Die Gefahr jenseits des Meeres

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Die Ordnung nach dem Krieg: Die Einflusszonen in Libyen sind unübersichtlich, was es dem Islamischen Staat leicht macht.

In Rom läuten die Alarmglocken: Sollte Libyen unter die Kontrolle der islamistischen Milizen geraten, würde sich der Terror unmittelbar an der Südgrenze der EU etablieren. Die UNO schaut ohnmächtig zu.

Im Raum steht als Ultima Ratio eine Militäraktion.

Italien/Libyen

In Rom läuten die Alarmglocken: Sollte Libyen unter die Kontrolle der islamistischen Milizen geraten, würde sich der Terror unmittelbar an der Südgrenze der EU etablieren. Die UNO schaut ohnmächtig zu. Im Raum steht als Ultima Ratio eine Militäraktion.

von Ingo-Michael Feth

Rom – „Hannibal ante Portas!“, so schallt es durch die Ewige Stadt. Nein, wir sprechen nicht von jenem historischen Ereignissen im zweiten Jahrhundert v. Christus, als Karthagos Feldherr mit seinen Elefanten die Alpen überquerte und auf Rom zumarschierte. Für mehrere Jahre schwebte das antike Machtzentrum in höchster Gefahr, bis schließlich Feldherr Scipio die Punier besiegte. Rom war gerettet. Heute berichten wir von den Mörderbanden des Islamischen Staates, die sich in atemberaubendem Tempo in der arabischen Welt ausbreiten und dabei sind, nach Sirte und Misrata die libysche Hauptstadt Tripolis zu erobern.

Nach dem länderübergreifenden Kalifatsstaat in Irak und Syrien wäre das riesige Libyen der zweite islamistische Gottesstaat auf arabischem Boden. Und der erste in Nordafrika. Ein Anrainerstaat am Mittelmeer, nur wenige hundert Seemeilen vor der Südküste Italiens und damit an der Außengrenze der Europäischen Union. Das schwarze Banner der Islamisten quasi in Sichtweite Siziliens – „Hannibal ante Portas!“ 2015.

Das neue Bedrohungsgefühl ist mit Händen zu greifen. Die schlimmen Nachrichten aus Libyen beherrschen in Italien seit Tagen die Medien. Seit der Enthauptung von 21 koptischen Christen, die als ägyptische Gastarbeiter im Nachbarland tätig waren, geht die Angst um. Im schrecklichen Video von der Hinrichtung verweisen die Terroristen explizit auf Italien: „Nun stehen wir südlich von Rom. Und wir werden Rom erobern, wie es der Prophet verheißen hat“, heißt es. Nur die übliche Prahlerei? Die Fakten sprechen dagegen. Libyen ist ein „Failed State“, ein gescheiterter Staat ohne Ordnungsmacht, ohne Gesetz, ohne Recht. Ein zerfallenes und vom Bürgerkrieg verheertes Land, in dem die Menschen ums tägliche Überleben kämpfen. Ähnlich wie Somalia, Syrien oder der Irak.

Rückblende, Oktober 2011: Ein rundes Dutzend Geländewagen jagt in hohem Tempo über die einsamen Wüstenstraßen. Sie kommen aus dem umkämpften Sirte, der letzten Hochburg der Gaddafi-Getreuen. Die Rebellen entdecken den verdächtigen Konvoi und fordern Luftunterstützung an. Nato-Bomber donnern über die staubige Ebene und werfen ihre tödliche Last ab. Ein Großteil der Fahrzeuge endet als Wrack im Straßengraben. Die Revolutionsmilizen nähern sich und machen Jagd auf die Überlebenden, die in einer Kanalröhre unter der Teerpiste Zuflucht finden. Sie werden schnell entdeckt. Handgemenge, Schüsse. „Nicht schießen, nicht schießen“, schallt es ihnen entgegen. Als die Kämpfer das elende Häuflein aus der Kloake ziehen, trauen sie ihren Augen nicht: Sie haben ihn tatsächlich geschnappt. Vor ihnen steht, erschöpft, zerlumpt und verletzt: Muammar al Gaddafi – das Ungeheuer. Keine zwei Stunden später ist der Tyrann tot, sein Ende grausam. Die Menschen jubeln. Jener Tag sollte der Beginn eines neuen Libyen sein. Frei, pluralistisch, demokratisch. Man hatte das Gleiche schon einmal gehofft, damals, 2003, als die Amerikaner in den Irak einmarschierten. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt.

Im Jahr vier nach Gaddafis Sturz herrscht im riesigen Libyen, dessen Territorium fünfmal so groß ist wie Deutschland, das Chaos. So gibt es zwei rivalisierende Regierungen: die eine sitzt, von den vorrückenden Islamisten eingekesselt, in Tripolis; die andere in Tobruk nahe der ägyptischen Grenze. Beider Macht reicht kaum über die Stadtgrenzen hinaus. Im Rest des Landes regieren Warlords, Banditen, Stammeskrieger. Anarchie pur. Die ausländischen Botschaften sind längst geschlossen, das Personal abgezogen. Nur die Italiener hielten die Stellung, war doch Italien bis zum Zweiten Weltkrieg Kolonialmacht des rohstoffreichen Wüstenreichs. Entsprechend groß war das wirtschaftliche Engagement italienischer Konzerne, besonders im Energie- und Bausektor. Eine beachtliche italienische Gemeinde lebte im Land.

Aus, vorbei: Nur ein harter Kern hält gemeinsam mit dem katholischen Bischof von Tripolis noch durch, darunter viele philippinische Gastarbeiter. Die Verbleibenden sind eingekesselt, ihre Schilderungen dramatisch. Kämpfer des IS sind in die Hauptstadt eingesickert. Überall hinterlassen sie ihre Drohbotschaften gegen Christen. Auf die Straßen wagt sich keiner. Der aus Verona stammende Monsignore Innocenzo Martinelli ist sich der Gefahr bewusst. Gegenüber Radio Vatikan erklärt er tapfer: „Ich lasse meine Herde nicht im Stich, auch wenn das den sicheren Tod bedeutet. Sollen sie mir doch den Kopf abschlagen.“

Auch wenn es schwerfällt: Der Westen muss sich eingestehen, mit der Beseitigung Gaddafis den Steinzeitkriegern der IS genauso den Boden bereitet zu haben wie seinerzeit mit dem Sturz Saddam Husseins. Hier wie dort fehlte ein Masterplan. Die Geschichte hat sich, wenn auch unter anderen Vorzeichen, im Ergebnis wiederholt. Unter diesem Eindruck könnte man fast erleichtert sein, dass sich in Damaskus noch immer der Assad-Clan behauptet, während in Ägypten, nach dem unrühmlichen Zwischenspiel der Muslimbrüder, das Militär die Notbremse zog. Die Moralisten werden das nicht gerne hören, aber die Welt, zumal die arabische, tickt nicht nach westlichen Denkmustern.

Der Westen hat für seine Fehler der Vergangenheit einen hohen Preis gezahlt; die Anschläge von Paris und Kopenhagen sind in diese traurige Logik einzuordnen. Da ist zudem die Verunsicherung, die sich wie ein Gift in die freie Gesellschaft einschleicht. Doch nun hat sich der Preis der Freiheit über Nacht quasi verdoppelt: Die Mörderbanden des IS stehen vor den Außengrenzen Europas. Und sie wissen ihre strategische Position zu nutzen.

Neben ihren geheimen Schläferzellen haben sie eine strategische Waffe entwickelt, die an Perfidie und Unmenschlichkeit nicht zu überbieten ist: die afrikanischen Flüchtlinge. Der italienische Investigativ-Journalist und Autor Domenico Quirico („La Stampa“) hat jetzt enthüllt, was Nachrichtendienste schon länger argwöhnen: Das Schleusergeschäft an der libyschen Küste ist inzwischen fest in den Händen der Islamisten. Mehr als 200 000 Flüchtlinge aus ganz Afrika sollen in vom IS kontrollierten Lagern in Libyen auf ihre Überfahrt nach Italien warten. Sie werden, so Quirico, von Strohmännern in ihren Heimatländern angeworben, abkassiert und an die Küste geschleust. Viele berichten von Misshandlungen. Dann verfrachte man sie auf die Boote und schicke diese gen Europa. Ziel sei die Destabilisierung Italiens durch nicht mehr beherrschbare Flüchtlingsströme; zudem könne man so unbemerkt hunderte Kämpfer in die EU einschleusen.

Ein diabolischer Plan, der sich bewusst ein moralisches Dilemma zu Nutze macht: Welche europäische Regierung würde je auf unbewaffnete Bootsflüchtlinge schießen lassen? Die Krieger des IS hassen alles, was ihnen christlich, laizistisch oder schlicht westlich erscheint. Unterschiedslos. Rom und der Vatikan erscheinen ihnen als Zentrum der „Kreuzfahrer“, deshalb ihr verquaster Symbolismus in den Propagandavideos.

Die Regierung Renzi jedenfalls nimmt das Bedrohungsszenario äußerst ernst und drängt Verbündete, USA und UNO zum Eingreifen. 5000 italienische Soldaten, Schiffe und Kampfflugzeuge will Rom im Ernstfall beisteuern, erklärte Verteidigungsministerin Roberta Pinotti dieser Tage. Zwar wiegelte man hinterher ab, doch hinter den Kulissen ist die Analyse ebenso klar wie ernüchternd: Ohne die Vernichtung des IS in Libyen droht Europa eine Terrorwelle. Mit Bomben allein wird man nicht viel erreichen. Europa und die USA brauchen eine langfristige Strategie.

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