Giffey hält Burkinis für vertretbar

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Fast ganz verhüllt: Eine muslimische Schülerin sitzt in einem Burkini am Rande eines Schwimmbeckens. Foto: dpa

Schwimmunterricht mit Burkini? Für die CDU ist dies ein Einknicken vor dem Fundamentalismus, auch der Zentralrat der Muslime ist skeptisch. Die Familienministerin sieht das etwas anders.

Debatte über Ganzkörper-Badeanzug 

von Stefan Heinemeyer

Berlin – Mit den Problemen des multikulturellen Zusammenlebens kennt sich Franziska Giffey (SPD) aus. Mehrere Jahre lang war die heutige Familienministerin Bürgermeisterin im Berliner Bezirk Neukölln, davor Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport. Dass sich manche muslimische Mädchen dem Schwimmunterricht mit Jungen aus religiösen Gründen verweigern, dürfte ihr bestens bekannt sein. Vielleicht rührt daher ihre eher pragmatische Sicht auf den sogenannten Burkini, über den gerade heiß diskutiert wird.

Zentral sei das Wohl der Kinder, sagte Giffey am Sonntag bei einer Veranstaltung der „Zeit“. „Und das heißt nun mal, dass alle schwimmen lernen.“ Deshalb sei es vertretbar, wenn Schulen die Teilnahme am Schwimmunterricht förderten, indem sie Burkinis – also Badeanzüge, die außer dem Gesicht, Füßen und Händen alles bedecken – erlauben und ausgeben. Wichtig sei nur, dass der Bildungsauftrag im Vordergrund stehe und die Sache „nicht hochstilisiert wird zum Untergang des Abendlandes“.

Auslöser der Debatte war ein vor zwei Wochen bekannt gewordener Fall eines Gymnasiums in Herne in Nordrhein-Westfalen, das 20 Leih-Burkinis angeschafft hatte. CDU-Bundesvize Julia Klöckner kritisierte das als „Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern“. Auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) und Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) rügten die Entscheidung der Schule. Auch der Präsident des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, hat Bedenken. „Integration funktioniert sicher am besten, wenn es keine Extrawürste gibt.“ Im Zweifel sei es aber sicher „wichtiger, dass auch muslimische Mädchen und Frauen schwimmen lernen“.

In den sozialen Netzwerken erntete Giffey für ihre Äußerung viel Ablehnung. Auch der Zentralrat der Muslime ist skeptisch. „Solche Burkini-Pseudodebatten, die nebenbei die Rechten weiter stärken, lenken wieder von den eigentlichen Problemen ab“, sagte der Vorsitzende Aiman Mazyek der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Islam-Experte Ahmad Mansour schrieb bei Facebook: „Natürlich müssen alle Kinder lernen zu schwimmen, aber ohne Symbole der Unterdrückung.“

Die Ministerin stellte am Montag klar, dass sie keineswegs das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht befürworte. „Wir müssen aber sehr konsequent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben“, schrieb sie auf Facebook. „Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.“ Wenn Schulleiter vor Ort dann eine pragmatische Lösung fänden, sollte sich kein Bundespolitiker darüber erheben.

In Deutschland und Europa mussten sich Gerichte schon mehrfach mit der Frage befassen, ob muslimische Mädchen sich aus religiösen Gründen vom Schwimmunterricht befreien lassen können. Ende 2013 hatte das Bundesverwaltungsgericht den staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag über die Glaubensfreiheit gestellt und auf den Burkini als Kompromiss verwiesen. Damit scheiterte die Klage einer Schülerin aus Hessen, die in der Schule die Note Sechs kassiert hatte, weil sie den Schwimmunterricht – auch im Burkini – verweigerte. Gegen das Urteil zog das Mädchen marokkanischer Abstammung noch vor das Bundesverfassungsgericht, dieses nahm die Beschwerde wegen inhaltlicher Mängel aber nicht an.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand im Januar 2017, Schulen dürften muslimische Mädchen zum gemeinsamen Schwimmunterricht verpflichten. Die Richter argumentierten, die Schule spiele bei der sozialen Integration eine besondere Rolle, vor allem für Kinder ausländischer Eltern. Geklagt hatte ein türkischstämmiges Ehepaar aus der Schweiz.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare