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Neues Buch

Kann der CDU-Chef Kanzler? Merz-Experten: „Beim Fingerspitzengefühl ist Luft nach oben“

  • Fabian Hartmann
    VonFabian Hartmann
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Zwei Journalisten haben ein Buch über Friedrich Merz geschrieben. Sie meinen: Der CDU-Chef steht vor großen Aufgaben – und muss persönliche Schwächen in den Griff kriegen.

Berlin – Im dritten Anlauf um den Posten des Parteichefs hat es geklappt: Nach zehn Jahren in der Wirtschaft ist Friedrich Merz zurück auf der großen politischen Bühne – und hat damit ein in der Geschichte der Bundesrepublik einmaliges Comeback hingelegt. Das zumindest meinen die Journalisten Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart. Sie haben ein durchaus wohlwollendes Buch („Der Unbeugsame“) über Friedrich Merz geschrieben. Beim Interview in einem Café in Berlin-Charlottenburg sagt das Autorenduo aber auch, warum sich der CDU-Chef mit seinen Auftritten oft keinen Gefallen tut.

Frau Falke-Ischinger, Herr Goffart, seit Januar steht Friedrich Merz an der Spitze der CDU. Die Partei dümpelt bei unter 30 Prozent. Auch die persönlichen Umfragewerte des Parteichefs sind bescheiden. Warum ist der Merz-Aufbruch ausgeblieben?
Jutta-Falke Ischinger: Die CDU steht heute besser da als vor einem Jahr. Jedenfalls in den Umfragen – da ist sie stärkste Partei. Man darf nicht vergessen: Die CDU hat zuletzt in einem Tempo Parteivorsitzende verschlissen, wie man es nur von der SPD kannte.

Daniel Goffart: Es ist die Aufgabe von Friedrich Merz, die Trümmer der verlorenen Wahl beiseite zu räumen und danach etwas Neues aufzubauen. Natürlich sind 28 Prozent in den Umfragen nicht gut. Mehr ist im Moment aber nicht drin.
Friedrich Merz ist 66 Jahre alt. Als er das letzte Mal auf der großen politischen Bühne stand, saßen noch Gerhard Schröder und Joschka Fischer auf der Regierungsbank. Was sagt es über die CDU aus, wenn sie in Merz nun den Hoffnungsträger sieht?
Goffart: Wer Friedrich Merz kennt und mit ihm schonmal durch seinen bergigen Wahlkreis Fahrrad gefahren ist, der weiß, dass er topfit ist. Fitter als manche 50-Jährige. Und sicherlich auch fitter als andere und jüngere Parteivorsitzende. Das Alter ist bloß eine Zahl, man sollte seine Eignung daran nicht festmachen.
Friedrich Merz gilt als konservativ und marktliberal. Wofür steht er?
Goffart: Er ist nicht so konservativ, wie es ihm angedichtet wird. Das ist deutlich zu spüren, wenn man mit ihm über die Politikfelder redet, die er reformieren will. Er hat Ideen. Eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen sieht er darin, die Rente armutsfest zu machen. Dafür will Merz die betriebliche und private Altersvorsorge stärken – und so auf dem sozialen Feld punkten. Unbestreitbar ist zudem sein wirtschaftspolitischer Sachverstand. Was ihn bei Themen wie Vermögensbildung und Altersvorsorge aber gelegentlich einholt, ist seine frühere Tätigkeit für den US-Vermögensverwalter Blackrock, obwohl dieses Misstrauen durch nichts gedeckt ist.
Die Journalisten Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart haben ein Buch über Friedrich Merz geschrieben.

Zur Person

Jutta Falke-Ischinger, 59, hat Geschichte, Anglistik und Germanistik studiert. Als Journalistin schrieb sie u.a. für Welt, FAZ und Cicero. Falke-Ischinger ist Gründerin der Debatten-Plattform „Disput/Berlin!“.

Daniel Goffart, 61, ist Chefreporter im Hauptstadtbüro der Wirtschaftswoche. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt u.a. die Union. Seine journalistische Laufbahn begann er als politischer Redakteur bei der Berliner Morgenpost.

Autor über Merz-Reise mit Privatflugzeug nach Sylt: „Come on, muss das jetzt echt sein?“

Das Kanzleramt im Blick: CDU-Chef Friedrich Merz. 
Nicht gerade förderlich fürs Image war sicher auch die Anreise zur ohnehin pompösen Hochzeit von Christian Lindner auf Sylt. Friedrich Merz kam mit dem Privatflugzeug. Fehlt dem CDU-Chef das Fingerspitzengefühl?
Falke-Ischinger: Er hat noch nicht begriffen, wie stark die Macht der Bilder wirkt. Es reicht nicht, zu sagen: Mein Flugzeug ist sparsam im Verbrauch, also mache ich das. Zur Bodenhaftung gehört auch, zu erkennen, wie das auf die Menschen wirkt. Da war er schlecht beraten – wenn er es überhaupt war.
Goffart: Friedrich Merz ist kein Privatmann mehr. Mit einem Privatflugzeug zu diesem Medienereignis auf Sylt einzufliegen, ist halt keine gute Idee. Es wirkt abgehoben. Und vor allem: Es sind so unnötige Sachen, wo man denkt: Come on, muss das jetzt echt sein?
Ist das womöglich das größte Problem von Friedrich Merz: der großspurige Auftritt, die fehlende Bodenhaftung?
Falke-Ischinger: Beim Thema Fingerspitzengefühl ist sicher noch Luft nach oben. Friedrich Merz wird oft nachgesagt, dass er von oben herab auf Menschen reagiert, auch so mit ihnen spricht. Das liegt allein schon an seiner Körpergröße. Trotzdem: Er hat eine Art, die oft etwas belehrend oder besserwisserisch rüberkommt. Sogar bei Frauen, die der CDU nahestehen, gibt es eine gewisse Skepsis in Bezug auf Merz. Letztlich geht es darum, mit den Menschen zu reden und nicht über sie. Und es ist wichtig, Empathie zu zeigen. Da hat Merz noch Nachholbedarf.
Sie beschreiben Merz als progressiver als gemeinhin angenommen. Er scheut aber auch nicht davor zurück, Ressentiments zu bedienen, wenn er vom „Sozialtourismus“ ukrainischer Flüchtlinge spricht. Wie passt das zusammen?
Goffart: Das Flüchtlingsthema war schon immer wichtig für ihn. Und natürlich ist es auch jetzt wieder ein Thema: Deutschland hat fast eine Million Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Auch über die Balkanroute gibt es wieder eine verstärkte Zuwanderung. Es ist Aufgabe der Opposition, zu sagen: Leute, seid ihr vorbereitet, habt ihr das im Blick? Problematisch ist es natürlich, ein so schwieriges Thema mit einem plakativen Schlagwort wie „Sozialtourismus“ zu belegen.
Will Friedrich Merz Kanzler werden?
Falke-Ischinger: Ja klar, das wollte er immer.

Goffart: Eindeutig.

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Buch über Friedrich Merz: Bei der CSU holte er zuletzt mehr Applaus als Markus Söder

Es gibt auch andere, die infrage kommen. Die Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und NRW, Daniel Günther und Hendrik Wüst.
Goffart: Aus einem erfolgreichen Ministerpräsidenten muss kein erfolgreicher Kanzlerkandidat werden. Das haben wir bei Armin Laschet gesehen. Die Bundesbühne ist rutschig. Ob das den Ehrgeiz der beiden bremst, wird man sehen. Noch können sie abwarten. Und es ist genauso gut möglich, dass die CDU bei der nächsten Wahl keine großen Chancen hat. Dann lässt man Friedrich Merz gerne den Vortritt.
Und auch die CSU hat ja noch ein Wort mitzureden.
Falke-Ischinger: Markus Söder muss erstmal die Wahl in Bayern gewinnen. Im Moment ist er ganz brav. Auf dem letzten CSU-Parteitag war er um Harmonie bemüht. Interessant war, dass Friedrich Merz dort mehr Applaus als Söder bekommen hat.

Goffart: Ich glaube nicht, dass Söder nochmal nach der Kanzlerschaft greift – zumindest, wenn er noch alle Tassen im Schrank hat. Er hat immer wieder gegen Armin Laschet quergeschossen, seinen Wahlkampf brutal behindert. Dadurch hat er sich in weiten Teilen der CDU unmöglich gemacht. Unterstützung für eine Kanzlerkandidatur wird er in der CDU nicht bekommen. Die Sache ist gegessen.
Trauen Sie es Friedrich Merz zu, Olaf Scholz und die Ampel in drei Jahren zu besiegen?
Goffart: Klar kann er Kanzler werden. Vergessen wir nicht: Olaf Scholz ist auch nicht gerade ein Sympathieträger. Zu Beginn des letzten Wahlkampfs war der kürzeste Witz im Regierungsviertel: ‚Olaf Scholz wird Kanzler‘. Mal schauen, was in zweieinhalb Jahren ist. Die CDU hat das Potenzial, stärkste Partei zu werden. Viel spannender ist aber die Frage, ob Merz es schafft, eine Koalition zu bilden. Dafür müsste er die Grünen von der SPD weglocken. Das könnte schwierig werden.

Falke-Ischinger: Es ist schwer vorauszusagen, die Dinge ändern sich radikal schnell. Am Anfang dachte man, die Ampel harmoniert. Ein Bündnis, das vieles abdeckt: das Soziale, die Ökologie und die Freiheit. Jetzt sieht man, dass es an allen Stellen hakt. Wenn Merz Kanzler werden will, reicht es nicht zu sagen, was die Ampel falsch macht. Die Union muss eigene Vorschläge machen und zeigen, wofür sie in diesem Land gebraucht wird.

Über das Buch: „Der Unbeugsame“, Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart, LMV, erschienen am 24. Oktober, 25 Euro.

Rubriklistenbild: © Florian Gaertner/Imago

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