DER AUFTAKT DES SPD-KANDIDATEN HÄTTE KAUM BESSER SEIN KÖNNEN – DOCH WIE LANGE HÄLT DIE EUPHORIE?

Der Gute-Laune-Schulz

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Im Umfragehoch: Schulz liegt gleichauf mit Merkel. afp

München – Diese turbulente Woche dürfte Martin Schulz nie mehr vergessen: Sie beginnt am vergangenen Samstag mit einem Gespräch, in dem ihm Sigmar Gabriel überraschend die Kanzlerkandidatur überlässt.

Sie erlebt ihren Höhepunkt mit der überraschenden Veröffentlichung durch ein Magazin quasi während einer SPD-Fraktionssitzung am Dienstag. Und sie wird am Sonntag in der ARD enden. Gleich zum Auftakt des Wahlkampfes bekommt Martin Schulz das ganz große Podium. Er allein bei Anne Will. So wie es sonst höchstens Angela Merkel erlaubt ist, wenn sie dem Fernsehvolk etwas Wichtiges zu sagen hat.

Es ist einiges in Bewegung geraten. Nicht nur in der SPD, die nach der Absage von Sigmar Gabriel geradezu erleichtert wirkt. Im ganzen Land wird die Personalie erstaunlich positiv aufgenommen. 64 Prozent der Befragten des ARD-Deutschlandtrends halten Schulz für einen guten Kanzlerkandidaten der SPD. Gerade mal 14 Prozent tun dies nicht. Unter SPD-Anhängern lautet das Verhältnis fast schon euphorisch 81 zu 4. Mehr noch: Könnten die Deutschen ihren Kanzler direkt wählen, kämen Merkel wie Schulz auf 41 Prozent – wobei Merkel zwei Prozentpunkte verliert und Schulz fünf gewinnt. Sigmar Gabriel hätte von so einem Ergebnis nicht einmal zu träumen gewagt. Für die umfragegeplagten Genossen ist die Entwicklung schon jetzt Beweis, dass die Entscheidung richtig war.

Doch Vorsicht ist geboten: Bislang dient Schulz vor allem als Projektionsfläche von Hoffnung – in der SPD-Basis auf einen Linksruck und im Merkel-müden Teil der Bevölkerung auf ein neues Gesicht im Kanzleramt. Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter glaubt, dass bald Ernüchterung eintritt. „Er muss sich jetzt zu Themen äußern, zu denen er bisher nichts sagen musste. Damit wird er automatisch Menschen verärgern und die Beliebtheitswerte bröckeln. Ob er das auffangen kann, ist zumindest fraglich“, sagte Falter der „tz“.

Bislang wissen die wenigsten, wofür Schulz genau steht. Er blickt zwar auf eine idealtypische sozialdemokratische Aufsteigerkarriere zurück, gilt aber keineswegs als Linker. „Nach allem was man so rauslesen kann, ist er pragmatischer Sozialdemokrat, ein typischer Lokalpolitiker. Insofern würde ich ihn eher zum konservativen Flügel der SPD rechnen“, sagt Falter, der deshalb ein „Glaubwürdigkeitsproblem“ sieht, sollte die SPD mit einer rot-rot-grünen Koalition nach der Wahl liebäugeln. Die sei „inhaltlich ganz anders gelagert“. Vermutlich ist Deutschland nach Anne Will am Sonntagabend ein gutes Stück schlauer, wo Schulz in innenpolitischen Fragen steht.

Bis dahin steht der Typ Schulz im Vordergrund. Und der schreibt weiter fleißig Schlagzeilen. So hatte ein ARD-Team zufällig Jungsozialisten in Mannheim gefilmt, als dem örtlichen Vorsitzenden rausrutschte: „Martin Schulz ist einfach eine geile Sau.“ Kurz nach der Ausstrahlung hatte der Student „die geile Sau“ dann am Telefon. Schulz bedankte sich fröhlich.

Ob Gabriel auch angerufen hätte, kann in der SPD vermutlich niemand sagen. Komplimente von Jusos hat der scheidende Parteichef länger nicht mehr bekommen. Mike Schier

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