Der Heilsbringer beim Kirchentag

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Sie sind die Stars auf dem Evangelischen Kirchentag: Merkel und Obama. Vor 70 000 Menschen sprechen die beiden über Demokratie. Wie einen Messias empfingen die Christen in Berlin den Ex-US-Präsidenten. Denn sie sehnen sich nach Frieden – und verlässlicher Demokratie.

Barack Obama in Berlin

Von Sophie Rohrmeier

München/Berlin – Einen Schritt hinter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betritt Barack Obama, bis vor wenigen Monaten mächtigster Mann der Welt, die Bühne in Berlin. Galant hält er seine Hand in ihrem Rücken, um sie zu ihrem Sessel zu führen. Vor dem Brandenburger Tor nehmen die beiden Platz – dem Symbol für die Wiedervereinigung, für das Ende des Eisernen Vorhangs. Und das in einer Zeit, in der Obamas Nachfolger Donald Trump auch mit dem Versprechen einer Mauer zu Mexiko hin die Wahl in den USA gewonnen hat.

„Wir können uns nicht hinter einer Mauer verstecken“, sagt Obama vor den Protestanten an Christi Himmelfahrt. Ein Satz, der Merkel so gut gefallen dürfte wie die feine Zurückhaltung Obamas. Merkel wird später am Tag in Brüssel aber auch den weniger dezenten Trump treffen, als Kanzlerin zwischen zwei Präsidenten.

Denn nach der Diskussion in Berlin reiste sie nach Brüssel, um dort mit Trump vor einem Spitzentreffen der Nato Denkmäler zu enthüllen: Stücke des World Trade Centers und eben jener Berliner Mauer, hinter der die Kanzlerin aufwuchs. Ihrer Öffnung verdankt sie ihre Karriere und Maßstäbe ihrer Politik.

Präsident Trump erscheint vielen als Schreckgespenst der internationalen Politik. Sein Vorgänger Obama kommt so geradezu wie ein Heilsbringer nach Berlin. Mit großer Aufmerksamkeit und Lächeln in den Gesichtern lauschen die etwa 70 000 Christen auf der Straße des 17. Juni vor der Bühne, unter ihnen viele junge Menschen.

„We miss you“, „Wir vermissen dich“, steht auf Schildern von Besuchern, und: „Please stay, our elections are coming.“ „Bitte bleib, unsere Wahlen stehen bevor.“ Die Sehnsucht ist groß, und Obama schickt ihnen eine Botschaft der Hoffnung. Und für die Kanzlerin erweist er sich als unübertroffener Wahlkampfhelfer.

Auch wenn Merkel und Obama die Bundestagswahl oder Trump nicht direkt kommentieren, dessen Name kein einziges Mal fällt: Zwischen den Zeilen grenzt sich Friedensnobelpreisträger Obama klar ab von seinem Nachfolger. Entschieden plädiert der Ex-Präsident für Freiheit, demokratischen Austausch und Abrüstung.

Trump will massiv aufrüsten, was manchen seiner Gegner aufstößt. Auch Obama hält das militärische Eingreifen der USA bisweilen für nötig. Doch er konzentriert sich nicht auf Waffen allein. Das Budget, sagt er in Berlin, solle nicht nur in militärische Hardware gehen, sondern auch in Diplomatie. Es sind deutlich weniger martialische Worte, als Trump sie für gewöhnlich nutzt.

Das Wichtigste sei, sich hinter die Werte zu stellen, die „uns am wichtigsten sind“, und gegen jene, die diese Werte zurückdrängten, sagt Obama. Es gelte, sich gegen Nationalismus, Fremdenhass und Intoleranz einzusetzen. Denkweisen, die Trumps Gegner diesem oft vorwerfen. Eintreten müsse man dagegen für Werte wie Presse- und Religionsfreiheit. „Ich denke, das ist eine wichtige Schlacht, die wir austragen müssen.“

Wer nicht zulasse, dass vielleicht auch das Gegenüber mit einer anderen Meinung recht haben könnte, säe große Grausamkeit und Gewalt. Dem entgegen präsentiert sich Obama auch bei diesem Auftritt wieder als liebender Ehemann und Vater, der nun endlich mehr Zeit hat für Michelle und seine Töchter. Trotzdem hofft er, auch nach seiner Präsidentschaft Einfluss zu haben. Den wolle er nutzen, um vor allem jungen Menschen zu helfen, die neue Riege von politischen und gesellschaftlichen Führungspositionen zu übernehmen. Für die Zukunft brauche es engagierte Demokraten, auch für die Zeit nach Trump, so darf man Obama wohl verstehen.

Immer wieder beziehen sich er und Merkel auf ihren christlichen Glauben als Basis ihrer Arbeit, was vor allem daran liegt, dass die Moderatoren, Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au und EKD-Ratsvorsitzender und bayerischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm immer wieder nachfragten. Sie lassen die beiden wichtigsten Gäste dieser Tage die Religion nicht vergessen. Obama hatte als Präsident seinen Glauben mehrmals erkennbar gemacht – besonders nach Amokläufen. Weltweit berührte seine Rede nach dem Massaker an schwarzen Gläubigen in einer Kirche in Charleston: Er sang „Amazing Grace“, eines der berühmtesten Kirchenlieder.

„Ich versuche immer, bescheiden zu sein“, sagt Obama in Berlin. „Ich habe nicht das Gefühl, dass Gott allein durch mich spricht.“ Bescheidenheit als Gabe, die der Glaube schenkt – das stellen Obama und Merkel als ihre Gemeinsamkeit heraus. Sie weiß dank ihrer Religion, dass sie Fehler macht und dadurch nicht vernichtet wird, sagt die Kanzlerin. „Das gibt eine gewisse Demut, an die Dinge heranzugehen.“

Grenzenlos ist ihre Demut aber doch nicht. Als Bedford-Strohm zu Obama zwei Plätze weiter sagt: „Wenn ich neben dem ehemals mächtigsten Mann der Welt sitze...“ Merkel verzieht das Gesicht, das Publikum lacht. „Ich hab’ so geguckt“, sagt sie kurz darauf, „weil neben Ihnen sitz’ ja jetzt erst mal ich.“ Sie tritt mit dem Selbstbewusstsein der mächtigsten Frau der Welt auf – keine schlechte Voraussetzungen für ein Treffen mit Trump.

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