Gefährlich unter Strom

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Viele E-Biker haben – anders als dieser Mountainbiker – die Kraft ihres Rads nicht im Griff. Die Folge: Unfälle. Foto: Imago

Wer mit Strom radelt, liegt im Trend. Doch E-Bike-Fahrer leben gefährlich: Viele unterschätzen die Gefahren der flotten Fahrräder. Besonders häufig verunglücken Rentner.

Der Elektrorad-boom

von Aglaja Adam

München – Rauf auf den Sattel und ab geht die Post. Kein Muskelkater. Kein Schweiß. E-Bikes werden immer beliebter. Doch so einfach, wie es aussieht, fahren sich die strombetriebenen Radl nicht. „Es braucht Übung“, sagt Klaus-Dieter Zerwes, Projektleiter „Sicher unterwegs“ bei der Landesverkehrswacht Bayern. Er leitet Sicherheitstrainings für E-Bike-Neulinge und kennt die Tücken. Beim Losfahren fängt es an. Wer, wie beim normalen Fahrrad, mit einem Bein das obere Pedal trete, lande schnell auf der Straße. „Der Motor setzt ein. Das Fahrrad beschleunigt sofort.“ Erst auf den Sattel, die Hände bremsbereit und dann vorsichtig los, so empfiehlt Zerwes das sichere Anfahren. Ihn wundert es nicht, dass die Unfälle mit Pedelecs, wie sie offiziell heißen (siehe Kasten), zunehmen.

Erst kürzlich verletzte sich eine 56-Jährige in der Ramsau bei Bad Heilbrunn (Kreis Tölz-Wolratshausen) schwer am Kopf. Die Frau aus dem südhessischen Lampertheim hatte die Kontrolle über ihr E-Rad verloren und stürzte. Einen Helm trug sie nicht. Ende April ging ein E-Bike-Unfall im Landkreis noch tragischer aus. Ein 71-Jähriger aus Gaißach stieß auf dem Parkplatz der Blombergbahn an ein Auto und stürzte in einen Graben. Im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen.

E-Biker leben gefährlich. 188 Unfälle, davon zwei mit tödlichem Ausgang, verzeichnete das Polizeipräsidium Oberbayern Süd 2017 alleine für neun Landkreise im Voralpenland und die Stadt Rosenheim. Gut 37 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. 2016 verunglückten in ganz Bayern 764 Menschen mit E-Bikes, so das Landesamt für Statistik. Mehr als doppelt so viele wie 2014, dawaren es 366 Unfälle.

Ist logisch, könnte man meinen, es sind ja mehr E-Bikes unterwegs. Das stimmt auch: 720 000 elektrische Radl sind 2017 in Deutschland verkauft worden, ein Plus von 19 Prozent, wie der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) ermittelte. Zum Vergleich: 2005 waren es 25 000. Insgesamt fahren nach Schätzungen deutschlandweit schon 3,5 Millionen Menschen mit elektrischem Rückenwind. „Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, den lässt es nicht mehr los“, sagt ZIV-Srecher David Eisenberger.

Vor allem die ältere Generation ist infiziert. „Rund 80 Prozent der Pedelecnutzer sind Senioren“, schätzt Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Sie verunglückten deshalb auch überdurchschnittlich oft. Die Unfälle nähmen im Vergleich zu den Verkaufszahlen überproportional zu. „Wir haben jährliche Steigerungen bei Unfällen mit Personenschaden und Pedelec von rund 33 Prozent.“ Die Verkaufszahlen stiegen durchschnittlich aber nur um 13 Prozent jährlich.

Vor allem tödliche Unfälle mit Pedelecs sind wesentlich häufiger als mit normalen Fahrrädern. 2016 starben 62 E-Biker bundesweit bei insgesamt 3901 Unfällen. Jeder 62. Unfall forderte demnach ein Todesopfer. Im Schnitt starb aber nur bei jedem 234. Fahrradunfall ein Mensch.

Ein wichtiges Detail: Kein tödlich verunglückter E-Biker war 2016 jünger als 45 Jahre, 57 waren 65 Jahre oder älter. „Das liegt an der höheren Verletzlichkeit von Senioren, wenn sie verunglücken, sind die Folgen meist gravierender“, sagt Brockmann. Zudem verzichten die Älteren besonders häufig auf den Helm.

Auch Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, vermutet, dass der sprunghafte Anstieg der Unfälle mit dem Alter der E-Bike-Nutzer zusammenhängt: „Immer mehr ältere Menschen nutzen Fahrräder mit zusätzlichem Elektromotor.“ Senioren unterschätzten aber oftmals die Schwierigkeiten, die sich in der Praxis ergeben.

Kursleiter Klaus-Dieter Zerwes kennt das. „Die Geschwindigkeit, die Beschleunigung und das Gewicht sind eine Herausforderung.“ Zwar werden Pedelecs nicht schneller als 25 Stundenkilometer. „Aber das Eigengewicht von rund 25 Kilogramm ist bei Bremsmanövern nicht einfach zu handhaben.“ Auch eine Selbstüberschätzung der eigenen körperlichen Verfassung sieht Zerwes als einen Unfallgrund. „Man gibt nicht gerne zu, dass man im Alter an Beweglichkeit verliert.“

Trotz eines langsam wachsenden Interesses für die Sicherheitskurse kritisiert er: „Vielen fehlt das Bewusstsein, dass ein Training wichtig ist.“ Er beobachtet allerdings auch, dass die E-Bike-Fahrer jünger werden. In seinem letzten Kurs seien die Teilnehmer zwischen 30 und 75 Jahren alt gewesen.

Ein weiteres Problem bahnt sich gerade an. Was dem einen zu schnell, ist besonders den Jüngeren zu langsam: „Die Zahl der illegal getunten Pedelecs, die schneller als die erlaubten 25 Stundenkilometer fahren, steigt“, sagt ADFC-Sprecherin Laura Ganswindt. Die Bausätze gibt es im Internet, sie sind klein und fallen kaum auf. Stefan Sonntag, vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd warnt: „Der Einbau und Betrieb im öffentlichen Verkehrsraum ist verboten.“ Wer mit extra Schub unterwegs ist, braucht Helm und Versicherungskennzeichen.

Kommt es zum Unfall, kann es bitter ausgehen: Mit einer Anzeige wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis müsse gerechnet werden, bei Jugendlichen drohe eine Führerschein-Sperrfrist. Teuer wird es außerdem: „Haftpflichtversicherungen könnten sich weigern, die Kosten für Unfallschäden und Folgen zu übernehmen“, sagt Sonntag.

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