GASTKOMMENTAR An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These.

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Sascha Buchbinder, Schweizer Journalist und Historiker, lebt in Lausanne.

GASTKOMMENTAR . An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These.

Heute: Sascha Buchbinder über die Entkoppelung des Schweizer Franken vom Euro.

„Die Schweiz lässt den Euro fallen“ – was für ein schöner Titel. Seelenbalsam, so eine Schlagzeile in deutschen Medien. Weil: das mit der Kavallerie, deren Ausritt Peer Steinbrück den feigen Schweizern nur kurz anzudrohen brauchte, um die Bankenfestung zu schleifen, das haben wir nämlich nicht vergessen. Jetzt lassen wir also den Euro fallen! Und fallen dann als Konsum-Kavallerie über das nahe Ausland her. Es werden keine Gefangenen gemacht. Wir kaufen noch das letzte Bier, selbst die harte Brezel, und bei der Ausreise lassen wir uns die Mehrwertsteuer zurückerstatten. Ja: Wenn wir Schweizer etwas machen, dann aber richtig.

2015 also machen wir den Euro platt. Also nicht so ganz „wir“. Weil: Über Minarette stimmen wir zwar persönlich an der Urne ab; bei der Entscheidung, den Schweizer Frankenkurs freizugeben, hingegen hatte das Volk nichts mitzureden. Nicht einmal unsere Regierung. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ließ lakonisch ausrichten: er sei kurz vor der Öffentlichkeit über die gefällte Entscheidung informiert worden. Telefonisch informiert vom Präsidenten der Schweizer Notenbank, der sich einzig mit seinen beiden Stellvertretern absprach, als er hinter verschlossenen Türen den Kurswechsel beschloss.

Thomas Jordan heißt der Mann, der unsere monetäre Verlässlichkeit über den Jordan beförderte. Der Mann hält den Euro für eine Fehlkonstruktion – immer schon. Thomas Jordan also wollte den Franken nicht mehr an den Euro binden. Und seit dem Entscheid von EZB-Chef Mario Draghi, den Markt mit monatlich 60 Milliarden Euro zu fluten wissen wir auch weshalb: Letztlich hat dieser Draghi doch die größere Notenpresse als unser Jordan. Letztlich.

Aber noch will das in der Schweiz niemand hören. „Wir lassen den Euro fallen“, klingt viel besser. Die kleine Schweiz hat einen starken Franken! Eine harte Währung! Das klingt schmeichelhaft, das fühlt sich gut an, beim Shoppen im nahen Ausland. Wie ein Rausch.

Soll jetzt bloß niemand unken, dass die Rechnung dann schon noch präsentiert werde. Wenn der Kater sich anschleicht. Wenn wir gar nicht mehr shoppen können, wenn unser Lohn nicht mehr bezahlt wird, weil unser Arbeitgeber gerade Konkurs ging. Von den Schweizer Exporten geht nämlich mehr als die Hälfte in die EU – stattliche 120 Milliarden Franken. So gesehen ist der Franken nicht stark – eher teuer. Richtig teuer.

Clevere Schweizer: Der Euro-Niedergang findet ohne sie statt

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