Einwanderungsrepublik Deutschland

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Über viele Jahre gingen die Einwandererzahlen zurück. Das ist vorbei. Deutschland zieht viele Ausländer an und profiliert sich auch international als Zuwanderungsland. Braucht die Republik nun ein Einwanderungsgesetz?

Migrationsbericht

Über viele Jahre gingen die Einwandererzahlen zurück. Das ist vorbei. Deutschland zieht viele Ausländer an und profiliert sich auch international als Zuwanderungsland. Braucht die Republik nun ein Einwanderungsgesetz?

Von Ira Schaible und Christiane Jacke

Wiesbaden – Deutschland erlebt die höchste Zuwanderung seit mehr als 20 Jahren. Die Republik, deren Gesellschaft altert und der die Fachkräfte ausgehen, ist auf Einwanderer angewiesen. Doch das Thema sorgt für Aufregung: Das zeigen der Streit über ein Einwanderungsgesetz und die Demonstrationen der islamkritischen Pegida und ihrer Gegner.

-Wie viele Zuwanderer kamen 2014 nach Deutschland?

Für das vergangene Jahr gibt es bislang nur eine Schätzung. Die Zahl derer, die kamen, überstieg deutlich die Zahl jener, die das Land verließen: Ein Plus von mindestens 470 000 Menschen – so einen hohen Wert gab es zuletzt Anfang der 90er Jahre. 2009 hatte Deutschland noch ein Minus verbucht. Die Zahlen gehen aber seit einiger Zeit wieder nach oben. 2013 kamen laut Migrationsbericht der Regierung 1,2 Millionen Zuwanderer ins Land, rund 800 000 verließen die Republik. Das macht ebenfalls ein sattes Plus wie zuletzt in den 90er Jahren. Inzwischen ist Deutschland aber auch international vorne – und unter den Industriestaaten das gefragteste Zuwanderungsland hinter den USA.

-Woher kommen die Zuwanderer und warum zieht es sie nach Deutschland?

   „Die hohe Zuwanderung ist Ausdruck der Krise in Europa“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung. Länder wie Spanien, Italien, Portugal und Griechenland, die früher etwa 80 Prozent der Zuwanderung absorbiert hätten, seien in der Krise nicht so gefragt. Stattdessen zieht es viele – gerade junge und gut ausgebildete Leute aus der EU – nach Deutschland. Viele bleiben aber nur so lange, bis sich die Situation in ihrer Heimat verbessert hat, wie Franziska Woellert vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung sagt. Hauptherkunftsländer waren Polen, Rumänien, Italien und Bulgarien, gefolgt von Ungarn, Spanien und Griechenland. Gestiegen ist aber auch die Zuwanderung aus Drittstaaten, vor allem aus den von Konfliktregionen Syrien, Eritrea und Irak. Der starke Anstieg der Asylbewerberzahlen schlägt sich hier nieder.

-Die Große Koalition streitet derzeit über ein Einwanderungsgesetz. Was spricht aus Sicht von Fachleuten dafür?

Bei der Forderung nach einem Einwanderungsgesetz hat sich eine ungewohnte Koalition gebildet: Da stehen SPD, Grüne und Gewerkschaften in einer Reihe mit FDP und AfD. Arbeitsmarktforscher Brücker findet die Idee vernünftig. Die Zuwanderung aus den EU-Staaten werde in den kommenden Jahren deutlich abnehmen. Deutschland brauche dann mehr Zuwanderer aus Drittstaaten. Bei den Einwanderern aus diesen Ländern funktionierten aber – anders als bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU – die Steuerungsmechanismen nicht. Der Arbeitsmarkt müsse daher zumindest für mittlere Qualifikationen – Facharbeiter, abgeschlossene Berufsausbildung – geöffnet werden.

- Was spricht nach Expertenmeinung gegen ein Einwanderungsgesetz?

Der große Teil von CDU und CSU hält ein neues Gesetz für überflüssig. Auch nach Ansicht von Forscherin Woellert reichen die bestehenden gesetzlichen Regelungen aus. Die Bestimmungen würden aber zu wenig umgesetzt, meint sie.

- Wie steht es mit den Ängsten vor einer angeblichen Überfremdung und Islamisierung, wie sie die Pegida-Bewegung äußert?

Die meisten Zuwanderer kommen aus christlich geprägten EU-Staaten. Die Zahl der Muslime unter ihnen ist nach offiziellen Angaben gering. In der Bundesrepublik leben rund vier Millionen Muslime, das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Verschiedenen Studien zufolge bringt Migration vor allem positive Effekte: Es kommen viele gut ausgebildete Leute ins Land, die die Staatskasse füllen. Woellert meint, die Angst vor Überfremdung in Deutschland sei offensichtlich dort besonders groß, wo die Arbeitsmarktlage schlecht sei und die Berührungspunkte mit Ausländern sehr gering. „Man kann nur vor etwas Angst haben, was man nicht wirklich kennt.“,

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