„Eiskalt geplantes Verbrechen“

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Bernd Posselt

5 Fragen aN. Die Familie von Bernd Posselt, 59, wurde im Herbst 1946 aus Gablonz in Nordböhmen vertrieben, wo sie 800 Jahre gelebt hatte.

Innerhalb weniger Stunden mussten alle Posselts ihre Wohnung besenrein hinterlassen, die Schlüssel nummerieren, den Schmuck in eine Tonne werfen. Sie wurden in Viehwaggons gepfercht – die Familie landete in Würzburg. „Und das über ein Jahr nach Kriegsende“, sagt Posselt: „Das war kein spontaner Racheakt, sondern ein eiskalt geplantes Nachkriegsverbrechen.“ An Pfingsten findet in Nürnberg der Sudetendeutsche Tag statt, Posselt ist der Sprecher der Volksgruppe.

Zum Sudetendeutschen Tag schickt Tschechien erstmals einen Minister. Was ist das für ein Signal?

Ein Durchbruch in den bayerisch-tschechischen Beziehungen und ein großer Erfolg unserer gemeinsamen Verständigungsarbeit mit Horst Seehofer. Je besser sich Bayern und Tschechen verstehen, desto besser für uns Sudetendeutsche.

Wird es Protest von Unversöhnten geben?

99 Prozent sind absolut verständigungsbereit mit dem tschechischen Volk. Wir streiten über den Weg zur Verständigung, aber grundsätzlich ist sie unumstritten. Es gibt einen winzigen Bodensatz, der die Verständigung an sich ablehnt.

Arbeitet Tschechien die Übergriffe auf Sudetendeutsche ordentlich auf?

Der Prozess ist in Gang gekommen, aber er steht noch ganz am Anfang. Die Verständigungsbereiten sind in allen wichtigen Parteien in der Mehrzahl. Aber wer den Kurs geht, muss immer noch damit rechnen, attackiert zu werden.

Wie zum Beispiel?

Die Stadt Brünn hat letztes Jahr den eindrucksvollen Lebensmarsch zur Erinnerung an den Brünner Todesmarsch veranstaltet. Das wird heuer fortgesetzt. Extremisten demonstrieren zwar dagegen, aber so ist das eben in einer Demokratie. Leider tun sich Nationalisten dies- und jenseits der Grenzen zusammen. Der frühere tschechische Präsident Václav Klaus, zutiefst anti-sudetendeutsch, wurde beim AfD-Parteitag wie ein Popstar bejubelt.

Ist die Situation der Flüchtlinge heute mit der von damals vergleichbar?

Ein Mensch, der gewaltsam aus seiner Heimat verjagt wird, ist ein Opfer – egal, was die Gründe sind. Aus Syrien werden heute die meisten vertrieben, weil sie anders sind, als die Machthaber das wollen. Die Sudetendeutschen wurden verjagt, weil sie eine andere Sprache hatten. Freilich: Damals kamen christliche, deutschsprachige Mitteleuropäer zu ihresgleichen. Trotzdem war es nicht einfach.

Interview: Carina Zimniok

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