Goodbye! Die Schotten wollen raus

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Schottland und England, das sind verschiedene Welten, das Referendum hat das mal wieder deutlich gezeigt. Jetzt wollen die Schotten die Gelegenheit beim Schopfe packen – und mit aller Macht in der EU bleiben. Dazu müssen sie allerdings das Königreich verlassen. Kann der „Scoxit“ klappen?

Unabhängigkeit von England

Schottland und England, das sind verschiedene Welten, das Referendum hat das mal wieder deutlich gezeigt. Jetzt wollen die Schotten die Gelegenheit beim Schopfe packen – und mit aller Macht in der EU bleiben. Dazu müssen sie allerdings das Königreich verlassen. Kann der „Scoxit“ klappen?

Von T. Dapp und S. Sessler

Edinburgh – Keine zwei Jahre ist es her, dass Großbritannien erleichtert aufatmete: „Die Schotten bleiben bei uns.“ Das Kunstwort Brexit kannte damals noch keiner. Das EU-Referendum war zwar angekündigt, aber weit, weit weg. Jetzt haben die Briten der EU den Laufpass gegeben und damit ganz Europa, aber vor allem sich selbst in gewaltige Schwierigkeiten gebracht. Weit oben auf der Liste der Probleme: Die Schotten sind sauer – und bereiten erneut die Trennung vom Vereinigten Königreich vor. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon nannte ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit ihres Landesteils „höchst wahrscheinlich“. Das Vereinigte Königreich, für das Schottland 2014 gestimmt habe, „existiert nicht mehr“, sagte Sturgeon gestern im Rundfunksender BBC.

Und diesmal könnte es tatsächlich klappen, denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 62 Prozent der Wähler im nördlichen Landesteil Großbritanniens haben beim EU-Referendum pro Europa gestimmt, in jedem einzelnen der 32 schottischen Wahlkreise waren die Europa-Freunde in der Mehrheit. Bleiben sie im Vereinigten Königreich, müssen sie die Union aller Voraussicht nach trotzdem verlassen, denn 52 Prozent der Briten stimmten pro Brexit.

„Demokratisch inakzeptabel“, nennt Nicola Sturgeon das, und steht dabei zwischen zwei Fahnen – der europäischen und der schottischen. Mit ihrer Kurzhaarfrisur und den einfarbigen Blazern erinnert die schottische Regierungschefin nicht nur die Deutschen an Angela Merkel, im Auftreten ist sie allerdings meist resoluter als die Kanzlerin. Ihr Kabinett sei sich einig, sagt sie bereits kurz nach dem Referendum: Schottland werde selbst mit der EU sprechen, um die schlimmsten Folgen des Brexit-Votums aufzufangen. Und schon mal die rechtlichen Vorbereitungen treffen für ein zweites Unabhängigkeits-Referendum.

Sturgeon hat in dem gestrigen BBC-Interview noch ein weiteres Szenario ins Spiel gebracht, um den EU-Austritt ihres Heimatlandes zu blockieren. Sie erklärte, sie könne sich schwer vorstellen, dass die britische Regierung einen Brexit beantragen könne, ohne zuvor die Zustimmung der Parlamente einzuholen. Damit meinte sie natürlich auch die des schottischen Parlaments. Und wie das abstimmen solle, hat die Regierungschefin auch gleich verraten: Sie werde, sagte sie, die Abgeordneten „natürlich“ darum bitten, gegen einen EU-Ausstieg zu stimmen. Viele Schotten halten den Brexit für eine Katastrophe, man könnte aber auch sagen, dass er ihnen in die Karten spielt.

Hinter vorgehaltener Hand hatten schottische Abgeordnete in London verraten, die Nationalpartei SNP wünsche sich ein klares Ja zur EU im Norden und ein klares Nein im Süden. So ist es gekommen. In einer zweiten Volksabstimmung hätte die SNP damit allerbeste Karten. Schon 2014 lag das Unabhängigkeits-Lager in Umfragen zwischenzeitlich vorn. Was das Vereinigte Königreich schließlich vereinigt bleiben ließ: Viele Schotten stimmten gegen die Abspaltung, weil ihnen der Nationalismus und die Kleinstaaterei suspekt waren, die sie hinter der SNP-Kampagne witterten.

Doch genau dieser egozentrische Blick nach innen, der den Schotten nicht passte, bestimmte in den vergangenen Monaten das Brexit-Lager. Eine der größten Zeitungen im Norden, der sozialdemokratische „Daily Record“, schreibt, Sturgeon habe „kaum eine andere Wahl“, als ein erneutes Referendum auszurufen.

Auch abgesehen vom Thema Brexit hat England die Schotten enttäuscht, nachdem sie sich fürs Bleiben im Vereinigten Königreich entschieden hatten. Das große Versprechen nur Tage vor dem Referendum, den Schotten mehr Selbstbestimmung zu geben, verband Premier David Cameron wenig später mit der Forderung nach einem englischen Parlament – und löste damit erst einmal zähe Debatten aus.

Im Norden fühlten sich viele veräppelt: Erst mit allen denkbaren Schmeicheleien umworben, dann fallen gelassen, als die Aussicht auf Scheidung vom Tisch war. Der Geist der Unabhängigkeit war deswegen nie ganz zurückgekrochen in die Flasche, das Thema waberte weiter durch politische Debatten und Leitartikel.

Natürlich gibt es viele Hürden: Die SNP hat seit Mai keine absolute Mehrheit mehr in Edinburgh und müsste Parlamentarier anderer Parteien überzeugen. Ein zweites Schottland-Referendum müsste vom schottischen Parlament beschlossen werden. Damit es rechtlich bindend ist, müsste zudem das britische Parlament in London zustimmen. Theoretisch könnten die Schotten auch auf eigene Faust abstimmen und darauf setzen, dass London das Ergebnis akzeptieren müsste.

2014 konnte die SNP noch mit Schottlands Ölvorkommen argumentieren, die das Land finanzieren könnten. In Zeiten niedriger Ölpreise fiele das kaum ins Gewicht. Einen groben Zeitplan entwirft Sturgeon trotzdem schon mal. Wenn Großbritannien etwa in drei Monaten den Ausstiegs-Mechanismus in Gang setze, dann blieben bis zum Austritt aus der EU noch etwa zwei Jahre. Sollte es ein Referendum geben, dann innerhalb dieses Zeitraums.

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