„Es geht nicht um Mitleid, sondern um Rechtsstaatlichkeit“

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Mirco Güntherlebt in Kabul, das heute eine „graue Betonlandschaft“ ist.

München – Abschiebungen nach Afghanistan sind wegen der schlechten Sicherheitslage umstritten.

Mirco Günther hat viele Betroffene nach der Landung in Kabul getroffen. Er leitet das dortige Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Wir haben ihn schriftlich interviewt.

-Herr Günther, was für Menschen steigen in Kabul aus den Flugzeugen?

Es sind Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen. Solche, die viele Jahre in Deutschland gelebt hatten, und andere, die erst kurz da waren. Besonders schwer ist es für Flüchtlinge, die zuvor in Pakistan oder Iran ihren Lebensmittelpunkt hatten. Sie kennen das Leben in Kabul oder andernorts meist nicht. Ihnen fehlen soziale Netzwerke. Abgeschobene Personen aus Europa sind zudem oft mit Stigmatisierung konfrontiert und können sich nicht unbedingt auf die Hilfe von Freunden und Familie verlassen.

-Viele Abgeschobene sind Straftäter und Identitätsverweigerer. Muss man mit ihnen Mitleid haben?

Um Mitleid geht es nicht, sondern um Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Von den seit Dezember 2016 abgeschobenen Flüchtlingen fielen längst nicht alle in diese beiden und die dritte Kategorie, die der Gefährder. Viele lebten lange in Deutschland, sprachen sehr gut Deutsch, hatten Jobs und eine Ausbildung. Im Übrigen: Als Identitätsverschleierer kann schnell gelten, wer seinen Geburtstag nicht kennt oder keinen Identitätsausweis („Tazkira“) beibringen kann.

-Was passiert mit den Leuten, nachdem Sie in Kabul gelandet sind?

Es gibt punktuelle Unterstützungsangebote. Für abgeschobene Personen temporäre Unterkunft für bis zu zwei Wochen und psychologische Beratungsangebote. Für freiwillige Rückkehrer auch finanzielle Starthilfen, sofern sie sich dafür qualifizieren.

-Immerhin...

Das ändert aber nichts daran, dass Afghanistan ein Land im Krieg ist und Gesellschaft, Politik und die enorm schwache Wirtschaft mit der Integration der vielen Rückkehrer vor allem aus den Nachbarländern massiv überfordert sind. Die Sicherheitslage ist landesweit schlecht und so im Fluss, dass eine Unterscheidung von sicheren und unsicheren Gebieten nicht möglich ist.

-Sie leben in Kabul. Was ist das heute für eine Stadt?

Es ist vor allem eine Stadt, die rasant wächst. Schätzungen gehen von bis zu fünf Millionen Einwohnern aus, die meisten zugezogen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist sehr jung. Die Straßen sind verstopft, die Luft ist schlecht, aber der Alltag ist geschäftig und bunt. An dem Kabul umgebenden Gebirgspanorama kann man sich nicht satt sehen. Das eigentliche Stadtbild ist jedoch an vielen Orten verschwunden. An seine Stelle sind hohe Sprengschutzwälle, Stacheldraht, Sicherheitskontrollpunkte, Waffen und Überwachungsballons getreten. Das Zentrum gleicht einer grauen Betonlandschaft. Kabul ist eine der gefährlichsten Städte des Landes.

-Inwiefern?

Unsicherheit hat viele Gesichter im Alltag: neben Terroranschlägen sind das kriminelle Netzwerke, korrupte Sicherheitsorgane, private Milizen, Entführungen, Erpressung, sexuelle Gewalt, aber auch weit verbreitete Armut.

-Sie sagten kürzlich, es gebe eine vergleichsweise freie Zivilgesellschaft...

Zumindest in urbanen Zentren wie Kabul, Masar-e Sharif oder Herat hat Afghanistan lebendige zivilgesellschaftliche Organisationen. Auch die Medien sind vergleichsweise frei und berichten kritisch. In unserer Arbeit als Friedrich-Ebert-Stiftung spüren wir die Energie der jungen afghanischen Zivilgesellschaft. Sie wird getragen von der vielleicht bestausgebildeten Generation in der jüngeren Geschichte des Landes. Deshalb ist es so dramatisch, wenn ausgerechnet diese Leute Afghanistan verlassen müssen.

- 2017 kehrten dennoch gut 1100 Afghanen freiwillig aus Deutschland zurück.

Bei mehr als 250 000 afghanischen Staatsangehörigen, die sich aktuell in Deutschland aufhalten, ist das nicht viel. Zuletzt ist die Zahl freiwilliger Rückkehrer stark zurückgegangen: 2016 waren es noch 3319. „Freiwillig“ heißt übrigens oft auch Mangel an Alternativen. Es gibt sicher einige, die zurückkehren, um einen Beitrag zum Wiederaufbau ihres Landes zu leisten. Für die allermeisten ist die Rückkehr aber mit Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit verbunden.

-Die Taliban gewinnen wieder an Stärke. Was heißt das für die Entwicklung der Flüchtlingszahlen?

Wir in Deutschland haben erst ab 2015 begonnen Afghanistan als ein Hauptherkunftsland von Flüchtlingen wahrzunehmen. Aber es gab in den vergangenen fast 40 Jahren Krieg und Konflikten in Afghanistan immer Flucht- und Rückkehrerbewegungen. Anderthalb Millionen Menschen sind Binnenvertriebene im Land. Millionen afghanischer Flüchtlinge leben in den Nachbarstaaten Pakistan und Iran. Auch wenn unsere politischen Debatten zuweilen anderes vermuten lassen, ist Deutschland mit den heutigen Flüchtlingszahlen im globalen Kontext bei weitem nicht am stärksten betroffen.

Interview: Marcus Mäckler

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