nicht. „Die Dachfenster waren völlig zugekotet“, sagt Sanktjohanser. Er hat Verständnis, dass die Eigentümer den Horst entfernen ließen. Doch Ruhe ließ es ihm nicht. Also ergriff er wieder die Initiative. Wo einst ein Baumstamm stand, ragt nun ein 12,50 Meter hoher Storchenmast in den Himmel. Eigenhändig hat er ihn einbetoniert. Acht Tonnen wog der Erdaushub. Die Kosten, rund 4000 Euro, streckte er vor. Er hofft, die Hälfte von der Unteren Naturschutzbehörde zurückzubekommen.

Aber noch mehr hofft er, dass sich bald vor seinem Fenster eine Storchen-Romanze abspielt. Und dass Dießen endlich auch ein Storchendorf wird – so wie Raisting.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare