Festes Vertrauen in den kranken Kämmerer

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Jean-Louis Tauran,der neue päpstliche Camerlengo

PORTRÄT . Vatikan – Nachdem die Kardinäle am Abend des 13.

März 2013 den 266. Nachfolger des Apostel Petrus in der Sixtinischen Kapelle gewählt hatten, trat ein Mann auf die Mittelloggia des Petersdoms, der vielen wegen seiner Stimme im Gedächtnis bleiben sollte. Bei der Verkündung des „Habemus Papam“ kamen dem französischen Kardinal Jean-Louis Tauran die Worte nicht besonders geschmeidig über die Lippen. Über die scheinbar voller Aufregung vorgetragene Ankündigung, dass Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt worden sei und sich den Namen Franziskus gegeben habe, staunten viele Menschen: Wer sei denn dieser Franzose, der da oben vor aller Welt gestottert hatte.

Kardinal Tauran ist eine Vertrauensfigur für Papst Franziskus. Das ist nach seiner Ernennung zum Camerlengo, zum päpstlichen Kämmerer eindeutig. Denn niemandem kommt so viel Verantwortung zu, wenn der Stuhl Petri nach dem Tod oder dem Rücktritt des Papstes vakant wird wie dem Camerlengo. Er stellt den Tod des Papstes fest, nimmt ihm den Fischerring ab, er versiegelt die Papstwohnung, beruft das Konklave ein und verwaltet die Kirche während der Sedisvakanz. Er ist auch die zentrale Figur im Vatikan, wenn der Papst auf Reisen geht. Franziskus ersetzte den bisherigen Camerlengo Tarcisio Bertone (80) durch den 71 Jahre alten Tauran. Ein Richtungswechsel – Bertone, früher als Kardinalstaatssekretär unter Benedikt XVI, gilt in der Kurie als macht- und luxusbesessener Strippenzieher. Franziskus, der die Kirche einmal als „Feldlazarett nach einem Krieg“ bezeichnete, hat sich hingegen für einen Kranken entschieden.

Tauran, lange vatikanischer Diplomat und 13 Jahre lang im Staatssekretariat als eine Art vatikanischer Außenminister tätig, leidet an Parkinson. Auch deswegen missglückte ihm der große Auftritt vor der Weltöffentlichkeit 2013. Dennoch besetzt der 1943 in Bordeaux geborene Tauran seit langem hervorgehobene Positionen im Vatikan. Benedikt XVI. ernannte ihn zum Vorsitzenden des päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog und zum Leiter einer Kommission für Dialog mit dem Islam. In dieser Funktion musste Tauran nach Benedikts umstrittener Regensburger Rede die Wogen glätten. Vor seiner Priesterweihe im Jahr 1969 war der Franzose als Entwicklungshelfer im Libanon tätig. Die Kirche müsse an die „Ränder der Existenz“ gehen, hatte Franziskus zu Beginn seines Pontifikats gefordert.

Bergoglio gab sich als erster Papst den Namen des Heiligen Franz von Assisi. Der pflegte die Aussätzigen. Franziskus scheut nicht davor zurück, einem sichtbar Erkrankten die Zügel der Kirche in die Hand zu geben, wenn er eines Tages nicht mehr da ist. Julius Müller-Meiningen

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