Der ermordete Kreml-Ketzer lebt

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Was amüsiert sie so? Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko (li.) unterhält sich mit dem russischen Journalisten Arkadi Babtschenko. Foto: dpa

Wundersame Auferstehung in Kiew: Der russische Journalist Arkadi Babtschenko ist als Mordopfer weltweit betrauert worden. Doch der Anschlag war nur eine Show in einem viel größeren Ringen.

Verwirrspiel in der Ukraine

Von Boris Reitschuster

Kiew – Auf die Nachricht von seinem Ableben reagierte Arkadij Babtschenko auf die ihm eigene Art – mit einer Provokation. „Ihr könnt mich mal! Ihr werdet mein Ableben nicht erleben! Ich habe versprochen, dass ich mit 96 Jahren sterbe und ein Selfie auf einem amerikanischen Panzer auf der Twerskaja-Straße mache“ – der zentralen Straße Moskaus: Mit diesen Worten meldete sich der 1977 in Moskau geborene Journalist auf Facebook zurück, nachdem ihn die Welt einen Tag lang für tot gehalten hat.

Mit der Meldung von der angeblichen Ermordung des Kremlkritikers sorgte der ukrainische Geheimdienst SBU für massive Verwirrung. Seinen Angaben zufolge haben Unbekannte einen Auftragskiller auf den 41-Jährigen angesetzt. Der SBU habe dann Wind von den Plänen bekommen. Um die Hintermänner dingfest zu machen, habe man so tun müssen, als sei Babtschenko wirklich ermordet worden; andernfalls wären die Auftraggeber nicht aus der Deckung gekommen, so die Version des SBU, der den russischen Geheimdienst für die Mordpläne verantwortlich macht.

Der Fall Babtschenko ist beispiellos. Und hat heftige Diskussionen ausgelöst. „Dieser fahrlässige Umgang mit der Wahrheit ist unverzeihlich und ein geschmackloses Spiel mit der Glaubwürdigkeit der Medien“, kommentierte Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich in einer Pressemitteilung unter der Überschrift „Babtschenkos Lüge“.

Verteidiger des Kreml-Kritikers sehen das anders. Die Inszenierung habe Babtschenkos Sicherheit und der Aufklärung der Tat gedient, mahnt der Journalist Roman Dobrochotow. Die Falschmeldung sei auch notwendig gewesen, um weitere Taten der Auftraggeber zu verhindern; bereits mehrfach wurden in der Ukraine Kremlkritiker Ziel von Mordanschlägen.

Babtschenko reagierte auf die Diskussion auf seine Art. „Ich wollte hier eine Meldung schreiben zu all den Hütern der Moral, die unzufrieden sind, weil es ihrer Meinung nach ein Fehler von mir war, nicht zu sterben. Aber es geht mir am Arsch vorbei“, schrieb er auf Facebook.

Babtschenko entschuldigte sich bei seiner Frau und seinen Freunden für alles, was sie durchmachen mussten. Und er deutete an, wie schwer der letzte Monat, in dem er von den Mordplänen wusste, für ihn selbst war: „Mein Gott, wie wunderbar ist dass, dass ich jetzt keine Zielscheibe mehr bin. Dass ich jetzt genau weiß – für dieses Mal ist es aus. Schluss. Ich werde nicht erschossen.“

Babtschenko lebt nach seinen Erfahrungen in den beiden Tschetschenien-Kriegen nach seinen eigenen Worten „in einer Parallelwelt“. Der 41-jährige kann einem im Gespräch minutenlang schweigend gegenübersitzen und ins Leere starren.

Mit seiner Kritik am Kreml geht Babtschenko so weit wie nur wenige seiner Kollegen in Russland. Putin bezeichnet er als „Mafia-Paten“, spricht von einer „Verbrecherbande, die den Kreml besetzt hat.“ Er kritisiert den russischen Angriff auf die Ukraine und das Eingreifen in Syrien massiv.

Und er provoziert wie kein anderer. Putin-Sprecher Dmitrij Peskow kommentierte schon mal empört eine Meldung von ihm als „Wahnsinn“. Die kremltreuen russischen Medien bauten Babtschenko massiv zum Feindbild auf. Im Februar 2017 verließ der gebürtige Moskauer seine Heimat, weil er sich dort nicht mehr sicher fühlte. Die Hetze gegen ihn ging weiter. In Russland wurde ein Computerspiel ins Internet gestellt, bei dem es darum geht, ihn zu schlagen oder zu töten

Babtschenko, der auf Facebook 190 000 und auf Twitter 162 000 Abonennten hat, „wurde zu einer der wichtigsten Hassfiguren im System Putin, weil er deren neuen, fast religiösen Kult, in dem sich alles um Militär, den Sieg über Hitler, den ,nationalen Führer’ und die ,russische Welt’ dreht, wie kaum ein anderer in Frage stellt, ja verspottet“, glaubt der russische Soziologe Igor Eidman: „Babtschenko ist Ketzer Nummer eins. Ich halte es deshalb durchaus für realistisch, dass es einen Mordplan gegen ihn gab – das würde in die Logik des Systems passen.“

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