Das große Maibaum-ABC

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Weiß-blauer Wolkenkratzer: Ein Maibaum ragt in den bayerischen Himmel. foto: vario

Wer hat den längsten? Wer klaut die meisten? Und was haben die Chinesen mit ihm zu tun? Um den Maibaum der Bayern ranken sich viele Geschichten. Wir haben sie für Sie geordnet – von Alubaum bis Zugspitze.

Brauchtum

Wer hat den längsten? Wer klaut die meisten? Und was haben die Chinesen mit ihm zu tun? Um den Maibaum der Bayern ranken sich viele Geschichten. Wir haben sie für Sie geordnet – von Alubaum bis Zugspitze.

Von Christian Chymyn und Stefan Sessler

A wie Alubaum: Einem Traditionalisten dreht’s da die Weißwurst im Magen um: Maibäume aus Alu sind zwar wetterbeständig – aber furchtbar fad. Im niederbayerischen Anzenkirchen haben sie 2011 einen Stahl-Maibaum aufgestellt. „Denn so ein Stahl-Baum steht lebenslang“, sagt der Dorfsprecher Charly Altmann. Wie langweilig.

B wie Beuerberg: Die Beuerberger Burschen haben heuer eine böse Überraschung erlebt: ein Kettensägen-Massaker an ihrem Maibaum. In der Nacht auf Aschermittwoch fällte jemand ihren 30 Meter hohen Stolz. Ein klarer Regelverstoß (siehe G). Wer macht so was? Maxi Bromberger vom Burschenverein in Beuerberg (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) hat da einenVerdacht: Die Rivalen aus dem Nachbarort Königsdorf waren es. Da gibt’s schon länger Hakeleien, es geht um die Ehre und um angebliche Schummeleien beim längsten Maibaum. Bis heute hat die Polizei den Maibaum-Mörder nicht ermittelt. C wie Chinesische Maibaum-Kraxler: Achtung, Plagiats-Gefahr: Jetzt kommen die Maibaum-Kraxler schon aus China. 14 Turner, flink wie Eichhörnchen, klettern die Stangen auf und ab, drehen dabei Pirouetten und Schrauben. Sie heißen „Beijing Acrobatic Troupe“, waren sogar schon im Circus Krone. Bei der bayerischen Ur-Variante des Maibaumkraxelns wird auf Pirouetten verzichtet – das Tempo zählt. Allenfalls am Heimweg vom Maifest dreht es die Kraxler manchmal ein bisschen.

D wie Diebstahl: Maibaumdiebstahl ist Volkssport. Ursprünglich ging es darum, Segenskraft zu stehlen. Für die steht der Maibaum. Als Fruchtbarkeitssymbol soll der Maibaum durch seine Höhe und den oben angebrachten Kranz Segen auf das ganze Dorf verteilen. „Wenn ein Maibaum gestohlen wurde, hat man dem anderen Dorf diese Segenskraft nicht gegönnt“, erklärt Alfons Schweiggert, Mit-Autor des Buches „Der Maibaum“. Die frühesten Belege über den Maibaumklau stammen aus dem späten 19. Jahrhundert.

E wie Emanzipation: Eigentlich ist Maibaumaufstellen Männersache – schon immer. Aber jetzt geht unterm weiß-blauen Himmel die Angst um. Frauen fordern Unerhörtes: Sie wollen mitmachen! Am 1. Mai! Beim Baumaufstellen! In Regensburg sorgte der Maibaum-Vorstoß der dortigen Damen voriges Jahr wochenlang für Zoff. Der Fischereiverein weigerte sich sogar, beim Baumaufstellen anzupacken. Der Vereinssprecher erklärte: „Wir haben nichts gegen Frauen. Aber es geht nicht, dass sie den Baum mit aufstellen.“ Moderne Zeiten ja, aber bittschön nicht am 1. Mai. Am Ende setzten sich die Frauen durch. 13 von ihnen stellten den Baum auf. Eine Pioniertat.

F wie freie Fahrt: Jetzt gibt’s kein Zweifeln mehr: Maibaum-Diebe haben in Bayern freie Fahrt. Sagt das Wirtschaftsministerium auf Anfrage der SPD. Wer einen gestohlenen Maibaum wegschafft, darf öffentliche Straßen nutzen. SPD-Maibaum-Experte Harald Güller wollte auch wissen, ob zum Transport eines gestohlenen Baums „ein landwirtschaftliches Fahrzeug mit grünem Kennzeichen“ verwendet werden darf. Antwort: Ja. Das Staatsministerium lege den Brauchtumsbegriff weit aus. Liberalitas Bavariae im Zeichen des Baums. Was für ein wunderbares Bundesland.

G wie „Goldene Regeln des Maibaum-Klaus“: Paul Ernst Rattelmüller, ein Brauchtums-Experte und früherer Bezirksheimatpfleger, hat sie aufgestellt, es sind sieben: 1. Nur heimlich und unentdeckt darf der Baum gestohlen werden. 2. Frevelhaft ist es, den Baum zu zersägen oder zu beschädigen. 3. Werden die Räuber innerhalb der Gemeindegrenze beim Abtransport überrascht, müssen sie ihre Beute zurückgeben – und zwar kampflos. 4. Aufgestellte Bäume dürfen nicht mehr gestohlen werden. 5. Nur der Baum und nicht die Tafeln, Kränze und Scheren sind Diebesgut. 6. Nach Versöhnung und Auslösung ist wieder Friede. 7. Das Brauchtum des Maibaumstehlens soll so gehandhabt werden, dass Juristen unnötig sind.

H wie Holz: Maibäume sind meist Fichten. Die wachsen stangerlgerade, tragen kaum dicke Äste, eignen sich deshalb am besten. Wer ganz hoch hinauswill, so wie die Eicheloher (siehe X), wählt eine Douglasie, die ursprünglich aus Nordamerika kommt. Die höchste bisher gefundene war 133 Meter hoch.

I wie Irxenschmalz: So ein Mordstrumm Maibaum kann schon mal ein paar Tonnen wiegen. Da braucht’s Superpower, um den zu stemmen. Da Superpower aber kein bairisches, sondern ein bescheuertes Wort ist, hat Gott den Bayern einen eigenen Ausdruck geschenkt, den sie jedes Jahr am 1. Mai verwenden: Irxenschmalz. Laut dem Zehetner, der Bairisch-Bibel, kann Irxe Schulter, Achsel oder Achselhöhle bedeuten. Soll uns recht sein. Eh wurscht, woher die Kraft kommt: Hauptsache, der Baum steht.

J wie „Jesus, Maria und Josef!“: Diesen Ausdruck erstaunten Entsetzens sollte am 1. Mai jeder parat halten, der irgendwo in Oberbayern einer Aufstell-Feier beiwohnt. Hat der örtliche Burschenverein doch zu wenig Irxenschmalz (siehe I) in den Armen, empfiehlt sich folgender Ausruf: „Jesus, Maria und Josef, jetzt kriegen’s den Baum ned nauf, die Magermilchbüberl!“

K wie Känguru-Methode: Maibaumkraxler wollen flink den Baum hinaufklettern. Sie müssen in 15 Metern Höhe eine Glocke läuten. Einzige Hilfe beim Kraxeln: Pech oder Harz an den Händen und Füßen. Rekordkraxler schaffen das in rund acht Sekunden. Bei der Känguru-Methode zieht der Kraxler beide Beine gleichzeitig nach oben, während er den Stamm umklammert. Er hopst quasi den Baum hoch.

L wie Liebesmaien: In der Nacht zum 1. Mai stellt der verliebte Bursche seiner Angebeteten einen Liebesmaien vor die Türe – eine junge Birke, geschmückt mit Bändern und einem Herzerl. Der Brauch ist zwar nicht mehr allzu verbreitet, aber wunderschön. Wenn es gut für den Burschen läuft, kriegt er von der Schwiegermama in spe einen selbstgebackenen Kuchen spendiert. Wenn es sehr gut läuft, kriegt er vom Schwiegervater in spe einen Kasten Bier. Und wenn es fantastisch läuft, gibt’s einen Kuss von der Angebeteten. Hach, wie romantisch.

M wie Mittsommerbaum: Der Maibaum hat einen Verwandten – den schwedischen Mittsommerbaum. Heißt auch Mittsommerstange oder Maistange. Nur mit dem Monat Mai hat der schwedische Kollege nichts an der Krone. Sein Name kommt von altschwedisch „maja“ – mit Blumen schmücken. Immerhin: Wenn der Stamm geschmückt und aufgerichtet ist, wird um ihn herum getanzt. Ein Tanzlied heißt „Små grodorna“, die kleinen Frösche. Die Tänzer imitieren deren Bewegungen. Das dürfte ein bisserl so aussehen wie die Känguru-Methode beim Maibaum-Kraxeln (siehe K).

N wie Niclasreuth: In diesem winzigen Ausnahmedorf im Kreis Ebersberg stellen sie nur alle 50 Jahre einen Maibaum auf. Das ist so Brauch, seit Generationen. Warum? Weiß kein Mensch mehr. Die Einheimischen vermuten, dass sich die Ur-Ur-Opas im Wirtshaus beim Schnapseln den Jahrhundert-Streich ausheckten. Nächster Maibaum-Termin ist übrigens im Jahr 2059. Kann man sich ja schon mal im Kalender notieren. Eine Mordsgaudi, garantiert.

O wie Ortsmitte: Die Ortsmitte ist der schönste Platz im Dorf – keine Frage: Hier muss der Maibaum stehen. Und der Marktplatz bietet sich gleich an für den Tanz in den Mai.

P wie Prachtstangerl: Eine von vielen Bezeichnungen für den Maibaum. Weitere Begriffe, je nach Art und Beschaffenheit des Baums: Traditionsstangerl, Problemstangerl, Rekordstangerl, Kaputtstangerl, Klaustangerl, Kultstangerl, Superstangerl.

Q wie Querelen: Für Querelen sorgte im August 2012 der Maibaum in Hohenbrunn im Kreis München. Bei einem Unwetter brach die Spitze des Maibaums ab. So kam ans Tageslicht: Die Spitze war aus Metall. Die Burschenschaft hatte den Baum aufgestellt. Deren Chef Christoph Schulz sah am Metall nichts Verwerfliches. „Es wird immer eine Spitze aus Metall draufgesteckt“, sagte er. Wegen der Feuchtigkeit. Dem widerspricht Maibaum-Experte Rudolf Goerge, Kreisheimatpfleger im Landkreis Freising. „Ich persönlich halte das mit der Feuchtigkeit für einen Schmarrn“, sagte er. „Das ist möglicherweise ein Trick, um den Baum länger zu machen.“

R wie Rinde: Mit oder ohne? Hier scheiden sich die Geister. Die einen stellen den Maibaum mit Rinde auf, bei den anderen wird er „geschepst“ und angemalt. „Naturbelassene Maibäume sieht man eher im schwäbischen und fränkischen Raum“, sagt Michael Richter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Werden die Maibäume bemalt, dann meist in den Landesfarben Weiß-Blau. Die Franken dagegen bepinseln den Maibaum schon mal rot und weiß.

S wie Schandbaum: Der wird dann aufgestellt, wenn ein gestohlener Maibaum nicht ausgelöst wird. Stellen die Bestohlenen einfach so einen neuen Maibaum auf, droht ihnen Hohn und Schmach – in Form des Schandbaumes. Die Diebe teeren und federn dann den gestohlenen Baum (oder er wird nur schwarz angestrichen) und stellen ihn gut sichtbar für alle auf.

T wie Toskana: Auch die Italiener haben heuer einen: einen Freundschafts-Maibaum, direkt aus Oberbayern. Das Tölzer Original Karl Drexl hat den 17-Meter-Baum vor ein paar Tagen per Tieflader-Anhänger in die Toskana geschafft, Fahrzeit gut acht Stunden. Der Baum soll die Partnerschaft zwischen Bad Tölz und San Giuliano Terme besiegeln. Der Trachtenverein Kirchstoaner hat das gute Stück hergerichtet. Das Aufstellen übernimmt die Tölzer Delegation – gemeinsam mit den Italienern. „Einigkeit macht stark“ ist das Motto. Und so steht’s als Spruch auch auf dem Baum. Eine wunderbare Idee. Auch die Herrschinger betreiben heuer Völkerverständigung per Maibaum. Sie stellen einen im italienischen Ravina auf, ihrer Partnergemeinde.

U wie Unterbrunn: Vor den Unterbrunner Burschen zittert das Umland. Sie sind Weltmeister der Maibaumdiebe. Sage und schreibe 61 Maibäume haben sich die Burschen bereits unter den Nagel gerissen. Seit 1949 sind die Unterbrunner auf Diebestour, sobald es auf den Ersten Mai zugeht. Ihren 61. Baum holten sie sich dieser Tage vom SV Helios-Daglfing – trotz Alarmanlage. Die Tricks will Peter Schröfl von den Unterbrunner Burschen nicht preisgeben: „Das ist eben viel Erfahrung, mehr verrat ich nicht.“

V wie Verlierer: Zwei Gastwirte haben vor drei Jahren gewettet: Wer mehr Enten in seinem Wirtshaus verkauft, der kriegt vom anderen einen Maibaum geschenkt und per Traktor vorbeigebracht. Wirt Sascha Bangert aus Schwabniederhofen im Kreis Weilheim-Schongau hat das „Entenrennen“ haushoch verloren. Daraufhin hat er einen zwölf Meter langen Baum besorgt und ihn nach Timmel, Ostfriesland, gefahren. Fahrzeit: vier Tage. Fahrzeug: ein 45 Jahre alter Eicher-Bulldog.

W wie Wache: Damit ein Maibaum sicher vor Dieben ist, muss er bewacht werden. Oft schlagen sich die Bewacher Tage und Nächte neben ihrem geliebten Baum um die Ohren, damit er nicht gestohlen wird. So manches Bier, das dazu diente, die oft kühlen Aprilnächte erträglicher zu machen, führte zum Tiefschlaf der Bewacher. Nicht selten folgte ein böses Erwachen – ohne Baum.

X wie XXL-Baum: Der längste Maibaum der Welt steht im 800-Seelen-Ort Eichenloh im Landkreis Erding. Exakt 57,08 Meter misst der XXL-Baum von 2010. Die Eicherloher stehen mit ihrem 18 Tonnen schweren Prachtexemplar im Guinnessbuch der Rekorde. Der Baum, eine Douglasie, wuchs im 350 Kilometer entfernten Spessart und dürfte rund 130 Jahre alt sein. Mit einem Schwertransporter kam der Baum über die Autobahn nach Eichenloh, wo er mit Hilfe eines Krans aufgestellt wurde. Manchmal kommt’s eben doch auf die Größe an.

Y wie YouTube: Der Maibaum ist ein YouTube-Knüller: Rund 13 500 Videos sind unter dem Suchbegriff bei dem Videoportal im Internet zu finden. Alles gibt es da: Diebstähle, vereitelte Diebstähle, Maitänze, dazu Marianne und Michael, die „Rund um den Maibaum“ trällern. Ein irrer Mix.

Z wie Zugspitze: Dieser Maibaum-Diebstahl war spektakulär: 2004 klaute eine Rentnerbande den 20 Meter langen und 800 Kilogramm schweren Baum, der auf der Zugspitze stand. Ihr Hilfsmittel: ein Hubschrauber. Als Auslöse forderten sie vier Saisonkarten für die Zugspitzbahn, vier Brotzeiten und vier Halbe Bier. Am Ende begnügten sie sich mit 150 Brotzeiten und 100 Halben Bier. Auch nicht schlecht.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare