„Frankreich sollte gedemütigt werden“

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Rolf Tophovenleitet das Institut für Terrorismusforschung in Essen

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven: Anschlag in Nizza am Nationalfeiertag war genau geplant – Behörden geschockt. München – Über den Terror-Anschlag von Nizza sprachen wir mit dem Terrorismus-Experten und mehrfachen Buchautor Rolf Tophoven:.

-Herr Tophoven, warum hat der Täter Nizza als Anschlagsort gewählt?

Nach den enorm hochgefahrenen Sicherheitsmechanismen im Umfeld der Fußball-EM war Nizza ein perfides Kalkül. Der Mann wollte Frankreich am Nationalfeiertag treffen, um das Land zu demütigen. An diesem Tag sind aber vor allem in Paris die Behörden besonders auf der Hut. Deshalb hat der Terrorist dort zugeschlagen, wo man es nicht erwartete, wohl aber eine große Menschenmenge versammelt war. Das war in Nizza der Fall, und es entspricht exakt der Taktik des Terrorismus von heute.

-Terrorexperten gehen davon aus, dass sich die Anschläge in anderen Ländern mehren, je stärker der IS in Syrien und im Irak unter Druck gerät.

Es ist eine klare Strategie des IS, partielle Rückschläge im eigentlichen Kriegsgebiet durch Anschläge im Ausland zu kompensieren. Mit ihnen ist die Botschaft verbunden, dass der IS überall und jederzeit zuschlagen kann, dass niemand sicher sein darf. Das war bei Charlie Hebdo in Paris, in Brüssel, Bangladesch und auch in Istanbul so. Die Terroristen wollen ein Netz der Angstpsychose über die Staaten der Ungläubigen legen. Das hat es in dieser Form bisher nicht gegeben.

-Was bedeutet der Terror von Nizza für Frankreichs Sicherheitsbehörden?

Sie stehen nun, nach der immensen und auch kostenintensiven Aufrüstung der vergangenen Monate unter einem psychologischen Schock.

-Warum stehen in Europa vor allem Frankreich und Belgien so stark im Fokus der Terroristen?

Man muss davon ausgehen, dass es in den beiden Ländern noch zahleiche bisher unentdeckte terroristische Zellen gibt. Wir haben möglicherweise auch eine Anhäufung von Einzeltätern, die zwar nicht beim IS waren, sich aber über des Internet oder IS-Videoclips radikalisiert haben. IS-Sprecher al-Adnani hat mehrfach alle Anhänger aufgerufen, überall dort zu kämpfen, wo sie sich befinden und dabei besonders Zivilisten aufs Korn zu nehmen. Frankreich ist allein aufgrund seines kolonialen Engagements auch im vorderen Orient besonders gefährdet. Gefördert wird der Radikalismus in Frankreich und Belgien zudem durch das soziale Elend vieler Bürger mit Migrationshintergrund. Ein fruchtbarer Boden für Rekrutierungen.

-Islamistische Führer haben bereits mehrfach dazu aufgerufen, Fahrzeugen als Waffen zu nutzen. Hat der Terror eine neue Dimension erreicht?

Es ist auf jeden Fall eine neue Spielart des Terrors auf europäischem Boden. Sie passt – so pervers das klingt – zu den Vorgaben der IS-Führung, die Ungläubigen mit allem zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen.

-Der Täter von Nizza ist Franzose mit tunesischen wurzeln. Lässt das auf eine IS-Rekrutierungswelle in Nordafrika schließen?

Es ist bekannt, dass allein aus Tunesien etwa 4000 junge Männer beim oder für den IS kämpfen. Tunesien stellt damit neben Saudi-Arabien das zweitstärkste Kontingent arabischer IS-Kämpfer. Ob es eine direkte Verbindung zwischen dem Täter von Nizza und dem IS gibt, ist fraglich. Zunächst ist auch hier von dem Phänomen Einzeltäter auszugehen, von einem Mann, der bisher nicht auffällig war, dem man einen Terrorakt kaum zugetraut hat.

-Welche Profile des Terrors gibt es derzeit?

Im Wesentlichen zwei: Den Einzeltäter und die terroristische Kleinzelle, die auch eine ferngesteuerte und vom IS-Hauptquartier aus aktivierte Zelle sein kann.

Interview: Werner Menner

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