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Friedrich Denk war Deutschlehrer in Weilheim und „Rechtschreibrebell“. Heute engagiert er sich als Autor und Vortragender für das Lesen von Büchern und Zeitungen.

GASTKOMMENTAR „Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“ An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. GASTKOMMENTAR .

„Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“

An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Heute: Friedrich Denk zur Rechtschreibung. In der alten Form!

Hans Zehetmair, als bayerischer Kultusminister von 1996 bis 1998 einer der Hauptverantwortlichen für die Rechtschreibreform, gab vor kurzem ein vielbeachtetes Interview mit folgendem Fazit: „Ich empfinde große Genugtuung darüber, dass um das Thema Rechtschreibung inzwischen Ruhe eingekehrt ist. Im Großen und Ganzen konnten wir das Reformierte reformieren und die Fehler der Politik wieder ausbügeln.“ Das ist dreimal unrichtig.

Erstens können Fehler der Politiker nicht ausgebügelt werden wie eine knittrige Hose. Sie müssen ausgebadet werden, und zwar von den Bürgern. Hier waren und sind es alle, die deutsch sprechen, lesen und schreiben, Inländer wie Ausländer, dazu die Steuerzahler, die letztlich für die Milliardenverluste durch diese sogenannte Reform büßen müssen.

Zweitens darf sich niemand etwas auf die „Reform der Reform“ einbilden. Weder das eine noch das andere verdiente den Ehrennamen Reform, der ähnlich wie das Wort „neu“ gern mißbraucht wird. Was am 1. Juli 1996 in der „Wiener Absichtserklärung“ als „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ dekretiert wurde, strotzte von Fehlern, von denen einige ganz und andere halb zurückgenommen wurden. Zum Beispiel sollten wir laut Neuregelung „es tut mir sehr Leid, doch er hat ganz Recht“ schreiben, obwohl „sehr“ und „ganz“ nur vor Adjektiven oder Adverbien stehen können. Die erste Schreibung wurde inzwischen – ohne Entschuldigung – zurückgenommen, die zweite ist noch möglich und wird leider noch angewendet, auch in dieser Zeitung, deren sprachliches Niveau ansonsten sehr hoch ist.

Drittens ist Herr Zehetmair hochzufrieden, daß um die Rechtschreibung „Ruhe eingekehrt“ sei. Die kompetenten Leserbriefe, die in den letzten Wochen in dieser Zeitung abgedruckt waren, und der zu Recht scharfe Kommentar von Georg Anastasiadis zeigen das Gegenteil.

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht beim Lesen von Büchern und Zeitungen, aber auch beim Schreiben immer wieder daran erinnert wird, was die Kultusminister sich von einer „Hand voll so genannter“ Experten haben aufschwatzen lassen und, unterstützt von einigen Juristen, seit 1996 durchgeboxt und den Schülerinnen und Schülern, den Schulbuch- und Kinderbuchverlegern, der Beamtenschaft, den Sekretärinnen, den Journalisten, allen Leserinnen und Lesern und vor allem der deutschen Sprache aufgezwungen haben.

Aber vielleicht könnte man doch noch etwas ausbügeln? Da die Rechtschreibreform in jedem Fall weiter „reformiert“ werden muß (ein Blick in den letzten Duden zeigt, daß sie noch immer x Varianten anbietet, oft mit Empfehlung der klassischen Schreibung), ist es klüger, gleich zur „alten“ Schreibung zurückzukehren bzw. bei ihr zu bleiben, die in Wirklichkeit moderner ist als die „neue“. Und vielleicht könnten sich auch einige Schüler dazu entschließen, so zu schreiben, wie sie es in Schullektüren von Franz Kafka, Thomas Mann, Bert Brecht, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Siegfried Lenz, Günter Grass, Bernhard Schlink, Christoph Ransmayr, Patrick Süskind und anderen lesen? Würden die Lehrer denn als Fehler anstreichen, was in den meisten Büchern richtig ist?

P.S. Noch eine Frage: Warum wohl haben die Rechtschreibreformer nur bei 14 Wörtern ein „ä“ vorgeschrieben, u.a. bei behende, Gemse, Schlegel und schneuzen, nicht aber bei Eltern? Vielleicht weil sie schlau waren und die „Ältern“ von mehr als 10 Millionen Schülern nicht provozieren wollten.

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