„Es gibt zu viele Krankenhäuser“

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Politischer Kopf: 2003 war Helmut Platzer Mitglied der Rürup-Kommission. foto: Schmidhuber

Interview mit AOK-Bayern-Chef Helmut Platzer . München – Helmut Platzer ist eine Instanz im deutschen Gesundheitswesen.

Nach fast 20 Jahren an der Spitze der AOK Bayern – mit heute 4,5 Millionen Versicherten, 10 000 Mitarbeitern und einem Haushalt von aktuell rund 18 Milliarden Euro – geht Platzer zum 1. März in den Ruhestand. Vorher haben wir noch einmal mit ihm gesprochen.

-Herr Platzer, CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe wird demnächst wohl ein anderes Amt übernehmen. Welche Note geben Sie ihm?

Es steht mir als Vertreter einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft nicht zu, den zuständigen Minister zu bewerten. Ich habe aber gelesen, dass ihn das „Handelsblatt“ als den teuersten Gesundheitsminister bezeichnet hat, den die Bundesrepublik je hatte. Und sicher hatte Hermann Gröhe das große Glück, dass er in einer Zeit Minister war, in der es etwas zu verteilen gab.

-Noch besser kennen Sie den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Schon 2003 haben Sie beide in der Rürup-Kommission über sein Lieblingsthema Bürgerversicherung diskutiert. Lauterbach ist noch heute fest davon überzeugt, dass sie kommen wird. Sie auch?

Herr Lauterbach hat 2003 ja selbst noch etwas anderes unter dem Begriff Bürgerversicherung verstanden, als er es heute tut. Damals war das Ziel noch, Gerechtigkeit herzustellen. Es ging darum, dass sich nicht gerade die Leistungsfähigsten – die Besserverdiener und Beamten – einfach aus dem Solidarsystem verabschieden können sollen. Etwas später ging es dann auch noch um die Frage, ob es richtig ist, dass nur die Erwerbstätigen in die Krankenversicherung einbezahlen müssen, und diejenigen nicht, die ihr Geld damit verdienen, wenn ein Aktienkurs in Singapur steigt. Diese Fragen haben sich meiner Meinung nach auch noch nicht erledigt. In der aktuellen Diskussion scheint es aber vor allem darum zu gehen, welches Honorar Ärzte erhalten.

-Also sind Sie im Grunde für eine Bürgerversicherung?

Ich glaube jedenfalls, dass es gut wäre, wenn wir die Solidarität als stabilisierenden Faktor in unserem Gesundheitssystem ausbauen. Das hieße, für Beamte und Privatversicherte zumindest den freiwilligen Weg in die gesetzliche Versicherung zu öffnen. Und zwar nicht nur für diejenigen, die die Privatversicherungen gerne loswerden wollen. Das Thema Zwei-Klassen-Medizin würde sich damit auch gleich von selbst lösen.

-Danke für das Stichwort. Gibt es denn nun eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland?

So, wie sie dargestellt wird, gibt es sie definitiv nicht. Entscheidend ist doch: Medizin findet im Arztzimmer statt, nicht im Wartezimmer. Und im Arztzimmer wird einem gesetzlich Versicherten sicher nichts vorenthalten. Ich nehme Karl Lauterbach auch wirklich übel, dass er so aggressiv mit dem Begriff Zwei-Klassen-Medizin agiert. Das ist nicht die Realität. Unverantwortlich und ohne jede Notwendigkeit wird damit ein System kleingeredet, das gewährleistet, dass bei uns wirklich jeder Leistungen auf dem neuesten Stand der Medizin erhält.

-Das deutsche Gesundheitswesen wird also schlechtgeredet?

Ja. Und dahinter steckt politisches Kalkül. Es ist der Versuch, die Basis zu erschüttern, um danach sagen zu können, man müsse nun dringend etwas Neues aufbauen.

-Nun will eine mögliche GroKo, dass eine Kommission Verbesserungs-Vorschläge erarbeitet.

Diese Idee finde ich auch gar nicht schlecht. Denn natürlich gibt es Möglichkeiten, einzelne Dinge besser zu machen. Und unterm Strich ist die Chance, dass etwas Vernünftiges herauskommt, so größer als in einer langen Nacht am Ende von Koalitionsverhandlungen.

-Obwohl die ganz große Reform bislang ausblieb, hat sich seit 2003 einiges verändert. Damals herrschte in Ihrer Branche beinahe Untergangsstimmung. Heute müssen einzelne Kassen zwar kämpfen, die gesetzliche Krankenversicherung insgesamt erzielt aber wieder Überschüsse.

Das zeigt: Unser Umlagesystem ist unglaublich stabil. Es erlaubt, sowohl wirtschaftlich gute Konjunkturphasen gut auszunutzen, als auch negative Phasen gut abzufedern. Es hat so schon Krieg, Inflation und zuletzt auch die Finanzkrise überlebt.

-Überdeckt die gute Wirtschaftslage nicht Probleme?

Trotz der guten Lage wachsen die Ausgaben stärker als die Einnahmen. Das muss kompensiert werden, zum Beispiel durch kontinuierlich steigende Beiträge in den letzten Jahren.

-Warum sind die Ausgaben so hoch?

Es gilt nach wie vor, was der Sachverständigenrat vor rund 15 Jahren aufgeschrieben hat: Über-, Unter- und Fehlversorgung finden nebeneinander statt. Speziell bei den Krankenhäusern gibt es noch immer eine Überversorgung, sprich zu viele Häuser und Betten. Die Ausgaben in der stationären Versorgung liegen deshalb extrem über dem eigentlichen Bedarf. Und nebenbei bemerkt: Gäbe es nur so viele Krankenhausbetten, wie für die Versorgung der Bevölkerung nötig, dann hätten wir auch keinen Mangel an Pflegekräften.

-Dann gibt es also gar keinen Nachwuchsmangel in der Pflege?

Natürlich muss man sich um Nachwuchs kümmern – sowohl in der Alten- als auch in der Krankenpflege. Aber zunächst würden weniger Betten für eine Entspannung sorgen.

-Nachholbedarf gibt es auch bei der Digitalisierung. Die elektronische Patientenakte soll in der kommenden Legislatur endlich kommen. Die AOK scheint nicht mehr daran zu glauben. Ihre Kasse arbeitet inzwischen an einem eigenen Konzept.

Dass wir versuchen, eine eigene digitale Plattform für die Vernetzung von Patientendaten aufzubauen, ist ein Akt der Notwehr. Seit 14 Jahren wird an der elektronischen Gesundheitskarte herumgedoktert. Im Grunde ist dieses Projekt krachend gescheitert. Dabei sollten wir eigentlich schon über die übernächste Plattform nachdenken, denn die technologische Entwicklung hat die elektronische Gesundheitskarte längst überholt. Wenn wir das jetzt nicht endlich hinkriegen, werden private Anbieter wie Google oder Apple den Markt überrollen. Dann haben wir keinen Einfluss mehr darauf, wie beispielsweise Daten geschützt werden. Und davor habe ich eine heilige Scheu.

-Was ist Ihr Ansatz?

Jeder, der – beispielsweise als Arzt – dazu berechtigt ist, soll Daten auf die von uns angebotene Plattform laden können, wenn der Patient es will. Man muss sich das vorstellen wie einen Container. Der Schlüssel dazu muss aber immer beim Patienten liegen. Wir wollen nur den Container bauen, wir wollen nicht den Inhalt.

-Nicht nur diese Aufgabe übergeben Sie zum 1. März an Ihre Nachfolgerin Irmgard Stippler. Mit welchem Gefühl?

Ich habe die AOK vor fast 20 Jahren mit vielen offenen Baustellen übernommen, heute gibt es andere offene Baustellen. Das wird sich auch nie ändern. Die AOK gibt es seit 135 Jahren, und es wird sie hoffentlich noch weitere 135 Jahre geben. Als Verantwortlicher gestaltet man immer nur einen kleinen Teil dieses Weges.

Interview: Sebastian Horsch und Mike Schier

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