Was ist eigentlich „Leitkultur“?

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Über Leitkultur sprachen wir mit Irene Götz, Professorin für Volkskunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München. -Was ist bayerische oder deutsche Leitkultur?

Sie beschäftigt sich mit Identitätspolitik sowie nationalen Fremd- und Selbstbildern. Die 53-Jährige ist Autorin des Buchs „Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989“.

Schwierig. Der Begriff setzt voraus, dass es jemanden gibt, der die Kompetenz hat, diese Leitkultur festzulegen und zu fordern. Das ist praktisch nicht möglich. Kultur verändert sich und ist nie einheitlich. Allein Bayern besteht aus verschiedenen Regionen mit eigenen Dialekten und Bräuchen. Woher kommt die Leitkultur? Aus Schwaben? Franken? Oberbayern?

-Ist das Wort deshalb auch so ein Reizwort?

Ja, weil es immer sehr polarisiert hat. Es tauchte um 2000 auf, als die Staatsbürgerschaftsreform verabschiedet wurde. Friedrich Merz, damals CDU/CSU-Bundestagsfraktionschef, trat die Debatte los. Es ging um Anreize für Einwanderer, sich anzupassen. Klar war schon damals: Man muss sich erst einmal über die eigenen Werte klar werden. Weder Politiker noch Wissenschaftler konnten sagen, was denn dazugehört.

-Man landet schnell bei Klischees, oder?

Ja. Die Debatte hatte sich in den letzten Jahren entschärft, durch die vielen Flüchtlinge ist sie wieder brisant geworden. Zwischen den Parteien bestand in den letzten Jahren fast Konsens, dass wir als Leitkultur vor allem die Werte in der Verfassung und unsere Gesetze haben. Auch die liberale Gesellschaft, Vertrauen in öffentliche Ordnung und Sicherheit, Emanzipation. Das ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner.

-Kultur, Brauchtum, Tradition ist für viele sehr emotional. Hat das was im Gesetzestext verloren?

In die Verfassung gehört das nicht rein. Die bietet schon genügend Anknüpfungspunkte, die für eine liberale Gesellschaft sprechen oder zum Beispiel auf Gleichberechtigung der Geschlechter aufbauen. Ich finde schon, dass es im Moment eine Debatte über Leitkultur geben sollte. Aber der Begriff ist nicht glücklich, weil er eine Überlegenheit formuliert. Weil er annimmt, es gibt eine gute Kultur und die soll gelten. Wir sollten besser über verbindliche Leitwerte diskutieren. Vielleicht haben wir die in der Verfassung verankert, aber man muss sie nochmal ins Bewusstsein heben. Die Frage ist: Welche Werte wollen wir schützen? Auch länger hier lebende Einwanderer sollten mitdiskutieren. Nicht einfach von oben herab regieren!

-Schließen sich Leitkultur und Multi-Kulti-Gesellschaft aus?

Solange Kultur nicht mit unserer demokratischen Grundordnung in Konflikt gerät, ist Multi-Kulti kein Problem.

Man könnte sagen: Alle folgen einem kleinsten gemeinsamen Nenner an demokratischen Grundwerten, die eingehalten werden müssen, zu denen sich alle bekennen. Seine Kultur kann jeder nach seiner Façon leben. Ob ich meinen Gebetsteppich ausrolle oder in die Kirche gehe und bete, ist Privatsache.

-Muss Multi-Kulti auch Grenzen haben? Ein Beispiel, das gerne hitzig diskutiert wird: Soll das christliche Krippenspiel in der Schule angepasst werden, so dass auch muslimische Kinder mitmachen können?

An der Schule sollen Traditionen gelehrt werden. Es muss möglich sein, auch in einer Grundschule mit hohem Anteil an nicht-christlichen Kindern ein Krippenspiel aufzuführen. Das sollte man als Tradition hierzulande kennenlernen, die man vermittelt, ohne dass man dem anderen seinen Glauben aufdrückt. Viele Einwanderer haben damit auch gar kein Problem. Wie Muslime wiederum zur Weihnachtszeit feiern – manche übernehmen ja durchaus unsere Symbole –, da sollte sich auch kein Staat einmischen. Im Privaten ist jeder für seine eigene Kultur verantwortlich, solange sie nicht an die Grenzen unserer Demokratie und Rechtstaatlichkeit stoßen.

Interview: Carina Zimniok

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