Die große Kunst am Faden

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Hölzerne Darsteller wären für jedes andere Theater ein Desaster. Das von Walter Oehmichen haben seine Marionetten stattdessen berühmt gemacht. Ein Geburtstagsbesuch in der Augsburger Puppenkiste.

Die Augsburger Puppenkiste wird 70

Von Kathrin Brack

Augsburg – Der Räuber Hotzenplotz hat’s mit den Knien. Ein ewiges Leiden, sie haben schon alles probiert: Gelenke verstellt, das weiche Lindenholz nachgeschliffen. „Es staucht ihn einfach“, sagt Hans Kautzmann und schüttelt den Kopf. Eine furchtbare Puppe sei dieser Halunke mit dem schwarzen Hut, nicht schön zu spielen. Und trotzdem, sagt Kautzmann, ist Ottfried Preußlers Kaffeemühlendieb eine seiner Lieblingsfiguren. Kautzmann, 50, Augsburger und Vater zweier Kinder, sitzt hinter der Bühne des berühmtesten Marionettentheaters Deutschlands. Er hält berufsbedingt die Fäden in der Hand: als Puppenspieler bei der Augsburger Puppenkiste, die heute ihren 70. Geburtstag feiert.

Es ist der 26. Februar 1948, und Walter Oehmichen hat schon eine Theaterkarriere hinter sich. Bis zur Zerstörung des Augsburger Stadttheaters war der zweifache Vater dort Oberspielleiter. Nun versucht er in den Räumen des alten Heilig-Geist-Spitals etwas Neues: Oehmichen eröffnet ein Marionettentheater. Eine Bühne, deren Darsteller durch geschickte Hände und die Fantasie der Zuschauer zum Leben erwachen. Einen Familienbetrieb, in den seine Frau Rose, seine Tochter Hannelore und ihre Nachkommen ihr Herzblut stecken. Die Ausburger, die sich an diesem Februartag gespannt auf Bierbänken und Gartenstühlen drängen, haben für je zehn Plätze eine Zigarette bezahlt. Dann kommt „Der gestiefelte Kater“ auf die Bühne. Der Rest ist Geschichte.

Eine Geschichte, die nicht immer so märchenhaft ist wie die Stücke, die die Familie und ihre Mitarbeiter in den folgenden Jahrzehnten detailverliebt auf die Bühne bringen. Denn obwohl Oehmichens Marionettentheater das bekannteste seines Genres ist, kann auch dieser Familienbetrieb nicht allein von seinem guten Namen leben. Wie jedes Theater ist auch die Puppenkiste auf Unterstützung angewiesen.

Bekannt wurde das Marionettentheater über Schwaben hinaus mit TV-Produktionen wie Michael Endes „Jim Knopf“ oder „Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse. Reich geworden sind die Augsburger mit ihren Fernsehauftritten aber nicht. Nur vier Wochen nach der ersten Ausgabe der „Tagesschau“, im Januar 1953, gingen die Marionetten auf Sendung. Bis 1994 entstanden in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk über 100 aufwendig gedrehte Filme und 800 Folgen für das „Sandmännchen“, die Produktionen wurden in 50 Länder verkauft. Die Puppenkiste schuf Ikonen, mit denen Generationen von Kindern groß wurden. Aber als die Kiste 2011 aus dem Fernsehen verschwand, hieß es, Marionettentheater sei zu langsam.

Die Familie tat das Richtige und besann sich auf das, was bis heute den Zauber des Hauses ausmacht: Statt mit den schnellen, schrillen Animes und Animationsfilmen mithalten zu wollen, modernisieren sie behutsam. Und halten an ihren Stars fest: dem Räuber Hotzenplotz, Kater Mikesch oder dem Sams.

Über 6000 Puppen hängen im Fundus, stehen im 2001 eröffneten Museum „Die Kiste“ in bunten Kulissen oder warten hinter der Bühne auf ihren Einsatz. „Sie sind alle Unikate“, sagt Michael Neumeir, der im Museum arbeitet. Die meisten Marionetten wurden von Gründertochter Hannelore Oehmichen-Marschall geschnitzt, die neueren Puppen stammen aus den Händen ihres Sohnes Jürgen Marschall. „Nur eine Puppe gibt es zweimal: den Kasperl.“

Michael Neumeir ist seit fünf Jahren bei der Puppenkiste und, auch wenn er sich nicht so bezeichnet, Puppen-Fachmann. Darum weiß er auch, was die berühmteste Marionette unter ihrer gelb-roten Karohose trägt: „Der Kasperl wird alle vier Jahre neu eingekleidet“, erklärt der 30-Jährige. Und obwohl die keiner sehen kann, bekommt er auch jedes Mal neue Unterwäsche. „Aktuell ist es eine weiße Hose mit roten Herzchen.“

Walter Oehmichen brachte den „Kaschperl“ 1945 aus der französischen Kriegsgefangenschaft mit, er hatte ihn im Lazarett geschnitzt. Von Beginn an gehörte die Puppe zur Kiste und ist mit den Jahren ein Augsburger Wahrzeichen geworden: Kasperl präsentierte 2013 die Stadtwette beim Gastspiel von „Wetten, dass...?“, tippt vor den Spielen von Bundesligist FC Augsburg das Ergebnis und ist seit vergangenen Juli Ampelmännchen auf seiner eigenen Kasperl-Ampel in der Nähe des Theaters. „Da gab’s am Anfang häufig Stau, weil die Leute ständig die Ampel gedrückt haben“, sagt Neumeir.

