Per Flugtaxi an die Weltspitze

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Flugtaxis. Bisher haben sie viel Spott abbekommen. Obwohl kaum einer weiß, was hinter der Idee steckt. Jetzt hat Ministerpräsident Söder die fliegenden Wundertüten zur Chefsache erklärt. Bayern soll Flug- taxi-Weltmeister werden. Mithilfe von jungen Gründern, die an der Mobilität der Zukunft forschen.

Bayerische Mobilitäts-Offensive

Von Stefan Sessler

München – Ministerpräsident Markus Söder steht im Garten der Staatskanzlei und streichelt die Zukunft. Sanft fährt er mit den Händen über ein weißes, eiförmiges Flugtaxi mit Platz für zwei Personen, das von 36 elektrischen Jet-Turbinen angetrieben wird. Es ist ein Prototyp, emissionsfrei und senkrecht startend. Reichweite: 300 Kilometer bei 300 km/h. Die Firma Lilium, ein Start-up aus Oberpfaffenhofen im Kreis Starnberg mit über 100 Mitarbeitern, hat es gebaut. Der Ministerpräsident ist hochgradig interessiert. „Das könnte man als Dienstgerät einsetzen“, sagt er. „Da sitz’ ich dann vorne und hinten liegt der Pschierer.“

Mit Pschierer meint er Franz Josef Pschierer, den bayerischen Wirtschaftsminister, der gerade neben ihm steht. Flugtaxi-Fan Söder sagt: „Wir wollen in Bayern führender Standort werden. Das ist keine Spielerei.“ Er sagt aber auch: „Den ersten Flug macht der Franz.“

Hahaha, Pschierer, das fliegende Versuchskaninchen! Hahaha, Flugtaxis! Das Thema ist ein Scherzmagnet. Nahezu jeder deutsche Komiker, der was auf sich hält, hat in den letzten Monaten einen Flugtaxi-Witz in sein Repertoire aufgenommen, nachdem CSU-Staatsministerin Dorothee Bär in einem ZDF-Interview das Potenzial dieser fliegenden Wundermaschinen made in Bavaria erwähnte. Tagelang wurde sie mit Häme überschüttet.

Dabei meinen es die vielen jungen Menschen, die an diesem Morgen mit ihren Prototypen und Pappaufstellern im Hofgarten stehen, ernst. Richtig ernst. Ihre Firmen heißen Quantum-Systems, Volocopter, Autoflight X oder eben Lilium mit Firmensitz am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen. Sie alle sind Visionäre, von denen man heute noch nicht sagen kann, ob ihre Vision mal Wirklichkeit wird. Oder ob sie auf dem Holzweg fliegen.

Aber eines ist sicher: Die Branche ist meilenweit weiter, als die Spötter glauben – selbst der bayerische Wirtschaftsminister wird nicht mehr als Testpilot gebraucht. Jungfernflug des Lilium-Flugtaxis war im April 2017. „Flugtaxis sollen kein Spielplatz für Reiche sein“, sagt Patrick Nathen, 31, einer der Gründer von Lilium. Die Firma will die Grundzüge der Mobilität in diesem Land ändern, drunter machen sie es nicht. „Unser Ziel ist, dass wir uns irgendwann mit einem Taxi vergleichen können.“ Sowohl vom Preis pro Flug als auch von der Flexibilität her.

Gerade hat das Unternehmen zur weiteren Entwicklung 90 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt. Die Firma hat bereits einen Spitznamen: „Tesla der Lüfte“. In den frühen 2020er-Jahren wollen sie marktreif sein. Dann soll das fliegende Taxi, das von einem Piloten gesteuert wird, im Großraum München und gerne auch auf der ganzen Welt unterwegs sein. Später soll es autonom fliegen, in 400 Metern Höhe. Die Flugzeit vom Hauptbahnhof zum Münchner Flughafen haben sie auch schon ausgerechnet: sieben Minuten.

Da das elektrische Flug-Ei aus Oberpfaffenhofen senkrecht starten kann, braucht der Mini-Jet nicht viel mehr als eine winzige Landefläche. Als Nächstes wollen sie einen „Lilium Jet“ mit Platz für fünf Passagiere und einer Flügelspannbreite von zehn Metern bauen. Nathen sagt: „Am Anfang haben die Leute gesagt: Eure Idee ist Schwachsinn. Lasst es.“ Lange her, aber auch nicht so lange. Inzwischen reißen sich Investoren um sie. Und Ministerpräsidenten.

Markus Söder sitzt am Mittag in der Kabinettssitzung. Dort sagt er: „Der innerstädtische Flug wird kommen, es ist keine Frage des Ob, sondern nur des Wann – und wir wollen vorn mit dabei sein.“ Die Staatsregierung will bald schon ein Testfeld für autonomes Fliegen einrichten, wo die Firmen forschen können. Außerdem soll in einer Testregion ausgelotet werden, ob ein bayernweites Flugtaxi-Netzwerk Sinn macht. Die Machbarkeitsstudie hat den schönen Namen „Urban Air Mobility Ingolstadt“. Laptop und Lederhose war gestern, das neue CSU-Motto heißt: Der Bayer fliegt higher. Bei diesem Trend will Bayern den Ton angeben, gerne auch weltweit.

Unternehmen auf der ganzen Welt arbeiten bereits an ähnlichen Technologien, darunter Rolls-Royce, der Fahrdienstvermittler Uber oder das von Google unterstützte Start-up Kitty Hawk. Lufttaxis sind längst keine schrullige Daniel-Düsentrieb-Spinnerei mehr. Es ist ein millionenschwerer Wachstumsmarkt, den Söder anschubsen will.

Die Firma Volocopter hat ihren Sitz in Bruchsal in Baden-Württemberg, trotzdem hat sie der bayerische Ministerpräsident in den Garten der Staatskanzlei eingeladen. Womöglich weil Know-how keine Landesgrenzen kennt. „2011 haben wir Fluggeschichte geschrieben“, sagt Helena Treeck von Volocopter. „Wir sind vertikal und bemannt und elektrisch aufgestiegen.“ Das sagt sie, habe es davor noch nie gegeben. „Damals wurden wir für verrückt erklärt, es überhaupt zu versuchen.“

Der Volocopter soll ein Kurzstrecken-Transportmittel für Großstädte werden. Die ersten kommerziellen Punkt-zu-Punkt-Flüge planen sie in zwei bis drei Jahren. Im Volocopter haben zwei Menschen Platz, die Reichweite beträgt 27 Kilometer. Die Vision des Unternehmens klingt kühn: 100 000 Passagiere sollen pro Stunde von einem Landeplatz zum anderen fliegen können. Es soll sogenannte Volo-Hubs geben, die Gondelstationen ähneln, an denen alle 30 Sekunden Volocopter landen und starten können. Passagiere steigen geschützt vom Wetter aus. In einem abgegrenzten Bereich wechseln Roboter die Akkus automatisch. Schöne, neue Taxi-Welt.

Trotzdem ist es eine Zukunftswette mit vielen Unbekannten. Noch fehlen viele gesetzliche Regelungen in Deutschland (siehe Interview). Daran arbeiten derzeit die Luftfahrtbehörden. Vieles ist Vision. Aber es gibt auch schon ganz praktische Einsatzmöglichkeiten dieser neuartigen elektrischen Flieger.

Die Firma Quantum-Systems aus Gilching hat senkrecht startfähige Flugzeugdrohnen entwickelt. Armin Busse, 36, steht im Hofgarten neben seinen unbemannten Drohnen, die der Ministerpräsident vor ein paar Minuten begutachtet hat. Busse kümmert sich bei Quantum-Systems um die Finanzen. Er sagt: „Wir haben ein reales Produkt. Alle anderen hier forschen an der Zukunft.“

Die Gilchinger Elektrodrohnen haben drei Anwendungsbereiche, erklärt er. Erstens in der Land- und Forstwirtschaft, wo man von der Luft aus den Chlorophyllgehalt von Pflanzen messen oder den Borkenkäferbefall von Bäumen frühzeitig erkennen kann. Zweitens kann man Stromtrassen oder Pipelines aus der Luft überwachen. Bei Demos kann die Drohne außerdem mit ihrer Spezialkamera ganz genau messen, wie viele Menschen teilnehmen. Und drittens, erklärt Busse, könne man Überwachungsaufgaben übernehmen. „Am Mittelmeer oder an der bayerischen Grenze“, sagt er. Man sei bereits in Gesprächen mit bayerischen Politikern.

Plötzlich hört es sich hier hinter der Staatskanzlei nicht mehr an wie eine Vision aus dem Jahr 2048 an. Sondern wie Juli 2018. So schnell, man rechnet manchmal gar nicht damit, können sich Kreise schließen.

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