100 TAGE SPD-VORSITZENDE NAHLES

Erstaunlich leise

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Mit flüchtiger Euphorie kennt sich die SPD aus: Was herrschte für ein Hype, als man Martin Schulz im vergangenen Jahr zum Merkel-Herausforderer kürte.

Die geschundene Parteiseele feierte den doch recht biederen Kandidaten wie einen Erlöser – das Ergebnis ist bekannt. Mit Andrea Nahles verhält es sich genau umgekehrt: Wer in den ersten 100 Tagen ein rhetorisches Feuerwerk der In-die-Fresse-Frau erwartet hatte, die vielen ohnehin als ewige vorlaute Juso-Chefin galt, sieht sich getäuscht. Nahles hat zunächst einmal andere Schwerpunkte.

Genau deshalb fällt eine erste Bilanz der neuen Parteivorsitzenden so schwer: Gewiss, in den Umfragen kommt die Partei nicht voran, alles deutet auf kräftige Wahlschlappen in Bayern und Hessen hin. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen könnte es 2019 noch bitterer werden. Doch Nahles legt ihren Kurs langfristig an: Der Erneuerungsprozess der Partei ist zunächst nach innen gerichtet, der Umgangston im Willy-Brandt-Haus scheint deutlich kooperativer als unter Sigmar Gabriel. Erste Früchte trug dies, als sich die SPD Anfang Juli unvermittelt einem Asyl-Kompromiss der Union gegenübersah – und sich entgegen üblicher Gepflogenheiten nicht selbst zerlegte, sondern geräuschlos Änderungen durchdrückte.

Zudem hat Nahles vergangene Woche im Interview mit unserer Zeitung eine wichtige Standortdebatte angestoßen: Die Imitation der Grünen helfe der SPD nicht weiter, sagt sie. Es folgte der übliche Shitstorm (auch von vielen Grünen) – aber im Kern hat Nahles damit genau den wunden Punkt getroffen. Gerade in Bayern gelingt es den behäbig wirkenden Genossen kaum noch, ein eigenes Profil zu entwickeln. Doch eine treffende Problemanalyse allein ist zu wenig. Nahles und auch der bislang blasse Vize-Kanzler Olaf Scholz müssen den Wählern erklären, in welche Richtung sie die Sozialdemokratie steuern. Ewig kann die Phase der Selbstfindung nicht dauern.

Mike Schier

Sie erreichen den Autor unter

Mike.Schier@ovb.net

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