GASTBEITRAG

Frankfurter Erklärung nach 20 Jahren Rechtschreibreform

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Heute wird der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair in Weimar offiziell aus seinem Amt als Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung verabschiedet. Das Thema bleibt aber auf der Tagesordnung. Auf der Buchmesse haben 110 Autoren, Professoren, Schauspieler, Verleger und Journalisten dazu die Frankfurter Erklärung veröffentlicht, die wir hier abdrucken.

20 Jahre nach dem Start der Rechtschreibreform sind ihre Folgeschäden unübersehbar: Die Verwirrung und Verunsicherung der Schreibenden ist groß, die Schüler machen nachweislich nicht weniger, sondern deutlich mehr Fehler,  die   deutsche   Einheits- orthographie ging verloren.

Zahlreiche Autoren und Professoren hatten schon auf der Frankfurter Buchmesse 1996 vor diesen absehbaren Folgen gewarnt und den Stopp dieser „überflüssigen, aber milliardenteuren“ Reform gefordert. Trotzdem wurde sie gegen den wohlbegründeten Widerstand der Sprachgemeinschaft durchgesetzt und dann noch mehrfach verändert, was weitere Verwirrung bewirkte.

Immerhin hat Johanna Wanka (2005 Präsidentin der Kultusministerkonferenz, heute Bundesbildungsministerin) 2006 im Spiegel zugegeben: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“

In dieser Situation appellieren wir an die heutigen Kultusminister, einen Neuanfang zu wagen und geeignete Schritte zur Wiedergewinnung einer einheitlichen Schreibung zu unternehmen, die auch der von den Kultusministern 2004 eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung als „ein hohes kulturelles Gut“ bezeichnet. Ein wichtiger Schritt sollte sein, die im 20. Jahrhundert bewährte Schreibung als eine für alle brauchbare anzuerkennen, auch in den Schulen. Daß sie dort als „falsch“ gewertet wird, ist ein Angriff auf die literarische Tradition und die Literatur der Gegenwart: Alle Werke der großen Autoren des 20. Jahrhunderts (von Thomas Mann und Bert Brecht bis Max Frisch, Ingeborg Bachmann und Günter Grass) und viele Werke heutiger Schriftsteller werden als orthographisch fehlerhaft abgewertet.

Hunderttausende von Kinder-, Jugend- und Schulbüchern wurden vernichtet, weil sie in der bewährten Schreibung gedruckt waren, vor der man die Schüler schützen zu müssen glaubte. Wenn die bewährte Schreibung als allgemein brauchbar anerkannt ist, wird ein Vergleich der un-terschiedlichen Schreibungen die Wiedergewinnung einer einheitlichen Rechtschreibung fördern. An dieser für die Zukunft der Literatur und der Buchkultur wesentlichen Aufgabe sollten neben dem Rechtschreibrat auch andere Institutionen und Gremien mitwirken wie die Akademien, die Schriftstellerverbände und die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) sowie unabhängige Experten.

Frankfurt am Main, im Oktober 2016

Zu den Unterzeichnern gehören u.a.: Mario Adorf, Friedrich Denk, Matthias Dräger, Hans-Magnus Enzensberger, Elfriede Jelinek, Wulf Kirsten, Prof. Michael Klett, Reiner Kunze, Sten Nadolny, Prof. Peter Ring, Arnold Stadler, Prof. Rudolf Wachter, Prof. Reinhard Wittmann.

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