Die Liebe der Zuschauer zur Puppenkiste glüht auch nach 70 Jahren heiß: Die Tickets sind begehrt, das Theater hat eine Auslastung von 99 Prozent, selten bleibt einer der 220 roten Polstersitze leer. Fast fünf Millionen Zuschauer haben das Theater seit 1948 besucht. Die Augsburger Puppenkiste will ganz bewusst ein verlangsamtes Gegenstück zu dem bleiben, was Kinder und Erwachsene sonst geboten bekommen. Es ist kein Zufall, dass die meistgespielten Stücke „Frau Holle“ (1122 Aufführungen), „Der Räuber Hotzenplotz“ (1076) und „Die kleine Hexe“ (903) sind: Die Besucher lieben den nostalgischen Charme der Puppen aus Lindenholz und Pappmaché.

„Unser Bestreben war und ist es, gute Geschichten in ruhigen Bildern zu erzählen“, sagt der aktuelle Intendant, Klaus Marschall. Er beerbte 1992 seine Mutter Hannelore Oehmichen-Marschall als Puppenkisten-Chef und ist selbst Puppenspieler. Was Marschall bedauert: „Es wird immer weniger Wert auf gute Inhalte gelegt.“ Darum bemüht sich die Puppenkiste um eine Mischung aus Märchen und Klassikern für Kinder, anspruchsvollem Schauspiel für Erwachsene und zeigt jede Spielzeit abends ein Kabarett.

Rund 420 Aufführungen pro Jahr absolviert das Ensemble, das derzeit aus 17 Puppenspielern besteht. Hans Kautzmann ist mit am längsten dabei. Seit mittlerweile 28 Jahren ist er Teil der Puppenkisten-Familie. „Kunstvolles Masskrugstemmen“ nennt er es, wenn er und seine Kollegen auf den beiden 2,50 Meter hohen Spielbrücken hinter dem Kistendeckel und über den drei Rollbühnen stehen und die Puppen durch die Kulissen dirigieren. Der Job ist anstrengend, die Puppen wiegen im Schnitt ein Kilo, manchmal müssen die Spieler minutenlang mit ausgestreckten Armen verharren. Puppenspieler haben in Augsburg mehr zu tun als das reine Spiel: Sie bauen die Kulissen, malern, kleiden die Puppen ein, dekorieren das Museum und kümmern sich um Ordnung hinter der Bühne. „Bei uns kann jeder seine Talente einbringen“, sagt Kautzmann.

Eigentlich sollte er Bauingenieur werden, doch sein Weg führte ihn vom Praktikum binnen zwei Wochen zur Festanstellung bei der Puppenkiste. „Man ist vom ersten Tag an Puppenspieler, auch wenn man es erst lernen muss“, sagt er. Eine klassische Ausbildung gibt es für diesen Beruf nicht. Ungefähr drei Jahre dauere es, bis man eine mittlere Rolle spielen kann. Sechs Jahre seien es bis zur Hauptrolle. Es geht um mehr als Fingerfertigkeit: Jede Inszenierung ist eine Choreografie, die im Idealfall perfekt funktioniert. Trotz monatelanger Proben passieren aber auch in der Puppenkiste Pannen. Meist merken es die Zuschauer nicht. „Verheddert sich ein Faden in der Kulisse, heißt es erst mal: ruhig bleiben.“ Notfalls schneiden sie den Faden halt ab.

Verzwickt wird es, wenn eine Figur den Kopf verliert. „Ich habe den Aladin gespielt, eine Puppe mit Wechselkörper“, erzählt Kautzmann. „Kopf und Körper sind mit einem Stift verbunden, der mit einem Pflaster gesichert ist. Weil wir Schwaben sind und sparen, haben wir das Pflaster benutzt, bis es nicht mehr ging.“ Das Ergebnis: Kopf und Körper lösten sich voneinander, Aladin schwebte kopflos über die Bühne. Das Stück wurde unterbrochen.

Mit seinem kniegeschädigten Hotzenplotz ist Kautzmann bislang übrigens unfallfrei durch die Kiste gekommen. „Wirklich, eine ganz furchtbare Puppe“, sagt er. Dann grinst er. „Aber eine wunderschöne Rolle.“ Und ein Stück, das über dieses und hoffentlich viele weitere Jubiläen hinaus seinen Platz im Spielplan und in den Herzen der Fans der Augsburger Puppenkiste haben wird.

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