„Ganz Aleppo ist eine Kriegszone“

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Überlebt: In Bussen lässt das Assad-Regime aus Ost-Aleppo evakuierte Zivilisten abtransportieren. foto: reuters

Der Vormarsch des Regimes löst in den Rebellengebieten der nordsyrischen Stadt Aleppo Verzweiflung und Panik aus. Tausende sind auf der Flucht. Die Regimegegner fühlen sich vom Westen allein gelassen.

Assad-Truppen auf dem Vormarsch

von jan kuhlmann

Aleppo – Jede Nachricht, die Mohammed an diesem Montag aus Aleppos Rebellengebieten schickt, bezeugt ein Drama. „Ein neuer Angriff“, sagt der junge Syrer am Anfang einer Tonaufnahme, die er mit seinem Handy gemacht hat. Ein Rauschen ist zu hören, das nach einem Flugzeug am Himmel klingt und immer lauter wird. „Sie kommt, sie kommt, sie kommt“, ruft er in Panik. „Runter, runter, runter.“ Dann die laute Explosion einer Bombe. Am Ende klingt es, als regneten Trümmerteile zu Boden.

Mohammed, ein Krankenpfleger, gehört zu jenen rund 250 000 Menschen, die bislang in den Rebellengebieten im Osten der umkämpften nordsyrischen Stadt ausgeharrt haben. Seit gestern hat sich ihre Lage grundlegend verändert. Schon am Morgen melden Aktivisten, die Armee und ihre Verbündeten hätten den kompletten Norden der Rebellengebiete eingenommen. Jets fliegen Luftangriffe, es gibt heftige Gefechte. Doch die Rebellen haben der Armee nach fast zweimonatiger Belagerung offenbar nur noch wenig entgegenzusetzen.

Die Botschaften Mohammeds und anderer Aktivisten klingen verzweifelt. „Es ist entsetzlich“, sagt er mit gepresster Stimme. „Krieg, Zerstörung, die Menschen sterben zuhauf. Wir können nichts mehr machen. Wir wollen leben.“ Eine kurze Pause, dann ein tiefes Atmen: „Ganz Aleppo ist eine Kriegszone.“ Die Menschen können wegen des Staubs von der Bombardierung kaum noch atmen.“ Ende der Aufzeichnung.

Auch eine Luftaufnahme, die Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana verbreitet, zeigt dichten Rauch von Bombeneinschlägen und Gefechten über Aleppos Osten. Tausende Menschen nehmen vor der Gewalt Reißaus. Viele fliehen in den Stadtteil Scheich Maksud, der von Kurden kontrolliert wird, andere in Viertel, die das Regime eingenommen hat.

Ein Internetfilm von Regimeanhängern zeigt, wie uniformierte Soldaten dort Frauen und Kindern Tüten mit Hilfsgütern in die Hand drücken, die mit den Fahnen Syriens und Russlands bedruckt sind. „Russland ist mit Euch“, steht darunter auf Arabisch und Russisch. Nach Lesart der Regimes und seines engen Verbündeten Moskau sind die Menschen gerade aus der Gewalt von „Terroristen“ befreit worden. Beide Seiten wollen sich als Befreier zeigen, die den Zivilisten helfen.

Regimegegner haben für solche Bilder nur Hohn und Spott übrig. Sie berichten, dass die Menschen auch Richtung Süden in Viertel fliehen, die noch von Rebellen gehalten werden. Vor allem Aktivisten müssen den Tod befürchten, sollten sie in die Hände der Regierung fallen, die wenig zimperlich mit ihren Gegnern umgeht. Das Regime lasse nur eine Wahl, schreibt Rami aus Aleppo: „Kapitulation: Gefängnis oder von Folter getötet.“

Andere Familien blieben einfach in ihren Häusern, erklärt Abdulkafi, Aktivist und Englisch-Lehrer aus Ost-Aleppo, über das Internet. „Sie wissen nicht, wo sie hingehen sollen. Sie können nur von Hölle zu Hölle fliehen.“

Schon seit Monaten wird die humanitäre Lage in Ost-Aleppo immer dramatischer. Weil Regimeanhänger das Rebellengebiet Anfang September von der Außenwelt abgeschnitten haben, kommt praktisch kein Nachschub mehr dorthin. Auch die medizinische Versorgung ist praktisch zusammengebrochen.

Die großen Geländegewinne der Regimeanhänger könnten nach fast sechs Jahren Bürgerkrieg eine Wende in dem Konflikt sein. Von dem Aufstand, der 2011 für mehr Freiheit und Demokratie begann, bliebe nur noch wenig.

Unter denen, die sich damals gegen das Regime gestellt haben, herrscht schon seit Längerem Ernüchterung. Die Einwohner und Aktivisten Aleppos fühlen sich vor allem vom Westen in ihrem Kampf gegen das Regime alleingelassen. „Die internationale Gemeinschaft ist hinterhältig“, schreibt Abdulkafi. „Sie lassen Assad, Russland, den Iran und ihre Söldner tun, was sie wollen, damit wir nach einer Waffenruhe fragen.“

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