Das Ende der Mission Menschlichkeit

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Die Hilfsorganisation Sea-Eye aus Regensburg hat seit 2016 bei der Rettung von 14 000 Flüchtlingen auf dem Mittelmeer geholfen. Doch die zivile Seenotrettung vor Libyens Küste ist politisch nicht mehr erwünscht. Unsere Autorin war an Bord der „Seefuchs“. Das Schiff musste am Donnerstag seine Mission abbrechen – weil ihm die Flagge aberkannt wurde.

Seenotretter im Mittelmeer

von Katrin Woitsch

Regensburg/Tripolis – Das Meer ist so ruhig wie seit Tagen nicht. Die Abendsonne glitzert auf der Oberfläche. Es sieht wunderschön aus. Gar nicht nach dem, was es ist: Europas größtes Massengrab. An der Reling steht ein Mann, der in den vergangenen Jahren unzählbar viele Stunden damit verbracht hat, auf dieses Grab zu schauen. Er weiß, dass in dieser Nacht etwa 30 Seemeilen entfernt Schlauchboote starten werden. Boote, die keine Chance haben, jemals irgendwo anzukommen. Viele von ihnen geraten schon in Seenot, wenn die libysche Küste gerade außer Sichtweite ist.

Wegen dieser Boote hat Sampo Widmann, 75, vor einer Woche zu Hause in Starnberg eine Tasche gepackt und ist in ein Flugzeug Richtung Malta gestiegen. Genau wie zwölf andere Menschen aus ganz Deutschland. Studenten, Rentner, Ärzte, ein Ingenieur, eine Sozialpädagogin, ein Konditor, ein Taxifahrer, ein Architekt. Sie hatten wenige Tage, um eine Crew zu werden. Um zu lernen, wie man ein Rettungsboot steuert oder ein Funkgerät bedient. Die einzige Gemeinsamkeit, die sie mit an Bord der „Seefuchs“ gebracht haben: den Wunsch, etwas gegen das Sterben vor der Grenze Europas zu tun.

Vor sechs Tagen hat der umgebaute, 60 Jahre alte Fischkutter in Malta abgelegt und ist Richtung Libyen gestartet, um dort in den internationalen Gewässern nach Flüchtlingsbooten Ausschau zu halten. Es ist die erste Nacht, in der die Schlauchboote mit ihren 40-PS-Motoren gegen den Wind ankommen könnten. Doch statt die Menschen vor dem Ertrinken zu retten, müssen Kapitän Sampo Widmann und seine Crew so schnell wie möglich in die falsche Richtung davonfahren. Ihre Mission der Menschlichkeit ist gescheitert, bevor sie beginnen konnte.

Der Anruf aus Deutschland erreicht die „Seefuchs“ kurz vor Mitternacht. Sampo Widmann steht auf der Brücke, in der Hand hält er den Hörer des Satellitentelefons – und ist sprachlos. Die Nachricht, die er gerade von einem Vorstand der Organisation überbracht bekommt, ist schwer zu glauben. Die „Seefuchs“ hat ihre Flagge aberkannt bekommen. Sie treibt jetzt staatenlos vor der libyschen Küste – und hat damit die Voraussetzung verloren, wieder in einen Hafen einfahren zu dürfen. Im schlimmsten Fall könnte sie sogar beschlagnahmt und die Crew verhaftet werden. Widmann muss versuchen, das Schiff so schnell wie möglich nach Malta zurückzubringen, bevor bekannt wird, was passiert ist. Und obwohl das Rettungsschiff hier gerade dringend gebraucht wird.

Die beiden Schiffe der Organisation Sea-Eye fahren unter niederländischer Flagge. Weil es in Deutschland nicht möglich ist, einen alten Fischkutter in ein sogenanntes pleasure boat umzuwandeln. Die Sea-Eye-Schiffe sind weder offizielle Rettungs- noch Arbeitsschiffe. Dafür fehlt die Ausrüstung, denn die Organisation finanziert sich ausschließlich über Spenden. Doch ohne Flagge ist keine Mission möglich. „Das ist, wie wenn einem während der Fahrt ein Autoreifen abmontiert wird“, sagt Widmann. „Und das nur, weil jemandem nicht gefällt, was man tut.“

Europa hat noch nie gefallen, was die Hilfsorganisationen vor der libyschen Küste tun. Den Vorwurf, sie würden mit den Schlepperbanden zusammenarbeiten, in dem sie die Flüchtlinge von den überfüllten Booten retten, müssen sie sich seit Jahren anhören. Obwohl auch die Marineschiffe und die italienische Küstenwache Migranten aus Seenot retten und nach Europa bringen.

