Geteilte Lügen

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Ereignisse wie die Terroranschläge in Paris bringen die Sozialen Netzwerke im Internet zum Glühen. Es wird geteilt und getwittert, es geht um die spektakuläre Neuigkeit und um Geschwindigkeit. Auf der Strecke bleibt oft: die Wahrheit.

Ereignisse wie die Terroranschläge in Paris bringen die Sozialen Netzwerke im Internet zum Glühen. Es wird geteilt und getwittert, es geht um die spektakuläre Neuigkeit und um Geschwindigkeit. Auf der Strecke bleibt oft: die Wahrheit.

von Sebastian Horsch

München – Es ist ein wunderbares Signal an die Welt. Nach den Anschlägen in Paris erstrahlt die Allianz Arena in Blau, Weiß und Rot, den Farben der französischen Tricolore. München gedenkt der Opfer, München hält in diesen finsteren Stunden fest zu seinen Freunden im Nachbarland. Dieses starke Bild, das so vielen aus dem Herzen spricht, erreicht über die Sozialen Netzwerke im Internet die ganze Welt. Dumm nur, dass es eine Lüge ist.

Das Bild ist eine Fälschung, mehr nicht. Genau wie das Foto, das angeblich einen spontanen Solidaritätsmarsch in Deutschland für die Opfer von Paris zeigt – aber in Wahrheit die Aufnahme einer Pegida-Demonstration ist, die schon vor vielen Monaten stattfand. Und genau wie das Bild, das von der Bühne aus das Publikum in der Konzerthalle Bataclan kurz vor den ersten Schüssen zeigen soll. Tatsächlich jedoch wurde es in Dublin aufgenommen, nicht in Paris – und schon gar nicht kurz vor den Anschlägen. Einmal in der Welt, werden diese Lügen in den Sozialen Netzwerken rasend schnell weiterverbreitet – sie wieder einzufangen ist quasi unmöglich. Auch der Urheber – ob er die Fälschung nun absichtlich oder unabsichtlich veröffentlicht hat – hat keine Kontrolle mehr darüber.

Doch bei der Verbreitung von Nachrichten werden die Sozialen Netzwerke immer wichtiger. Der Digital News Report 2015 des Reuters Institute an der Universität Oxford besagt, dass 20 Prozent der Deutschen online zuerst in den Sozialen Medienkanälen nach Nachrichten suchen. Sogar fast jeder vierte nutzt auf der Suche nach Nachrichten regelmäßig Facebook. 13 Prozent nutzen dafür die Video-Plattform Youtube, Twitter durchforsten vier Prozent nach Nachrichten. In fünf Ländern – USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Irland – führten die Verfasser der Studie zudem Befragungen durch, auf welche Nachrichten Nutzer dabei klicken. Das übereinstimmende Ergebnis: Die Schlagzeile ist wichtiger als das Vertrauen in die Quelle.

Dass den Menschen dabei unter anderem auch Dinge wie gefälschte Terrorwarnungen der Kanzlerin aufgetischt werden, ist ein „Grundtatbestand des Internets“, sagt Christoph Neuberger, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU. Denn der entscheidende Unterschied der Sozialen Netzwerke zu den klassischen Medien liege darin, dass Inhalte vor der Veröffentlichung in den meisten Fällen nicht kontrolliert werden. Genau darin liegt ja eigentlich auch ein großer Teil ihrer Attraktivität: Freiheit, keine Hierarchien, jeder kann sein eigener Verleger sein. Regeln soll das Durcheinander im Nachhinein die vielzitierte Schwarmintelligenz. Der Gedanke: Einige Einzelne werden es schon durchschauen, und die Masse in die richtige Richtung lenken. Neuberger ist allerdings skeptisch, was das angeht.

Besonders, wenn gerade etwas Dramatisches passiert ist und die Nachrichtenlage in den ersten Stunden unklar ist, steigt in den Sozialen Medien das Fieber. Die Anschläge von Paris und die Spielabsage in Hannover bieten die jüngsten Beispiele für die Durchschlagskraft, die sie dabei der Lüge verleihen. In der Nacht der Anschläge von Paris kursierten Bilder auf Twitter, die einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Calais zeigen sollen, der als Reaktion auf die islamistischen Angriffe verübt worden sei. Das bestätigte sich nicht. Es gab Tweets, die angeblich das Massaker vorausgesagt haben – nachträglich bearbeitete Fälschungen. Ein Bild der angeblich menschenleeren Straßen von Paris war am folgenden Tag im Umlauf. Die Aufnahme stammt in Wahrheit aus dem Jahr 2008 und war Teil eines Kunstprojekts. Vier Polizisten seien getötet worden, der Taxidienst Uber habe in der Anschlags-Nacht in Paris den fünffachen Preis von seinen Fahrgästen verlangt, die Attentätter hätten die Attacken mit Hilfe der Videospielkonsole Playstation 4 geplant – alles verbreitet auf Twitter und Facebook. Alles Falschmeldungen. Absurderweise fand man in den Untiefen des Netzes sogar die Falschmeldung, die Anschläge von Paris selbst seien eine Falschmeldung.

Der Hamburger Martin Fuchs beschäftigt sich als Politikberater und Blogger mit diesem Phänomen. Falschmeldungen in Sozialen Medien müsse man grundsätzlich in zwei Kategorien aufteilen, sagt Fuchs. „In bewusst gesendete, die von wem auch immer eingesetzt werden, um zum Beispiel Verunsicherung in der Bevölkerung zu schüren.“ Und zweitens in „unbewusst im Netz verbreitete Falschmeldungen – etwa aufgrund der fehlenden Medienkompetenz mancher Nutzer“. Nach den Pariser Attentaten habe es sich in der Mehrheit um unbewusste Falschmeldungen gehandelt, war sein Eindruck. Den Grund für deren Erfolg sieht Fuchs in ihrer Geschwindigkeit. „Das war eine Situation, in der die Leute gelechzt haben nach Information.“ Da seriöse Medien in der Regel aber „zum Glück“ nach einem Zwei-Quellen-Prinzip arbeiten, „und nicht alles raushauen, was es gibt“, hätten viele Menschen bei den klassischen Anbietern nicht auf Anhieb gefunden, wonach sie gesucht haben. „Die sind fündig geworden bei irgendwelchen Tweets, die sie dann weiterverbreitet haben, die aber natürlich nicht verifiziert waren.“

Doch es bedarf nicht zwangsläufig einer Katastrophe wie der in Paris, um in den Sozialen Medien mit unwahren Nachrichten konfrontiert zu werden. Und oft steckt System dahinter. Fuchs hat den Eindruck: In den vergangenen Jahren haben insgesamt besonders die bewussten Falschmeldungen zugenommen. „Wenn ich nach Deutschland schaue, gibt es vor allem rechte Gruppen, die das bewusst einsetzen – etwa durch gefälschte Nachrichtenmeldungen.“ (siehe Kasten) Auch der „Islamische Staat“ lanciere gezielt professionell gefälschte Videos von Grausamkeiten, die seine Gegner einschüchtern sollen. Besonders da ist die Verantwortung der klassischen Medien gefragt, diese Inhalte sorgsam zu prüfen, bevor sie berichten, sagt Fuchs.

Doch gerade die etablierten Medien sieht Fuchs dabei in einem Dilemma. „Auch sie müssen das bedienen, werden getrieben, müssen immer schneller sein.“ Wenn dann „Schnelligkeit vor Genauigkeit“ gehe, „fallen auch sie mal auf solche Dinge rein“. Ein ähnlicher Druck laste auch auf den politisch Verantwortlichen. Dass sich Innenminister Thomas de Maizière kurz nach der Absage eines Länderspiels wegen konkreter Terrorgefahr in eine Pressekonferenz setze, obwohl er seine Informationen selbst erstmal sortieren müsste, „hängt sicher auch damit zusammen, dass so viele Gerüchte im Umlauf sind, die in so einer Sicherheitslage Gefahr bedeuten können“. Also sei die Politik gezwungen, sie schnell einzufangen. Fuchs glaubt: Noch vor zwei, drei Jahren hätte man sich mehr Zeit gelassen, statt den Innenminister „in einen halben Hexenkessel“ zu setzen.

Zurückdrehen lässt sich das Rad nicht. „Das Problem werden wir nicht aus der Welt kriegen“, sagt Fuchs. Wichtig sei, dass richtig bewertet werde, welchen Schaden Falschmeldungen in Sozialen Netzwerken anrichten. Die Bundesregierung verhandelt darüber seit einiger Zeit mit Facebook, wie etwa gegen Hass-Kommentare vorgegangen werden kann. Seine Hoffnung: „In drei, vier Jahren müssen wir darüber nicht mehr so diskutieren wie heute.“

Entscheidender sei aber, dass die Medienkompetenz in der Bevölkerung zunimmt. Denn Fuchs glaubt: „Es wird in Zukunft mehr gezielte und professionelle Falschinformationen im Internet geben.“ Und der Großteil der Deutschen wisse damit bisher noch nicht richtig umzugehen. Doch auch das, glaubt Fuchs, wird sich ändern.

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