Der gefährliche Ruf der Freiheit

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Der Kesselberg mit seinen Kurven verleitet Motorradfahrer zum Rasen – damit sie auf ihrer Fahrbahn bleiben, gibt es seit Sommer 2016 Leitschwellen. foto: arndt pröhl

Adrenalin, Nervenkitzel, Freiheit – und Lebensgefahr. Der Frühling kommt in Fahrt, die Motorradsaison in Oberbayern geht los – und damit der Kleinkrieg zwischen Auto- und Zweiradfahrern. Was ist so verlockend an diesem gefährlichen Hobby?

Start der Motorradsaison in Oberbayern

von michael grözinger

Ebersberg – Wenn Michael Kossbiel auf sein Motorrad steigt, fühlt er sich frei. Für ihn ist das Biken mehr, als nur auf zwei Rädern zu sitzen. Es geht um Kraft, er will die Elemente spüren. „Und es ist immer noch ein kleiner Teil Rebellion.“ Kossbiel, Vorsitzender der Motorrad Freunde Grafing, sitzt auf der Terrasse des Restaurants „Dinos“ bei Ebersberg und erzählt von seinen Touren. Der 46-Jährige ist Familienvater, doch er kann sich nicht vorstellen, auf sein Hobby zu verzichten. „Ich würde einen Teil von mir aufgeben.“ Manchmal muss er einfach raus.

Der Ruf der Freiheit. Bei vielen Motorradfahrern löst er das Verlangen nach hoher Geschwindigkeit, nach dem Kick aus – mit teils schwerwiegenden Folgen. 15 von 83 Verkehrstoten im vorigen Jahr allein im südlichen Oberbayern, wo besonders beliebte Strecken liegen, waren Motorradler. Ihnen fehlt bei Unfällen die Knautschzone. Daher fährt auch bei Kossbiel der Respekt immer mit. „Ich habe einen tödlichen Unfall miterlebt. Das sind Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf wollen.“ Angst hat er aber keine. „Dann dürfte ich nicht fahren.“

Um die Gefahr zu reduzieren, ist die Polizei seit zwei Jahren mit einer spezialisierten Kontrollgruppe Motorrad unterwegs. Zehn Beamte kümmern sich darum, dass gefährliche Strecken im südlichen Oberbayern regelmäßig überwacht werden; etwa der Kesselberg – ein kurviger, ansteigender Abschnitt der B 11 zwischen Kochelsee und Walchensee – oder auch ein Streckenabschnitt der B 307 am Sudelfeld zwischen Bayrischzell und Oberaudorf. „Ihr Hauptaugenmerk richten die Beamten auf riskante und unfallträchtige Fahrweise sowie die technische Ausstattung der Motorräder“, sagt Jürgen Thalmeier vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. 1600 Fahrzeuge stoppte die Kontrollgruppe voriges Jahr. Die Bilanz: Jeder dritte Fahrer war nicht ordnungsgemäß unterwegs – seien es falsche Reifen, überhöhte Geschwindigkeit oder ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr.

Einer, der es gerne schnell mag, ist Toni Geyer. Er leitet die Münchner Regionalgruppe der Motorrad-Community „Knieschleifer“, bei denen es schon mal zur Sache geht. Der 34-Jährige aus Neufahrn, Kreis Freising, fährt eine Honda CBR 900, einen sogenannten Supersportler. „Wenn es mich packt, drehe ich am Hahn. Natürlich nur da, wo es geht“, sagt er. Auf einer Rennstrecke, aber auch auf einer freien Autobahn. „Auf stark befahrenen Strecken ist es idiotisch“, sagt er. „Die, die das machen, sind dadurch nicht sportlicher, im schlimmsten Fall sind sie nachher nur toter. Das sind die Idioten, die ihr Hirn komplett ausschalten und wegen denen wir Motorradfahrer einen so schlechten Ruf haben.“ Genau der wirkt sich auch auf das Miteinander auf der Straße aus: Geyer wäre einmal fast von einem Autofahrer von der Straße gedrängt worden. Er sagt: „Es ist wie ein kleiner Krieg.“

Diesen Krieg will die Polizei verhindern. Um alle Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren, veranstaltet das Präsidium Oberbayern Süd stets zum Beginn der Motorradsaison einen Präventionstag an den Brennpunkten. Am 6. Mai ist es am Sudelfeld wieder so weit. Auch Autofahrer werden dort informiert. „Im Winter sind Motorräder für den Autofahrer nicht das gewohnte Bild. Darauf muss er sich in seinem Fahrverhalten erst wieder einstellen“, sagt Polizeisprecher Thalmeier. „Wir appellieren an alle: Augen auf.“ An manchen Unfallschwerpunkten werden besondere Maßnahmen ergriffen: Am Kesselberg zum Beispiel wurden vorigen Sommer Leitschwellen zwischen den Fahrbahnen aufgestellt – so sollen gefährliche Überholmanöver verhindert werden.

Michael Kossbiel geht es nicht um die Geschwindigkeit. Es geht um das Fahren. „Wieso sollte ich versuchen, in drei Stunden am Gardasee zu sein, wenn ich auch einen Tag brauchen kann und dafür mehr sehe?“ Er blickt auf den kleinen Weiher vor der Terrasse. Entfernt ertönt der Klang eines Motorrads. „Eine BMW 1200“, sagt er – mehr zu sich selbst. Der Mann kennt sich mit Motorrädern aus. Er selbst fährt eine Honda Africa Twin, Typ Reiseenduro – nicht unbedingt zum Rasen gebaut. „Ich kann auch gut den ganzen Tag mit maximal 80 fahren.“ Seine Lieblingsstrecken sind keine Hochgeschwindigkeitsrouten in den „überlaufenen“ Bergen, sondern zum Beispiel die kurvige Strecke von Wasserburg nach Unterreit.

Und doch versteht Kossbiel die Biker, die den Geschwindigkeitsrausch suchen. Beispiel Großglockner-Hochalpenstraße: „Die kann man mit 60 fahren, aber eben auch schneller, und dann machen die Kurven richtig Spaß.“ Zu Rasern hat er dennoch eine klare Meinung: „Wenn sie wissen, was sie tun und dass sie in 90 Prozent der Fälle der schwächere Verkehrsteilnehmer sind, sollen sie es machen. Eine Gefährdung anderer darf aber niemals in Kauf genommen werden.“

Marco Cremonesi kennt die Folgen solcher Rasereien gut. Der 56-Jährige ist Fahrdienstleiter beim Bayerischen Roten Kreuz im Kreisverband Weilheim-Schongau – er bekommt immer wieder Unfälle mit teils tödlich verunglückten Motorradfahrern mit. „Bei den meisten Unfällen hat der Motorradfahrer zumindest eine Mitschuld, weil er einen gewissen Fahrstil gewählt hat und damit Risiken eingegangen ist“, sagt er.

Auch er ist leidenschaftlicher Biker, sogar Vorsitzender des BMW Motorradclubs Seefeld. Er war mit seinem Bike schon am Nordkap in Norwegen, fuhr von München nach Marrakesch und tourte fünf Wochen lang 6500 Kilometer durch die Anden. Und doch fährt er am liebsten durch das Alpenvorland. Kein Wunder, dass hier so viele Motorradfahrer unterwegs sind: „Es gibt viele schöne Ecken in Oberbayern, magische Orte“, sagt er. Dieser Hügel auf der Strecke von Rott nach Apfeldorf zwischen Landsberg und Schongau – „ein herrlicher Blick von den Allgäuer Alpen über das Wettersteingebirge bis zum Tegernseer Tal“, schwärmt er. Darum geht es ihm. Nicht um Geschwindigkeit. „Autobahnfahren und Motorradfahren ist für mich widersprüchlich. Das passt nicht zusammen.“ Austoben? Adrenalinkick? Nur auf der Rennstrecke, findet Cremonesi, nicht im Straßenverkehr.

Auf der Terrasse des Restaurants „Dino“ treffen jetzt die ersten Motorradfreunde Grafing ein. Heute ist noch Stammtisch – wie seit vielen Jahren. Da werden Touren geplant, gelacht, alte Geschichten erzählt. „Bei uns geht es um mehr als nur das Motorrad. Wir unternehmen gemeinsam etwas und stellen Dinge auf die Beine. Man hilft sich“, sagt Michael Kossbiel, bevor er seine Zigarette ausdrückt und sich zu seinen Kameraden verabschiedet. Hier ist er der „Cossy“. Die Stimmung ist familiär. Auch darum geht es vielen begeisterten Motorradfahrern: Die Liebe zum Biken und das unvergleichbare Gefühl von Freiheit vereint.

Manchmal ist es ein trügerisches Gefühl. Toni Geyer von den „Knieschleifern“ wurde durch sein Hobby schon oft mit dem Tod konfrontiert. Mehrere Bekannte starben bei Unfällen. Er selbst hat viele kritische Situationen erlebt – und zum Glück überlebt. „Da wird man auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.“ Ans Aufhören verschwendet er dennoch keinen Gedanken. Und doch weiß er, was er an seinem Leben hat. Bevor er auf seine Honda CBR 900 steigt, verabschiedet er sich immer ordentlich von seiner Verlobten und seinem achtjährigen Sohn.

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