Das Fiat-Menetekel

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Italien und die Eurozone unter Schock Fiat wandert aus Italien aus.

Das klingt so irrwitzig, dass es sich kaum ins Deutsche übersetzen lässt. Das ist so, als verkünde BMW seinen Umzug nach Warschau. Oder die Deutsche Bank den nach London. Das ist ein Erdbeben, das Schockwellen durch Rom und Turin jagt. Und genau das war auch die Absicht von Konzernchef Sergio Marchionne. Weil anders als durch eine Schocktherapie die reformunfähige und vollauf mit sich selbst beschäftigte Politikerkaste Italiens nicht zur Vernunft zu bringen ist.

Das nationale Symbol Fiat steht stellvertretend für die beklagenswerte Lage der gesamten einst so dynamischen Industrie Norditaliens: Eine Agenda wie in Deutschland zur Senkung der Produktionskosten hat es nie gegeben, eine Arbeitsmarktreform, die ihren Namen verdient, ebensowenig. Spötter sagen, in Italien sei es leichter, sich von seiner Frau zu trennen als von einem Mitarbeiter. Im Autoland Deutschland haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf flexible Arbeitsmodelle geeinigt. Der Industriestandort Italien mit seinen übermächtigen, teils kommunistisch dominierten Gewerkschaften aber ist zu teuer und zu unflexibel, und seit das Land den Euro eingeführt hat, kann es seine Wettbewerbsfähigkeit auch nicht mehr wie früher durch die Abwertung der Lira zurückerlangen.

Weil der Euro die Ökonomien des gemeinsamen Währungsraums wie ein unsichtbares Band aneinander kettet, lässt der Fall Fiat auch in Brüssel die Alarmsirenen schrillen: Der Rückzug der Industrie-Ikone entlarvt die Beteuerungen der Rettungseuropäer, Italien und damit die Eurozone hätten die Intensivstation verlassen und seien auf dem Weg der Erholung, als Schönfärberei. Nichts ist gut in Europa, solange die Zentralbank alle Probleme unter einer Flut billigen Geldes begräbt und Politikern erlaubt, Reformen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu vertagen, während die Deindustrialisierung ungebremst voranschreitet.

Noch ist Fiats Flucht außer Landes nur ein Weckruf. Noch will Marchionne den Firmensitz und nicht die Werke ins Ausland verlagern. Überhören die Politiker in Rom und Brüssel diesen Schuss aber so geflissentlich wie alle bisherigen Warnungen, wird es dabei nicht mehr lange bleiben.

Georg Anastasiadis

Sie erreichen den Autor unter

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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