Den Faden spinnen

+

Ashton trifft Mursi Der Besuch der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton beim inhaftierten ägyptischen Präsidenten ist ein echter Coup.

Die Tatsache, dass die de facto regierenden Militärs das öffentlichkeitswirksame Treffen überhaupt zuließen, kann als Indiz dafür gelten, dass sie die Folgen ihres Eingreifens unterschätzt haben und sich durch die Gewalt auf der Straße unter Druck gesetzt fühlen. Zu ihrem Ärger beharrt die EU auf einer Freilassung Mohammed Mursis, was den Gefangenen offenbar beeindruckt hat. Der ausführliche Meinungsaustausch, zu dem Mursi als bisher einzigen Besucher die EU-Repräsentantin empfing, macht sie auch den Muslimbrüdern als Ansprechpartnerin interessant.

Gesprächsstoff gibt es angesichts der Spirale von Gewalt und Gegengewalt am Nil wahrlich genug: Die Muslimbrüder verweisen, allen Fehlleistungen Mursis zum Trotz, durchaus berechtigt auf dessen demokratische Wahl, während die säkularen Kräfte ebenso nachvollziehbar argumentieren, ihre Rechte und Freiheiten seien in höchster Gefahr gewesen. Die Militärs wiederum wollen vor allen Dingen Ruhe auf den Straßen, um ihre weitverzweigten Wirtschaftsinteressen zu pflegen. Wenn es bei dieser divergierenden Interessenlage noch eine Chance für ein friedliches Miteinander am Nil geben sollte, dann kann sie nur im Dialog ausgelotet werden. Es ist an der EU, den Gesprächsfaden weiter zu spinnen.

Lorenz von Stackelberg

Sie erreichen den Autor unter

Lorenz.Stackelberg@ovb.net

Kommentare