Enttäuscht und entfremdet

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Zum Abwinken: Horst Seehofer bei einem seiner letzten Auftritte als Ministerpräsident. DPA

Im Herbst seiner Amtszeit hat sich Horst Seehofer von der Landespolitik total entfremdet. Er wartet ab, bis es zu Ende ist und er nach Berlin wechseln kann. Dem Landtag bleibt er fern. Was ist passiert?

Seehofer und der Landtag 

von Sebastian Dorn und Christian Deutschländer

München – Aus einem kurzen Grußwort wird eine Laudatio auf den Hausherrn. Eigentlich wollte Horst Seehofer dem Konsularischen Korps beim traditionellen Empfang in der Staatskanzlei Danke sagen, aber auf einmal dreht sich alles um ihn. Der britische Generalkonsul doziert über Seehofers Erfolge: wie er in der Flüchtlingsfrage hart blieb, wie Bayern zum Topstandort wurde. „Und zwischendurch haben Sie wieder die absolute Mehrheit in Bayern gewonnen.“ Seehofer sitzt im Publikum und hört zu, stützt sein Kinn mit der linken Hand und nickt zufrieden. Solche Momente der völligen Anerkennung sind selten geworden.

Er gibt ein zwiespältiges Bild ab auf den letzten Metern als Ministerpräsident. Zufrieden lächelnd wie bei den Diplomaten sieht man ihn nicht oft. Eigentlich sieht man ihn eh fast nie mehr, jedenfalls nicht im Landtag. Wegen einer schweren Erkältung tauchte er nach den Koalitionsverhandlungen in Berlin eine Woche komplett ab, nun ist er wieder in München, aber irgendwie auch nicht. Mit Schniefnase und ein paar Hustern wirkt er grummelig und grantig, von der Landespolitik will er offenbar nichts mehr wissen.

Das ist neu. Früher war Seehofer ein Vorzeige-Parlamentarier – immer am Platz, auch wenn die Opposition sprach, aufmerksam, nie von Akten oder Handy abgelenkt. Jetzt bleibt er fern. Am 12. Oktober, vor viereinhalb Monaten, habe er zuletzt den Plenarsaal betreten, rekonstruiert der „BR“ aus seinem Bildarchiv. Im Dezember sah man ihn kurz auf einer Feier. „Es steht ja nichts Wichtiges an“, sagt er.

Nun ja, gestern die Verabschiedung des Nachtragshaushalts, ein Milliardenpaket. Im Landtag sind einige irritiert. Sein letzter Haushalt, staunt Ex-CSU-Chef Erwin Huber, das „wäre für den Ministerpräsidenten ein Anlass gewesen, diesen Akt mit Stolz und Freude persönlich zu begleiten. So etwas sollte man sich nicht entgehen lassen.“

Seehofer kontert, vor seinem Wechsel ins Bundeskabinett habe er „noch mehr zu tun, komischerweise“. Er gehe nicht „zum Zeitvertreib“ hin. Logisch, dass es jetzt Priorität hat, den Ministeriumszuschnitt in Berlin gut zu verhandeln, sich von den Kollegen im Kabinett ja nicht aufs Kreuz legen zu lassen. Als Alleinargument zählt das aber nicht, denn für repräsentative Termine wie den Empfang eines Augsburger Ehrenordens hat er ausführlich Zeit, für heute Mittag schiebt er sogar spontan eine Gesprächsrunde im Münchner Presseclub ein. Auch elf Verdienstorden will er vormittags persönlich übergeben. Die wahren Gründe liegen tiefer: Seehofer hat mit seiner CSU-Landtagsfraktion gebrochen. So sehr, dass er sie nicht mehr sehen mag. „Er kapselt sich komplett ab, zurück ins Schneckenhaus“, sagt einer, der früher endlose Abende lang mit dem Parteichef zusammensaß. „Da paart sich Wehmut mit Enttäuschung.“

Seehofer trägt den Abgeordneten nach, wie ungeduldig viele von ihnen auf den Wechsel hinarbeiteten. Auch während er wehrlos in Berlin in den Sondierungen saß. Markus Söders Getreue vermuteten, Seehofer wolle nie im Leben den Weg frei machen. Seehofer hält sie seinerseits für „Pyjama-Strategen“ – Kleingeister, die keinen Blick dafür haben, was er für Bayern und Deutschland mit Härte rausgeholt hat. Undank warf er ihnen neulich vor. Es ist ja auch kurios, wenn einem die Kanzlerin in nächtlichen Verhandlungen mit Ehrfurcht begegnet, in München aber jeder Hinterbänkler seinen Rücktritt verlangen kann.

„So was geht an niemandem spurlos vorbei“, sagt einer, der den Ingolstädter seit drei Jahrzehnten kennt. Jetzt bricht wieder auf, was vor seiner Ministerpräsidenten-Zeit war: Da hielt er die Landespolitik für Regionalliga. Und sie ihn für einen Sonderling aus Berlin, der zwar Hallen füllen kann – aber doch gern auch wieder abreisen darf.

Zwei Wochen sind es wohl noch, in der die Landespolitik apathisch zwischen alter und neuer Regierung hängt. „Minister-Mikado“, sagen sie im Landtag dazu, ja keine falsche Bewegung machen, die Söder oder Seehofer verärgert. Am 14. März, wenn in Berlin voraussichtlich Kanzlerwahl ist und er im Bundeskabinett vereidigt wird, muss Seehofer formal zurücktreten. Schriftlich soll’s erfolgen, ein Wechsel „mit Anstand und Würde“, sagt er.

Am Montag will er dem Parteivorstand endlich mitteilen, wie er den Rückzug zeitlich genau plant. Vielleicht ist Söders Wahl bei einer Sondersitzung am oder um den 19. März. Seehofer nahestehende Parteifreunde raten sehr, er möge dann selbst ein letztes Mal in den Plenarsaal kommen. Es wird ihn viel Überwindung kosten.

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