Der Hauch des Terrors

+

Anschläge in München verhindert? Wenn eindringliche Warnungen vor „Menschenansammlungen“, wie man sie als Urlaubsreisender kennt, plötzlich der vertrauten heimischen Umgebung gelten, weil man in diesem Moment Teil einer fröhlichen öffentlichen Feier ist, dann beschleicht einen schon ein unheimliches Gefühl.

Der kalte Hauch des Terrors hat in München in der Silvesternacht zehntausende Partygänger und ihre Angehörigen gestreift. Viele mögen ihre Pläne im Lauf des Abends geändert haben, viele sagten sich vielleicht: „Jetzt erst recht“. In den sozialen Netzwerken, die ein Seismograph für Stimmungen sind, blieb Panik jedenfalls aus, aufmerksame Gelassenheit dominierte. Ein Reifezeugnis.

Münchens Bahnhöfe sind weltbekannt als „Häfen“ für Flüchtlinge und müssen deshalb als potenzielle Terrorziele gelten. Wurde durch die Räumung ein Blutbad verhindert? Oder war es falscher Alarm? Die Polizei hat jedenfalls ebenso schnell wie angemessen reagiert – und erstklassige Kommunikationsarbeit geleistet. Dennoch machte die Nacht zum 1. Januar 2016 nicht nur erneut klar, dass Sicherheit, wenn überhaupt, nur punktuell garantiert werden kann, sondern auch, dass jeder für sich entscheiden muss, welches Risiko er einzugehen bereit ist. Diese Unsicherheit ist symptomatisch für jene vage „Bedrohungslage“, eine Umschreibung der beängstigenden Tatsache, dass irgendwo irgendwelche islamistischen Fanatiker darüber nachsinnen, wie sie unsere offene Gesellschaft ins Mark treffen können. Wie man damit umgehen kann, haben die Menschen in München beispielhaft gezeigt.

Allerdings braucht man kein Prophet zu sein um vorauszusagen, dass wiederholte Terrordrohungen auf Dauer auch diese Gesellschaft mürbe machen und verändern werden, vom Ernstfall ganz abgesehen. Offenbar kamen die Hinweise auf die Anschlagspläne von ausländischen Geheimdiensten, die vielen deutschen Politikern seit dem NSA-Skandal als liebstes Feindbild gelten. Diese Haltung kann man jetzt nur noch als unverantwortlich bezeichnen.

Lorenz von Stackelberg

Sie erreichen den Autor unter

Lorenz.Stackelberg@ovb.net

Kommentare