„Ein einziges Auto kann zum Kollaps führen“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Josef Seebacher von der Autobahndirektion.

Baustellen in der Region zur Urlaubszeit . Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern spricht im Interview über die logistische Herausforderung an Großbaustellen und die Staufalle Mensch.

München – Sommerzeit ist Reisezeit ist Baustellenzeit. Einer, der Oberbayerns Bau- und Staustellen wie wenige andere kennt, ist Josef Seebacher. Der Ingenieur ist Sprecher der Autobahndirektion Südbayern.

-Herr Seebacher, viele haben den Eindruck, dass sich die Großbaustellen gerade im Sommer häufen.

Der Eindruck täuscht. In den Sommerferien wird auf den Haupturlaubsrouten sogar weniger gebaut. Allerdings wird in dieser Zeit mehr auf den Pendlerstrecken gearbeitet, weil in den Ferien weniger Pendler unterwegs sind.

-Haben Sie alle Ihre aktuellen Großbaustellen im Kopf?

Das sind die A 96, die A 99 und die A 92, die in den letzten Zügen ist, eine Baustelle bei Regensburg und eine bei Straubing. Großbaustellen sind eigentlich nicht unser Hauptgeschäft. Das ist zwar das, was der Autofahrer länger sieht – das meiste setzen wir aber in Nacht- und Wochenendaktionen um. Da wird mal schnell eine Autobahn gesperrt, um eine Brücke einzuheben. Auch viele Fahrbahnerneuerungen machen wir als Nachtbaustellen. Der Pendler, der abends heimfährt, sieht davon am nächsten Morgen nichts mehr. Auf den starkbefahrenen Strecken im Großraum München ist das die einzige Methode, wie man überhaupt noch etwas bauen kann.

-Dann ist die Baustellen-Situation diesen Sommer nicht angespannt?

Was wir jetzt vor den Ferien natürlich noch machen, ist die klassischen Haupturlaubsstrecke nach Italien, die A 8. Wir haben versucht, vor den Sommerferien noch alle Instandhaltungsmaßnahmen durch zu bekommen. Wenn der ganz große bayerische Reiseverkehr anrollt, müssen wir weg sein.

-Also muss man in Wirklichkeit sagen: Sie planen die Ferienzeit als baustellenfreie Zeit.

Auf den Ferienreiserouten, ja. Für die Pendlerstrecken planen wir, wie gesagt, anders. Wir haben Verkehrsdauerzählstellen, die uns genau sagen, zu welcher Zeit wie viel Verkehr ist. Und nach diesen Zahlen versuchen wir, die Baustellen zu organisieren.

-Wie kann man koordinieren, dass nicht zu viel parallel gebaut wird?

Wir selber haben nicht wahnsinnig viele Ausweichmöglichkeiten. Als wir zum Beispiel die Autobahn Richtung Augsburg und Ulm ausgebaut haben, haben wir auf der Ausweichstrecke, der A 96, keine Baustellen gehabt. Und als der erste Ausbau fertig war, konnten wir mit der A 96 anfangen. Deswegen sind hier im Moment viele Baustellen – wir haben es ja einige Jahre zurückgehalten.

-Und wenn parallel auf Bundes- oder Staatsstraßen gebaut wird?

Es gibt das strategische Netz von wichtigen Bundesstraßen und Autobahnen. Da sprechen wir uns mit den zuständigen Stellen ab. Das macht’s natürlich immer ein bisserl schwierig, weil jeder bei sich unterschiedliche Probleme hat. Wir sind aber nicht allein auf der Welt – und über die Bauämter und Kommunen verfügen wir auch nicht.

-Welche Ihrer Baustellen ist die komplizierteste?

Kommt darauf an, ob man es technisch oder logistisch sieht. Tunnel oder große Brücken sind technisch anspruchsvoll – aber logistisch ist es oft noch schwieriger, den Verkehr während des Baus aufrechtzuhalten. Logistisch komplex ist zum Beispiel: das Autobahnkreuz München-Ost abbrechen und dabei den Verkehr auf beiden Autobahnen, dem Autobahnring A 99 und der A 94, ungestört laufen zu lassen. Technisch sind es ganz normale Brücken – aber der Verkehr muss weiter rollen. Wären wir auf der grünen Wiese, ohne Verkehr, wär alles ganz einfach.

-Was tun Sie, damit der Verkehr in der Baustelle möglichst ungestört rollen kann?

Wir legen Verkehrsleitsysteme rein, wie auf der A 99 im Münchner Norden. Da haben wir Telematik in Form von mobilen, gesteuerten Schildern eingebaut, um den Verkehr möglichst gut fließen zu lassen. Wir warnen vor Stau, nehmen die Geschwindigkeit runter, wenn der Verkehr mehr wird. Damit verhindern wir Unfälle. An den Verkehrsdaten und über unsere Kameras sehen wir, wie der Verkehr läuft. So leiten wir Rettungs- und Abschleppdienste. Steht in der Baustelle ein Pannenfahrzeug und man bekommt es nicht raus, entsteht ein Mega-Stau, der sich dann auch nicht mehr so schnell auflöst. Da kann ein einziges Auto zum Kollaps führen. Man muss wissen: Wenn es zum Stau kommt, kommt auch die Baustelle zum Erliegen.

- Stichwort Stau: Verursachen Baustellen Stau?

Eine Baustelle an sich erzeugt keinen Stau. Eine Baustelle schränkt aber die Kapazität einer Autobahn ein. Wie viele Autos wir pro Spur durchbekommen, hängt von den Autofahrern ab. Gute Berufspendler, die jeden Tag die Strecke fahren, lassen sich nicht so sehr von der Baustelle ablenken. Die fahren gleichmäßig, machen keine wilden Überholmanöver. Das ist in den Urlaubswellen anders: Wenn müde Autofahrer kommen, die schon viele Stunden unterwegs sind, kommt der Stau viel früher. Da ist viel Psychologie dabei. Wir haben festgestellt: Die Ablenkung ist entscheidend.

Interview: Kathrin Brack

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare