DIE S1 IST SECHS WOCHEN GESPERRT UND DIE PENDLER HABEN TROTZDEM GUTE LAUNE – SZENEN EINES DENKWÜRDIGEN TAGES

Ersatzverkehr schlägt S-Bahn

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Unterschleißheim, kurz nach 8 Uhr. Alessio Post, 22, ist Pendel-Profi.

Am Montagmorgen steht er in Unterschleißheim am Bahnhof und schaut sich die Gaudi mit dem Schienenersatzverkehr (SEV) und der S1-Sperrung, weil Weichen und Gleise auf 33 Kilometern Länge erneuert werden müssen, ganz entspannt an. Denn der Mann, der an die Uni nach München muss, ist am Wochenende schon Probe gefahren. Er weiß genau, wo er jetzt hinlaufen muss. Man glaubt es kaum: 50 000 Pendler müssen heute umgeleitet werden – und alles läuft wie am Schnürchen. Zumindest hier in Unterschleißheim. Alessio Post nickt anerkennend mit dem Kopf.

An der SEV-Haltestelle stehen dutzende Pendler – und können ihr Glück kaum fassen. Eigentlich sollte hier ein 20-Minuten-Takt angeboten werden, aber die Busse fahren alle fünf Minuten ab. Ein paar Meter weiter starren die Kunden der regulären MVV-Busse ganz neidisch auf die Menschen im Schienenersatzverkehr. Verrückte Welt, plötzlich macht Ersatzverkehr Spaß. Aber es liegt auch an den vielen Enttäuschungen, die die Pendler auf dem Buckel haben. „Ich gehe vom Schlechtesten aus und freue mich, wenn’s besser läuft“, sagt Barbara Morgenroth, 57, die als Hauswirtschafterin in einem Kindergarten arbeitet. „Schaffe ich es in einer Dreiviertelstunde zur Donnersbergerbrücke, ist alles gut.“

Viele Helfer in orangefarbenen Westen sind an diesem Tag im Einsatz. Ein Bahn-Mitarbeiter erklärt Kunden die Ersatz-Fahrpläne. Spätgekommenen stoppt er schon mal den Bus. Bei dem einen oder anderen Pendler scheint es sogar, als hätte er den Schienenersatzverkehr kaum abwarten können.

Freising – 90 statt 45 Minuten Fahrtzeit

Eine junge Frau aus Moosburg steht in Freising am Bahnhof. 45 Minuten benötigt sie bis zu ihrer Arbeitsstelle, erzählt sie. In den kommenden sechs Wochen werden es 90 Minuten sein. Das ist heute ihre Route: Ankunft am Freisinger Bahnhof, dann mit der S-Bahn zum Besucherpark am Flughafen, dort in eine andere S-Bahn umsteigen und mit der weiter nach München. Sie sagt: „Freilich könnte ich mit dem Auto fahren. Aber dann für neun Stunden ein Parkticket zu zahlen – das ist mir zu teuer.“

Das befürchtete Kuddelmuddel wegen der Gleissperrung zwischen Neufahrn und Feldmoching bleibt in Freising an diesem Morgen aus. Natürlich: Alles dauert etwas länger. „Aber das spielt sich ein“, sagt ein Einweiser, der die Pendler zum SEV schickt. Vier Stunden lang sind die Helfer geschult worden, „dann drei Stunden Schlaf und gleich eine volle Zwölf-Stunden-Schicht“, erzählt einer. Und trotzdem ist er freundlich: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Christoph Hübner, 28, muss man nicht helfen. Er steht zwar auch am Bahnsteig, hat aber kein Problem. Denn er muss nach Moosburg. Und in diese Richtung verkehren alle Züge von Freising aus ganz normal.

Feldmoching – mit dem SEV zum Flieger

Antje Hänig, 44, und Jens Knispel, 42, stehen am Bahnhof Feldmoching. Wo hält denn nun dieser Bus, der sie und ihre beiden Kinder zum Flughafen bringen soll? Sie schauen sich um und schon nimmt sie ein Mitarbeiter mit Warnweste in Empfang. „Freising oder Flughafen?“ , fragt er – und lotst sie in Richtung SEV. „Wenn man nicht aus München kommt und sich nicht auskennt, ist so eine Sperrung natürlich schwierig“, sagt Antje Hänig, die in Sachsen wohnt, aber mit der Familie eine Nacht in der Nähe von Feldmoching übernachtet hat. Heute noch geht ihr Flieger nach Rhodos, vorher müssen sie sich zum Flughafen durchkämpfen. „Mit der Beschilderung sind wir nicht gleich zurechtgekommen“, sagt Jens Knispel, „aber man kann ja mit den Leuten sprechen.“ Auch in Feldmoching gilt: viele Pendler, kaum Probleme.

Die Pendler im Internet freuen sich

Unter S1-Pendlern, die im Internet unterwegs sind, macht sich nach dem ersten Wochentag mit Ersatzverkehr vorsichtiger Optimismus breit. Doris Engel hat in der Facebook-Gruppe „Meine S1 kommt nicht“ die halb ernste These aufgestellt: „Vielleicht funktioniert ja alles wider Erwarten so gut mit dem SEV, dass wir ihn für immer behalten wollen.“ Während einige das für Galgenhumor halten, sind andere erfreut, wie reibungslos es klappt. „War heute Früh angenehm überrascht: Busse in Feldmoching inklusive Servicepersonal standen bereit und (waren) angenehm gekühlt“, schreibt Sibylle Gänsdorfer. Tony Cross schreibt: „Interessanterweise fährt die S-Bahn in die Stadt auch früher. Finde ich mal gut.“

Ein Problem sieht Edmund Lauterbach: Auf Twitter merkt er an, dass die Busse „in Zeiten mit wenig Verkehr nicht schneller als der Fahrplan fahren sollen“. Auch das gehört zu diesem Montag: Pendler beschweren sich, dass es zu schnell geht. Und die Ersatzpläne aus dem Takt geraten.

Ein Anruf bei der Autobahndirektion

Um herauszufinden, ob sich der Ersatzverkehr auf den Autobahnen bemerkbar macht, muss Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern die Kollegen an den Messstellen fragen. Die registrierten am Montag auf der A 92 tatsächlich etwas mehr Verkehr als an einem gewöhnlichen Ferientag. „Einige Pendler sind offenbar aufs Auto umgestiegen“, sagt Seebacher. Die Autobahndirektion hat mit Blick auf die S1 wortwörtlich vorgebaut: „Wir haben die A 92-Baustelle beschleunigt, damit es für die Pendler besser läuft.“

Der Morgen am Hauptbahnhof

Mit Warnweste steht Qadir Khan Rasuli im Zwischengeschoss. In der Hand hält er einen Stapel Fahrpläne. Fast ununterbrochen kommen Reisende auf den Mitarbeiter der DB-Information zu. „Bei den meisten geht es gar nicht um die betroffenen Strecken. Viele wollen Infos zu anderen Linien oder zur Stadt“, sagt er. Obwohl Rasuli gut beschäftigt ist, bleibt er gelassen. „Es ist nicht besonders chaotisch heute“, sagt er.

Mit Kopfhörern im Ohr und einem großen Reisekoffer neben sich sitzt Fabienne Moritz, 19, auf dem Boden des Bahnsteigs. Vom Münchner Flughafen aus geht es für die Österreicherin nach Island. „Ich habe mir wegen der Bauarbeiten keine Gedanken gemacht“, sagt sie. Da ihr die letzte S-Bahn Richtung Flughafen zu voll gewesen sei, wartet sie auf den nächsten Zug: „Ich bin sowieso ein paar Stunden zu früh dran.“

Man kann es nicht anders sagen: Dieser Tag scheint ein S-Bahn-Märchen zu sein. Viele Pendler gut gelaunt, viele entspannt. Diesen Tag sollte man sich im Kalender rot markieren. So einer wird so schnell nicht mehr kommen. A. Beschorner, A. Sachse, K. Brack & M. Neumann

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare