Eine lebenslange Wunde

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Bewegende Rede am Gedenktag für Vertreibungsopfer: Asma Abubaker Ali ist aus Somalia nach Deutschland geflohen und hat dabei grauenvolle Szenen erleben müssen. jensen/dpa

Vertriebene von damals und Flüchtlinge von heute sitzen beim ersten Gedenktag für Vertreibungsopfer nebeneinander. Der Bundespräsident schlägt eine Brücke. Eine Geschichte von Trauma und Neuanfang.

gedenktag für die Opfer von flucht und vertreibung

Vertriebene von damals und Flüchtlinge von heute sitzen beim ersten Gedenktag für Vertreibungsopfer nebeneinander. Der Bundespräsident schlägt eine Brücke. Eine Geschichte von Trauma und Neuanfang.

Von Kristina Dunz

Berlin – Es laufen Tränen. Gleich am Anfang. Das deutsch-polnische Jugendorchester aus Frankfurt an der Oder spielt in dieser Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung John Williams wohl berühmtestes und so trauriges Musikstück aus dem Film „Schindlers Liste“. Im Innenhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin mit dem großen gläsernen Dach sitzen alte Menschen, die vor sieben Jahrzehnten aus Ostpreußen, Schlesien oder Pommern vertrieben wurden. Und junge Familien, die jüngst aus Syrien, Somalia oder Kaukasien geflohen sind. Sie eint: Entwurzelung, Heimweh, Traumatisierung, Verlust – und ein Neuanfang.

In der hintersten Reihe sitzen die Cousins Mohammad und Nadar, elf und sieben Jahre alt. Sie strahlen. Seit acht Monaten sind sie in Berlin und stellen stolz unter Beweis, dass sie schon recht gut Deutsch verstehen. Auch wenn sie die Bedeutung dieses ersten bundesweiten Gedenktages nicht ermessen können – sie spüren, dass es etwas Großes sein muss. Als Bundespräsident Joachim Gauck und Innenminister Thomas de Maizière den Festsaal betreten, springen sie mit anderen auf. Und kichern leise. In diesem Moment mögen sie vergessen, was sie erlebt haben. In ihrer Heimatstadt Homs im zerstörten Syrien.

Asma Abubaker Ali, eine junge Frau aus Somalia, den Kopf in ein purpurrotes Tuch gehüllt, schildert, wie sie 2012 mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Leichen hat sie auf dem langen Weg durch Afrika gesehen, und verletzte Soldaten. Die Ankunft im sicheren Hannover war ein Glück für ihr Leben, sagt sie. Sie spricht inzwischen perfekt Deutsch, ihre Brüder studieren schon, sie hofft noch auf einen Platz für Medizin. Das ist auch ihr Schlusswort: Hoffnung.

Edith Kiesewetter-Giese ist vor rund 70 Jahren aus dem Sudetenland vertrieben worden. „Ich hatte Angst, erschlagen oder erschossen zu werden“, erzählt sie vor den mehreren hundert geladenen Gästen. Durch das Glasdach scheint an diesem bis dahin regnerischen Tag in Berlin plötzlich die Sonne. Sie war gerade erst zehn Jahre alt, als sie mitansehen musste, wie Säuglinge aus ihrem Kinderwagen gerissen und „zum Tontaubenschießen in die Luft geworfen wurden“. Das könne sie schildern – die Geräusche von damals nicht. Sie hat es heute noch im Ohr, wie die Mütter schrien und die Peiniger lachten.

Gauck hält eine eindringliche, einfühlsame Rede. Flucht vor 70 Jahren oder Flucht heute – das Grauen ist ähnlich: Tod, Angst, Folter, Vergewaltigung. Was bleibt, sei „eine lebenslange Wunde“. Er will die Erinnerung nutzen, um den Hilfesuchenden von heute zu helfen. Aus der eigenen Geschichte, der deutschen Verantwortung und der moralischen Pflicht heraus. An dieser Stelle bekommt der Präsident viel Beifall.

Und er beschreibt das lange Ringen des Bundes der Vertriebenen um diesen Gedenktag. In der ersten Nachkriegszeit hätten viele Deutsche ihr eigenes Leid über die Schuld der Nation gestellt. Später, in der Anerkennung der Nazi-Gewalt, seien dann die eigenen Opfer nicht mehr gehört worden. Nun gibt es diesen gemeinsamen Gedenktag am 20. Juni – gekoppelt an den Weltflüchtlingstag. Eine Brücke zwischen damals und heute. Vertriebenen-Präsident Bernd Fabritius dankt. Er schlägt milde und versöhnliche Töne an.

Das Jugendorchester spielt nun „Ein Tag“ von Wolfgang Schumann. Der kleine Nadar schwingt einen imaginären Taktstock und dirigiert fleißig mit. Er könnte eine Zukunft in Deutschland haben.

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