Mit der Wahl der rechtsnationalen Lega in Italien hat sich die Stimmung gegen die Hilfsorganisationen nun aber noch einmal radikal verschärft. Italiens neuer Innenminister Matteo Salvini fährt einen harten Kurs in der Kraftprobe mit Europa – und nutzt die Tage vor dem EU-Gipfel an diesem Wochenende, um zu zeigen, dass er ernst machen will. Er kündigte den Hilfsorganisationen an, dass sie Italiens Häfen nicht mehr anlaufen dürfen.

Erst vergangene Woche kreuzte das Rettungsschiff „Aquarius“ der Hilfsorganisation SOS Mediterranée mit mehr als 600 Flüchtlingen tagelang im Mittelmeer, weil sich Italien und Malta weigerten, ihre Häfen zu öffnen. Während sich die EU-Staaten um die Zuständigkeit für die Flüchtlinge stritten, gingen an Bord die Lebensmittel für die Menschen aus. Die „Aquarius“ musste schließlich 1500 Kilometer ins spanische Valencia fahren.

In einer ähnlichen Situation ist nun die „Lifeline“, das Schiff einer gleichnamigen Hilfsorganisation aus Dresden. Es hat seit Tagen mehr als 220 Flüchtlinge an Bord, Italien und Malta haben ihre Häfen geschlossen. Salvini bezeichnete die Migranten als „Ladung Menschenfleisch“.

Von diesem Satz weiß Sampo Widmann nichts, als er versucht, die „Seefuchs“ ohne Flagge nach Malta zu bringen. Aber über Funk bekommt er mit, in welcher Situation die „Lifeline“ gerade ist. Und er weiß, dass nun kein einziges Rettungsschiff mehr im Mittelmeer patrouilliert. Für die Menschen, die in diesen Tagen in Libyen in Schlauchboote steigen, bedeutet das, dass sie keine Chance haben. Entweder sie ertrinken – oder sie werden von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und zurück in die Flüchtlingslager gebracht, aus denen sie fliehen wollten.

Die „Seefuchs“ braucht 30 Stunden für die Fahrt zurück nach Malta. 30 Stunden sind eine lange Zeit, um darüber nachzudenken, wie viele Menschen noch auf dem Mittelmeer sterben werden. Maike Jäger steht an Deck, sieht zu, wie die Wellen gegen das Schiff schlagen – und könnte schreien vor Wut. Die 24-Jährige aus München ist angehende Ärztin. Sie ist auf die Mission mitgefahren, weil sie den Gedanken, dass täglich Menschen ertrinken und keiner etwas dagegen unternimmt, nicht mehr ertragen konnte. Jetzt weiß sie nicht, wie sie es ertragen soll, hier zu sein, die Möglichkeit zu haben, zu helfen – aber nichts tun zu dürfen.

Vor zwei Tagen, als sie auch hier an der Reling stand und auf das Meer sah, trieb eine Rettungsweste vorbei. Wer sie getragen hatte und ob dieser Mensch überlebt hat, wird niemals jemand erfahren. Wie so viele Lebensgeschichten, die hier auf dem Mittelmeer zu Ende gegangen sind. Seit Tagen denkt Maike Jäger über ein und dieselbe Frage nach: „Würde Europa bei diesem Sterben auch tatenlos zusehen, wenn die Menschen auf den Schlauchbooten weiß wären?“

In der Nacht kommt die „Seefuchs“ in Malta an und wird in den Hafen gelassen. Wie es weitergeht, ob die nächsten Missionen starten werden, ob die Organisation einen Staat findet, der sich hinter sie stellt und ihr eine Flagge gibt, weiß aktuell niemand. Genauso unsicher ist, wie lange die „Lifeline“ noch mit den Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer treiben muss.

Die Hilfsorganisationen haben sich inzwischen zusammengeschlossen und ein Krisen-Team gegründet. „Wir müssen diese Situation als Chance sehen, uns zu professionalisieren“, sagt Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler. An ein Ende der Missionen auf dem Mittelmeer glaubt er nicht. Zu Zeiten, in denen Menschen als Ladung Fleisch bezeichnet werden, sei es wichtiger denn je, für mehr Menschlichkeit zu kämpfen, sagt er. Die Regensburger Organisation will so bald wie möglich wieder zurück vor die Küste Libyens, „das hat nun Priorität“. Dort sind in den vergangenen drei Tagen 220 Menschen ertrunken – keiner war dort, um sie zu retten.

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