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GASTBEITRAG

Eindrücke aus Russland

Als Visiting Professor und Mitgründer der Moskau School of Management at Skolkovo und Lenkungsausschussmitglied des deutsch- russischen Energieforums war ich in den letzten Tagen wieder einmal in Moskau und St. Petersburg.

Gespräche mit vielen Managern, McKinsey- Kollegen und Professoren sowie die vielfältigen Eindrücke sind alles andere als eindeutig, eher sogar widersprüchlich. Obwohl das Bruttoinlandsprodukt zum dritten Mal in Folge zurückgeht, hat man nicht das Gefühl, dass die Krise in den beiden Großstädten manifest ist. Die Geschäfte sind voll, insbesondere mit Artikeln des gehobenen Konsums. In den Restaurants gibt es nur selten leere Tische. Die Staus in Moskau vom Flughafen Domodedowo zum Kreml sind mit etwa 120 Minuten gefühlt endlos.

Einige Eindrücke sollen schlaglichtartig wiedergegeben werden:

Das Fernsehen berichtet von Siegen in Syrien und von Besuchen der hochrangigen Politiker aus der Türkei, Syrien und dem Iran. Putin is everywhere. Der „wohlmeinende“ Präsident erscheint täglich in sehr vorteilhaften Ausschnitten. Die nächste Präsidentenwahl ist praktisch entschieden. Putin wird wohl für weitere sechs Jahre Präsident.

Die 5500 deutschen Unternehmen in Russland haben sich mit den Sanktionen und der aktuellen Situation in Russland arrangiert. Dieses Jahr rechnet man mit einer Steigerung der Investitionen um 22 Prozent.

Die Situation in der Ostukraine ist instabil und wohl auch nicht durch eine OSZE- Brigade nachhaltig lösbar. Die Krim gehört für immer zu Russland, schließlich haben die Menschen dort so abgestimmt. Minsk 2 kann nicht umgesetzt werden, da in der Ukraine ein wenig stabiles System etabliert ist.

Die politische Führung gilt als sehr korrupt. Die traditionellen Beziehungen zwischen Russen und Ukrainern haben großen Schaden genommen.

In Russland baut man auf die Eurasische Union, die irgendwann mit der EU auf Augenhöhe sein soll und dann eine Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok schaffen soll.

Die beschriebenen Eindrücke entsprechen dem Bild eines Landes, das im Wesentlichen mit sich im Reinen ist und in dem der Präsident eine über 80-prozentige Zustimmung hat.

Einige beängstigende Signale sollen dies allerdings ergänzen: Stalin gilt als die populärste Person der russischen Geschichte (Sieger im Großen Vaterländischen Krieg, Elektrifizierer, Lehrmeister, der alle Russen lesen und schreiben lehrte. Von seinen Opfern hört man wenig.)

Die westlichen Attacken auf das russische Dopingsystem werden als Propaganda abgetan. Eine Entlassung des Vize-Ministerpräsidenten Witali Mutko, den man im Westen für einen der Hauptdrahtzieher des russischen Dopingsystems hält, gilt als undenkbar.

Russland wendet sich nach innen. Westliche Professoren und Studenten haben sich zunehmend zurückgezogen. Man konzentriert sich auf russische beziehungsweise zentralasiatische Professoren und Studenten.

Russland leidet unter Bevölkerungsmangel. Vor mehr als 100 Jahren lebten knapp zehn Prozent der Weltbevölkerung im Großreich Russland (inklusive Polen und Finnland). Während die USA, Europa und China sich explosionsartig entwickelten, hat Russland heute in etwa so viel Menschen wie    vor dem Ersten Weltkrieg (140 Millionen) oder etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung. Insbesondere der Wegzug gut ausgebildeter Akademiker nach USA, Israel, Großbritannien und Deutschland hinterließ große Lücken.

Das Verhältnis zu Deutschland ist einigermaßen befriedigend. Heute sagen laut Umfragen allerdings nur noch knapp 30 Prozent der Russen, dass sie Deutschland als sympathischen Nachbarn betrachten. Vor der Verhängung der Sanktionen waren es noch 70 Prozent. Minister Gabriels Metapher von dem „Nachbarn“ Russland wird häufig zitiert.

Die russische Seele zu ergründen, war mir wieder einmal nicht vergönnt, obwohl ich den Eindruck habe, dass Russland eine friedliebende Nation ist. Spürbar in der DNA sind die jahrhundertealten Überfälle seitens der Mongolen, Schweden, Franzosen und Deutschen, die bei den Russen eine tief sitzende Furcht vor den Nato-Erweiterungen hervorbringen. Ich kam mit durchaus gemischten Gefühlen zurück, betrachte mich keineswegs als „Russen-Versteher“, verfolge jedoch die wirtschaftlichen und kulturellen Austausche mit großem Wohlbehagen.

Der Autor

ist einer der bekanntesten deutschen Unternehmensberater, der lange für McKinsey arbeitete. Er sitzt in zahlreichen Bei- und Aufsichtsräten. Mehrfach beriet er die bayerische Staatsregierung.

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